Gut gebrüllt, Michel!

Kommentar |

Selbstverständlich sollen Ratingagenturen zeitgemäße Strafen bekommen, wenn sie foul spielen. Aber mundtot darf man die Finanzbewerter nicht machen

Was wurde aus allen Ecken und Enden Europas seit 2009 nicht alles angekündigt zum Brechen der Macht der Ratingagenturen (gemeint waren eigentlich immer nur Fitch, Standard & Poor's und Moody's): Den Aufbau einer europäischen "Gegenagentur" sollte es geben, hieß es aus Frankreich. Den drei US-Riesen sollte man zeitweilig verbieten können, ihre (bösen) Bewertungen von exzessiv überschuldeten EU-Ländern zu veröffentlichen, kündigte der zuständige EU-Kommissar Michel Barnier an.

"Gut gebrüllt, Löwe", muss man jetzt sagen, nachdem die EU-Kommission die hohen Erwartungen enttäuscht hat, enttäuschen musste. Es ist eben nicht ganz so einfach, freie Märkte und freie Meinungsäußerung einerseits groß auf seine Fahnen zu heften, wie das die Union tut, das aber andererseits mit legistischen Schnellschüssen eindämmen zu wollen, nur weil einem Einschätzungen nicht passen.

Selbstverständlich sollen Ratingagenturen zeitgemäße Transparenzregeln, Beteiligungsobergrenzen oder Strafen bekommen, wenn sie foul spielen, wenn sie Wissensmacht missbrauchen, um verbotene Geschäfte zu ermöglichen.

Aber diese Regeln müssen einem komplexen System angepasst sein. Vor allem darf es nicht dazu führen, dass die Investoren auf der Welt zum Schluss kommen könnten, die Europäer wollten die Finanzbewerter mundtot machen, weil sie den Auslöser der schlechten Ratings kaschieren wollen - die gnadenlose Überschuldung mancher Staaten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.11.2011)

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22 Postings
Sehr geehrter Herr Mayer

Da Sie ein Experte zu EU-Themen und unseren EU-Abgeordneten sind, wollte ich Sie fragen, was Sie zu dem Plagiatsverdacht gegen Martin Ehrenhauser denken. Vor zwei oder drei Wochen schrieben News oder Österreich dazu einen Artikel, und in den Kommentaren beim Standard scheint es dazu einige Diskussion zu geben, aber ich finde keinen Artikel bei einer der 'besseren' Zeitungen wie dem Standard.

Kennen Sie dazu etwas mehr Details, und als wie schwer beurteilen Sie den Verdacht?

Danke im Voraus,
Ines Uhlmann

Zu dem ganzen rating hokuspokus kann man nur eines sagen: prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die zukunft betreffen.

„heute kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert" Oscar Wilde

Wir sind so gern in der freien Natur,
weil diese keine Meinung über uns hat. - Friedrich Nietsche

Erst wenn die Heiligen verschwinden,
wird es keine Sünder mehr geben. - Laotse

Volksverblödung wirkt II

Dass die Eurostaaten pleite sind und das inzwischen den Dümmsten auffällt, hat mit den Ratingagenturen gar nichts zu tun. Ob die Politiker jetzt den Messager erschiessen oder nicht, wird an den Zweifeln an der Leistungsfähigkeit der europäischen staaten nichts ändern. Der nächste Schritt der regierenden Euro-bürokraten werden dann ohnehin Zwangsanleihen für alle sein.

Volksverblödung wirkt

Es ist traurig, dass der Unsinn, den Politiker verzapfen, von Medien übernommen und dann noch weiterverbreitet wird. Sachlich ist es inkorrekt, von den 3 US-Ratingagenturen zu sprechen. Fitch ist zumindest halbeuropäisch (Headquarter NY/London) und steht mehrheitlich in französischem Besitz. Weiters hinken die Ratingagenturen immer hinter den Märkten her. Bei allen großen "Geschichten" der letzten Jahre (Enron, Worldcom, US-Immo, Finanzkrise, Griechenland, weitere Staaten) hat immer erst Markt eine Richtung eingeschlagen und dann sind die Ratingagenturen gefolgt. In Irland haben sie die Wende zum Besseren auch wieder verschlafen, Moody's hat Irland herabgestuft, 1 Woche später haben die Zinsen zu Fallen begonnen und sich fast halbiert.

falsch. um diesen wahnsinn zu stoppen, MÜSSEN die ratingagenturen mundtot gemacht werden. sonst wird die krise a) zu einer immerwährenden und b) führt sie zum primat der märkte über die politik. gegen die ratingagenturen muß also noch viel schärfer vorgegangen werden.

