Die ersten Züge einer Handschrift

15. November 2011, 22:08
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Vom Ergebnis her ist die Premiere von Marcel Koller als Verantwortlichem für das ÖFB-Team missglückt. Die Leistung beim 1:2 in der Ukraine machte aber Lust auf mehr. Vielleicht ist der Weg gar nicht so weit.

Lemberg - Der Schweizer Marcel Koller saß am Dienstagabend ziemlich durchgefroren in den Katakomben der Lwiw-Arena und bilanzierte sein erstes Spiel als österreichischer Teamchef. Er hat nach dem 1:2 (0:1) gegen EM-Gastgeber Ukraine, das unter die Rubrik "Pech" fällt, nicht gejammert. Koller fasste zusammen: "Wir haben das Spiel bestimmt, die Jungs haben mehr umgesetzt, als ich erwarten konnte. In der Mannschaft steckt Klasse. Das Ergebnis ist missglückt, die Leistung geglückt." Oleg Blochin, Teamchef der Ukraine, stimmte zu. "Respekt vor den Österreichern, es war verdammt schwierig."

Koller hatte mit der Wahl des Tormanns leicht verblüfft, der 27-jährige Robert Almer, Reservist bei Fortuna Düsseldorf (Tabellenführer in der zweiten deutschen Liga), debütierte. Über den großen Rest herrschte schon nach den Trainingseinheiten Klarheit. Er sollte die Ideen, das Erlernte umsetzen. Die Ukraine legte auf die Spielgestaltung überhaupt keinen Wert (vielleicht kann sie es nicht), und die hochmotivierten Österreicher waren im Schneegestöber von Beginn an dominant. Die linke Seite mit Christan Fuchs und Andreas Ivanschitz erzeugte Druck, es wurden kaum Bälle verschenkt. Die Ukrainer wurden früh attackiert, die Defensive hatte quasi in Stürmer Marc Janko ihren Ursprung. Marko Arnautovic war Marko Arnautovic, es war ein Streit zwischen Licht und Schatten. Koller hielt sich übrigens stehend in der Coaching-Zone auf, er gab Anweisungen, aber das machte Kollege Blochin auch.

Die ÖFB-Elite kreierte Chancen, ein System war durchaus erkennbar. Julian Baumgartlinger trieb an. Es ist quasi eine Ironie des Fußballs (Schicksal wäre übertrieben), dass der erste Angriff der Gastgeber gleich zum 1:0 führte. 18. Minute: Ein schneller Konter landet bei Oleksandr Aliew, der umkurvt Franz Schiemer, den scharfen Stanglpass verwertet der bullige Artem Milewskij trocken. Dass die Ukrainer in dieser Aktion die rechte Seite der Österreicher düpiert hatten, war indes kein Zufall, sie schwächelte, die Abstimmung zwischen Schiemer und Martin Harnik passte manchmal nicht.

Österreich blieb weiter überlegen, Arnautovic schlenzte den Ball knapp am Tor vorbei (28.), ein Freistoß von Fuchs hätte fast gepasst, aber nur fast (45.). Nach der Pause änderte sich relativ wenig, die Ukrainer wurden einen Hauch aktiver, Almer bekam Aufgaben, er löste sie. Blochin brachte Superstar Andrej Schewtschenko (56.), der 35-Jährige wird von Rückenschmerzen geplagt, ist nur mehr ein Teilzeitarbeiter.

71. Minute: Was sich angekündigt hat, ist gefallen, nämlich der Ausgleich. Flanke Fuchs, Janko köpfelt, Oleksandr Kutschers Rettungsversuch scheitert. Der Verteidiger muss sich keine Vorwürfe machen, sonst hätte Arnautovic eingedrückt, der Treffer wurde offiziell Janko zugesprochen. Kutscher und Arnautovic wurden zehn Minuten später erneut auffällig, eine Rangelei endete mit zwei gelben Karten. Für den Ukrainer war es die zweite, also färbte der norwegische Schiedsrichter Moen auf Rot um.

Fazit: Eine starke, selbstbewusste, temporeiche, konsequente, mitunter phantasievolle Vorstellung. Leider passte das Resultat, die wesentliche Wahrheit im Sport, überhaupt nicht. Denn in der Nachspielzeit erzielte Marko Devic das 2:1 für die Ukraine. In Unterzahl. Und so war es dann doch wieder eine typisch österreichische Geschichte. Sie wird am 29. Februar 2012 fortgesetzt, an diesem Tag kommt Finnland auf Besuch. Die Hoffnung auf untypische Kapitel wurde in Lemberg aber genährt. Ivanschitz sagte: "Es war die beste Auswärtsleistung seit Jahren. Man merkte schon Kollers Handschrift." Der Weg bleibt trotzdem weit. Sagte Koller. "Wir sind am Anfang." (DER STANDARD Printausgabe; 16. November 2011)

Ukraine - Österreich 2:1 (1:0). Lwiw (Lemberg), Arena Lviv, SR Svein Oddvar Moen (NOR).

Tore: 1:0 (18.) Milewskyj, 1:1 (71.) Janko, 2:1 (92.) Devic

Ukraine: Dykan - Fedetskiy (46. Butko), Kutscher, Rakyzkyj, Selin - Timoschtschuk, Rotan (46. Garmasch) - Jarmolenko (64. Gusjew), Aliew (75. Devic), Konopljanka (86. Nasarenko) - Milewskyj (56. Schewtschenko)

Österreich: Almer - Schiemer, Prödl, Pogatetz, Fuchs - Harnik (60. Kavlak), Baumgartlinger, Alaba, Ivanschitz - Arnautovic - Janko

Gelb-Rote Karte: Kutscher (81.), Gelbe Karten: Fedetskiy, Kutscher, Rakyzkyj bzw. Janko, Prödl, Arnautovic

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    Österreich spielte zufriedenstellend. Und verlor. Wieder einmal.

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    Marc Janko servierte per Kopf das Eigentor der Ukrainer (auch wenn es der Schiri nicht so sah), David Alaba rannte sich in der Zentrale die Seele aus dem Leib.

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