Linzer Spaltpilz für die Deutschland AG

15. November 2011, 19:30
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Beinamen hat er viele: Als "größter Kapitalvernichter aller Zeiten" wurde er ebenso tituliert wie als "Geist des Kapitalismus". Paul Achleitner hält von all diesen Überschriften nichts. Der Linzer, der in die Welt ging, um Karriere zu machen, favorisiert eher das Motto "low key", wie er in seinem gemischt oberösterreichisch-bayerischen Jargon mit Hang zu englischen Ausdrucksweisen mit New Yorker Akzent einmal erzählt hat.

Wenn der Finanzchef des Allianz-Konzerns bald an die Spitze des Aufsichtsrats der Deutschen Bank rückt, muss er wohl eine mentale Hürde überwinden: Das Institut in Frankfurt war es nämlich, das Achleitners Erfolgsspur kreuzte. Frisch von Goldman Sachs zur Allianz gewechselt, wollte der Österreicher die Beteiligung an der Dresdner Bank dem Rivalen umhängen. Doch der Deal wurde vorzeitig nach außen gespielt - und platzte. "Das war eine der großen Enttäuschungen, die ich erlebt habe", räumt er ein. Es kam noch schlimmer: Die Allianz schluckte die Dresdner Bank letztlich ganz, doch die geplante Integration ging schief, die Bank wurde letztlich der Commerzbank anvertraut, die sich jetzt die Zähne ausbeißt.

Fürsprecher halten Achleitner zugute, dass ein Gros der "Kapitalvernichtung" nicht ihm, sondern den für die Integration zuständigen Vorstandskollegen anzulasten sei.

Während Achleitner in München die Deutschland AG umkrempelte, hatte er hin und wieder auch Zeit, den Aufsichtsratssitzungen der österreichischen Staatsholding ÖIAG beizuwohnen. Manchmal ließ er die Kollegen aus Zeitmangel auch zu sich einfliegen. Zuletzt übernahmen die EU-Spitzen sein Versicherungsmodell für den Eurorettungsschirm.

Privat liebt es der Harvard- und St.-Gallen-Absolvent leiser. Wenn dann der Boulevard den Besuch von Joschka Fischer in Achleitners Villa auf Mallorca geißelt, verweist er auf die jahrzehntealte Freundschaft zum früheren deutschen Außenminister, der auch Pate eines seiner Kinder ist.

Die Ehe mit der Ökonomieprofessorin Ann-Kristin gelang erst im zweiten Anlauf: Am geplanten Hochzeitstag kam dem damaligen Goldmann der Börsengang der Telekom dazwischen, weshalb die Vermählung verschoben wurde. Die Loyalität zahlte sich aus: Mit dem Börsengang der umstrittenen Investmentbank dürfte Achleitner als Partner Kasse gemacht haben. Die schätzte er angesichts ihrer Größe auch bei der Allianz: "Bei der Kasse bin ich gern Kassenwart." (Andreas Schnauder, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16.11.2011)

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