Das große Mysterium der Länderratings

Viele Fakten, viel Meinung: Experten halten die Urteile von Ratingagenturen oft für nicht nachvollziehbar

Was hat Trinidad und Tobago mit Italien gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig: Italiens Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung ist zweieinhalb mal so hoch wie jene des südamerikanischen Staates. Die Lebenserwartung der Italiener ist um elf Jahre höher, auf dem UN-Index für menschliche Entwicklung liegt Italien 40 Plätze voran, Trinidads Wirtschaft ist 100-mal kleiner.

In den Augen der Ratingagenturen zählt das wenig. Beide Länder werden vom Marktführer Standard & Poor's mit der Bonitäts-note A bewertet, wobei Italien auf der Beobachtungsliste für eine Herabstufung steht. Das ist nicht der einzige bemerkenswerte Fall: Kolumbien, ein Land, in dem ein Bürgerkrieg zwischen Regierung und Farc-Guerilla tobt, verfügt über das gleiche Rating wie Portugal und ist nahe an Irland dran.

Angesichts der Beispiele drängt sich die Frage auf, nach welchen Kriterien Ratingriesen ihre Buchstaben-Zahlen-Kombinationen in den 21 Abstufungen - von AAA wie hervorragender Schuldner bis D wie Pleitefall - vergeben? Den Antworten Außenstehender zufolge sind sie äußerst unterschiedlich und reichen von "w" wie willkürlich bis "o" wie objektiv.

Standard & Poor's veröffentlicht seine Bewertungskriterien. Die Länder werden demnach in fünf Hauptkategorien - darunter politische Stabilität, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, internationale Finanzposition - mit Noten bewertet. Die fünf Kategorien sind weiter untergliedert: Bei politischer Stabilität wird etwa die Transparenz von Institutionen, die Verlässlichkeit von Statistiken und die Zahlungsmoral beurteilt.

Ist die Benotung abgeschlossen, wird es spannend. Ausgehend von den Noten, bilden sich die Länderanalysten eine "Meinung" über die Schuldentragfähigkeit eines Landes. Wie aus den angeblich objektiven Fakten subjektive Meinung wird, darüber klärt S&P kaum auf. Bekannt ist nur, dass die Agenturen Ländergruppen bilden und ein zu beurteilender Staat stets mit anderen Ländern verglichen wird. Ratings sagen also stets etwas darüber aus, wie sich die Zahlungsfähigkeit eines Land im Vergleich zu einem anderen verhält.

An dieser Stelle setzt auch die Kritik ein: Ökonomen der Universität St. Gallen haben sich die Bewertungen der Agenturen in den Jahren 2009 und 2010 angesehen und mit Wirtschaftsdaten ausgewählter Länder verglichen. Die häufige Herabstufung von Griechenland, Portugal, Irland und Spanien ist nach Ansicht der Forscher durch die Fundamentaldaten nicht gerechtfertigt.

Auch aus den Länderberichten von S&P ist kaum ersichtlich, warum ein Land wie bewertet wird. Trinidad und Tobago ist zum Beispiel nicht nur viel ärmer als Italien. Das Land hatte 2010 sogar ein höheres Defizit. Der einzige fundamentale Unterschied ist der Verschuldungsstand (Italien: 119 Prozent der Wirtschaftsleistung, bei Trinidad sind es 39 Prozent).

An dieser Stelle tragen die Agenturen wenig zur Aufklärung bei: Die Noten, die ein Land in den wichtigen Bewertungskategorien erhält, veröffentlichen sie nicht.

Gut bekannt ist dafür das formale Prozedere bei der Länderbewertung. Nachdem Analysten ihre "Meinung" abgeben, entscheiden Komitees, die mit mindestens fünf Personen besetzt sind.

Die Komitees entscheiden dann mit einfacher Mehrheit, ob sie der Einschätzung eines Analysten folgen. Wer in den Komitees sitzt, ist geheim. Die für Europa zuständigen Gruppen sollen in Europa tagen. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16.11.2011)

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