Primat der Politik

Wer hat den "Primat der Politik" eigentlich erfunden? Vielleicht Politiker? Ich kann mir einen Primat der Verfassung vorstellen. Wenn man sich ansieht, welchen haarsträubenden Blödsinn der "Primat der Politik" hervorbringt (Schuldenberge, Biosprit, Überwachungsstaat, Glühbirnenverbot, Frühpensionierungswahnsinn, Milliarden in EU-Strukturfonds für Griechenland, Portugal, Irland und Spanien [fällt irgendwem was auf???? Was macht Herr Hahn? Weiter wie bisher!!]), ist es höchste Zeit dass der Primat der Grundrechte und der wirtschaftlichen Vernunft wieder hergestellt wird. Gott sei Dank gibt es noch Märkte, die sich dem politischen Diktat entziehen.

die politik fügt dem volk ohnehin schon viel schaden zu. die märkte aber noch mehr.

Gut gebrüllt, aber nur den halben Weg gegangen

natürlich muss der gott-status der amerikanischen agenturen rücksichtlos gebrochen werden. inzwischen knien 3/4 der staaten vor diesen instituten und müssen sich von ihnen in den dauerhaften staatsruin treiben lassen. wenn man aber die macht der rating-agenturen brechen will, muss man auch die der staatstragenden banken brechen. too big to fail - das muss durch zerschlagung verhindert werden. dann kommen die rating-agenturen auch wieder vom jesus-sockel.

statt sich fürs Service zu bedanken will man Sie mundtot machen

Nur mehr peinlich diese Herren in Brüssel

stimme voll zu

Es grenzt doch eigentlich an Absolutismus, denjenigen den Mund zu verbieten, die es wagen unangenehme Wahrheiten aufzuzeigen. Ein Aussetzen den Bonitätsbewertung von Staaten hätte vor allem zwei Folgen:

- Mehr Gefahr für Anleger (auch für Instutionen die Pensionen, Spareinlagen oder Versicherungsgeld verwalten).
- Die Investoren ziehen sich erst recht zurück, weil jegliches Vertrauen verloren geht.

Ratet die Rater

Unnütze Volksschädlinge, Laufburschen des Großkapitals.

naja

im grossen und ganzen haben sie ja recht. aber zumindest müssten diese Agenturen ein bessere Qualitätsmanagement für Ihre Ratings einführen, denn genau diese Agenturen haben auch kurz vor der Uten Krise Lehmann und Konsorten mit Top Ratings versehen.

naja

Die Ratingagenturen sitzen in den USA

und scheren sich nicht um diesen selbstsüchtigen Franzosen, dessen Macht am Schlagbaum der Grenze endet.

Transparenzregeln

sollten einsehbar sein, und verpflichtend zu jedem Rating die detaillierte Begründung

derzeit ist das nur Wischi-waschi black box

es muß einklagbar werden wie üble Nachrede / Kreditschädigung

aber na gut, Zeitungen dürfen ja auch alles behaupten :-)

"Gut gebrüllt..."

die phrase ist sowas von altvatrisch

Schlag nach bei Shakespeare...

Augenauswischerei!

"...wenn sie foul spielen, wenn sie Wissensmacht missbrauchen, um verbotene Geschäfte zu ermöglichen"

Das ist doch die Absicht der RA - sie haben keine andere. Banken und Großkonzerne stehen dahinter: es geht um das Spiel mit den Finanzkräften.
Wäre es anders: warum wurde einer bestraft, der es gewagt hat, die Fast-Pleite-USA von ihrem AAA-Ranking herunterzustufen?

Nein, die RA spielen, was man an dem "Irrtum" mit Frankreich doch sehr fein sehen konnte, mit den EU-Staaten, der EU als Gesamtes und mit den "Märkten". Immer geht es darum, maximalen Gewinn zu erzielen. Kein anderes Ziel steckt dahinter.
Kein einziges.

genau

rating agenturen sind private unternehmen - und was ist deren ziel? richtig: gewinnmaximierung.

es ist abwegig zu glauben, widerwärtige menschen mit widerwärtigen motiven würden etwas zum gemeinwohl beitragen.

der zeitpunkt, zu dem die (ankündigungen von) ratings stattfinden ist interessant. auslöser sind immer die "nervösen" märkte (wann sind die nicht nervös?). wer verdient an den herabstufungen?

es geht nicht darum, wie es im artikel steht, jemandem den mund zu verbieten. es geht um ein korrektiv, das es zur zeit so nicht gibt und den ratingagenturen macht über ganze volkswirtschaften gibt. und die "gandenlose überschuldung" mancher staaten? finanzmärkte essen staaten auf ...

Das Problem sind nicht die Ratingagenturen per se, sondern jene, welche ihr Handeln von den Äusserungen der Ratingagenturen abhängig machen, ohne deren Aussagen kritisch zu hinterfragen und ohne die von den Agenturen abgegebenen Bewertungen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Man darf nicht andere für die eigene Bequemlichkeit und Dummheit verantwortlich machen.

Super Beitrag.

Unsere Politiker, ein Armutszeugnis. Wenn die beiden meistverachtetsten Berufsgruppen (Banker und Politiker) aufeinanderprallen, wie bei den Ratings, dann muss ja ein lari-fari Zeugs rauskommen.

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