Nicht weitergekommen

Blog16. November 2011, 10:53
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Die postmigrantische Generation braucht ein Bildungssystem, in dem die Hemmnisse bildungsferner Milieus überwunden werden können

Motivation schaffen, Vorurteile abbauen und mehr auf Leistung als auf die Herkunft schauen", das sei sein Zugang zu Integration, erklärte Staatssekretär Sebastian Kurz bei der Präsentation seiner Kampagne "Top 100 Migranten". Mittlerweile touren im Rahmen der Imagekampagne "IntegrationsbotschafterInnen" durch die Schulen, um von ihrer vorbildhaften Integrationsleistung zu erzählen.

Die Parole, dass "Menschen nicht nach Herkunft, sondern nach Leistung beurteilt werden" sollen, kann in einer modernen Einwanderungsgesellschaft nicht laut genug propagiert werden. Jungen Menschen Vorbilder zu präsentieren, die ihre beruflichen Ziele erfolgreich umgesetzt haben oder mit herausragenden Talenten gesegnet sind, ist bestimmt auch nicht falsch. Besonders originell oder erfolgversprechend ist aber weder das müßige Motto noch die Integrationstour.

Dass Migrantinnen und Migranten viel leisten und möglichst nützlich sein sollen, ist keine Erfindung der Leistungsträger-Partei ÖVP. Will man ein "guter Ausländer" sein, hilft nur eines: besser werden – trotz schlechterer Startbedingungen, trotz des aufstiegsfeindlichen Bildungssystems und eines latent fremdenfeindlichen Klimas. Leistungswillig war die erste Generation der Einwanderer allemal, denn sie kamen, um in Österreich weiterzukommen. Ihre Integration – und in vielen Fällen auch jene ihrer Kinder – wird trotzdem für gescheitert erklärt. Wie das?

Auch die Nachkommen jener Gastarbeiter, die Österreich vor Jahrzehnten ins Land geholt hat – in der Hoffnung, dass sie zur rechten Zeit wieder gehen – haben sich oft alles andere als willkommen gefühlt. Viele von ihnen sind gerne "unter sich geblieben", und obwohl sie nie anderswo gelebt haben, sind sie nie in Österreich angekommen. Die zweite und dritte Generation braucht tatsächlich dringend positive Botschaften aus der Mehrheitsgesellschaft. Es ist aber zu bezweifeln, ob die Methode – "Die Guten auf Integrationstour, die Schlechten ins soziale Abseits"- zielführend ist.

Was die heranwachsende, postmigrantische Generation braucht, ist ein Bildungssystem, in dem die Hemmnisse bildungsferner Milieus überwunden werden können, und eine Aufnahmegesellschaft, die nicht nur Ausnahmetalente und Aufsteigertypen willkommen heißt. (Olivera Stajić, daSTANDARD, 16.11.2011)

Dieser Kommentar ist in Rahmen der Sonderbeilage daSTANDARD entstanden.

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