Was von der Zensur übrig blieb

15. November 2011, 18:51
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Rund 50.000 Werke fielen zwischen 1750 und 1848 den Zensoren der Habsburger zum Opfer - Wiener Literaturwissenschafter machen sich auf ihre Spuren, um Einblicke in das damalige literarische Leben zu erhalten

Voltaires Candide, Goethes Faust, Werke von Jean-Jacques Rousseau und Dramen von Alexandre Dumas: Es sind gewichtige Titel, die den Bewohnern des Habsburgerreichs unterschlagen wurden. Allzu aufklärerische und aufrührerische Ideen, Teufelsbeschwörung, Kritik an Religion und Monarchie - all das wurde von der Zensur keinesfalls toleriert.

Reihenweise verboten waren jedoch auch Werke, die keinen derartigen Bekanntheitsgrad erlangten und heute in kaum einer Bibliothek stehen. Es sind dies sogenannte Volksschriften, erotische und schaurige Romane, revolutionäre Untergrundliteratur, halbseidene und esoterische Ratgeber, die Norbert Bachleitner und Daniel Syrovy interessieren.

Die beiden Literaturwissenschafter von der Universität Wien wollen ans Licht bringen, was höchstens unter dem Ladentisch gehandelt wurde. Sie ackern sich durch die Verbotslisten, auf denen zwischen 1750 und 1848 jene Schriftstücke verzeichnet wurden, die niemand oder nur ein eingeschränkter Personenkreis zu Gesicht bekommen sollte.

"Die Verbotslisten sind eine wichtige Quelle, um das damalige literarische Leben nachzuzeichnen", sagt Bachleitner, Abteilungsleiter für Vergleichende Literaturwissenschaften. Aufbauend auf einem vor zehn Jahren begonnenen Projekt arbeiten er und Syrovy, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, rund 50.000 Einträge auf und erfassen sie unter dem Titel "Verpönt, Verdrängt - Vergessen" in einer Datenbank.

Systematische Kontrolle

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der österreichischen Zensur habe sich bisher weitgehende auf Einzelfälle beschränkt, betonen die Forscher. Hinzu kommt, dass Werke unliebsamer Autoren wie Grillparzer und Nestroy vor dem Druck durch strenge Vorzensur bereinigt wurden, was eine Rekonstruktion der verschmähten Texte erheblich erschwert. Nicht so bei im Ausland gedruckten Büchern: Diese konnten erst, wenn sie die Grenzen zur österreichischen Monarchie passierten, "in die Zensur eingeleitet" und gegebenenfalls eingezogen werden.

1751 wurde mit der Einrichtung einer Zensurkommission unter Maria Theresia der Buchmarkt erstmals systematisch kontrolliert, 1754 wurden die ersten Verbotslisten an die Behörden versandt. "Bis dahin wurden Verbote und Strafen eher willkürlich ausgesprochen", sagt Bachleitner. Zum Leiter der Kommission wurde der Mediziner Gerhard van Swieten erkoren, der bis zu seinem Tod 1772 die Stelle mehr oder weniger in Eigenregie führte.

Ab 1780, unter Joseph II., wurde die Zensur relativ locker gehandhabt, was zu einem kurzen Aufschwung der Literaturproduktion führte. Mit der Französischen Revolution 1789 breitete sich wiederum ein extrem repressives Klima aus, die Zensur wurde der Wiener Polizeihofstelle unterstellt. "Den Höhepunkt erreichte die Zensur unter Metternich, insbesondere in den 1840er-Jahren. Bis zu 20 Gutachter waren damit beschäftigt, Empfehlungen abzugeben, über die der Polizeidirektor entschied", sagt Bachleitner.

Unterschieden wurde zwischen vier Beurteilungsgraden: "admittitur" für unbeschränkt zugelassene Schriften; "transeat" für Werke, die nicht beworben werden durften; "erga schedam" für solche, die nur gegen Erlaubnisschein an "verlässliche" Bürger abgegeben werden durften; und "damnatur" für Werke, die verboten waren und nur bei Vorliegen wissenschaftlicher Gründe bewilligt werden konnten.

Aus den Verbotslisten, die bis zu zweimal im Monat erstellt wurden, können die Zensurforscher Schlüsse auf das Leseverhalten sowie die jeweils vorherrschenden Verbotsgründe ziehen. So stellten sie etwa fest, dass zwischen 1750 und 1780 "etwa 60 Prozent der Verbote der Aufrechterhaltung von Religion und Moral dienten", während politisch motivierte Verbote nur 15 Prozent ausmachten, der Rest betraf vor allem medizinische und naturwissenschaftliche Schriften.

"Bis 1790 wurde der Standpunkt der Aufklärung vertreten. Die Menschen sollten vor Kurpfuscherei, Homöopathie, Aberglauben, Anleitungen zum Glücksspiel, psychologischen Ratgebern und ähnlichem geschützt werden", sagt Daniel Syrovy. "Danach kippte das Klima zugunsten der Restauration und klaren Verboten liberaler politischer Schriften."

Beliebte Belletristik am Index

Ins Blickfeld der Zensoren rückt ab der Jahrhundertwende außerdem die Belletristik: Beliebte Ritter-, Räuber-, Schauer- und Liebesromane wurden zunehmend auf den Index gesetzt, Unterhaltungsliteratur überholte bald die Sachbücher auf den Verbotslisten. "Romane setzten sich breit durch und standen im Ruf, besonders von einem weiblichen und jugendlichen Publikum gelesen zu werden", sagt Bachleitner. Und dieses sollte von allzu Trivialem und Anstößigem ferngehalten werden, so die Ansicht der Obrigkeit.

Auf den meist handschriftlich verfassten Verbotslisten entziffern die Literaturwissenschafter neben Büchern viele Zeitschriften, Pamphlete, Flugblätter, Lyrik, Freiheitslieder, aber auch Kupferstiche und Musikalien, deren Zensurmotive nicht mehr nachvollziehbar sind. "Die Datenbank soll ein Ausgangspunkt sein für Untersuchungen der Literaturwissenschaft genauso wie der Kultur-, Sozial- und Wissenschaftsgeschichte", sagt Bachleitner.

Schon jetzt sind die verbotenen Werke von 1833 bis 1848 online, im nächsten Jahr soll das Projekt abgeschlossen werden. Auch wenn nach der Märzrevolution die Zensur vorerst wegfiel: "Die Motive für Verbote bleiben konstant", wie Bachleitner betont. "Es geht nach wie vor um den Schutz von Religion und Moral. Selbst die freiesten Gesellschaften sind nicht davor gefeit." (DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2011)

  • Die Karikatur "Triumph über die Censur" aus dem Jahr 1848. Links im Bild die freie Presse mit dem Licht der Aufklärung, in der Mitte die Karikatur, die ihre Ketten sprengt, rechts ein Kolporteur mit den bisher verbotenen Schriften liberaler Autoren. Kurz darauf wurde wieder zensiert.
    foto: historisches museum der stadt wien

    Die Karikatur "Triumph über die Censur" aus dem Jahr 1848. Links im Bild die freie Presse mit dem Licht der Aufklärung, in der Mitte die Karikatur, die ihre Ketten sprengt, rechts ein Kolporteur mit den bisher verbotenen Schriften liberaler Autoren. Kurz darauf wurde wieder zensiert.

  • Verbotslisten wie diese von 1799 wurden an Behörden, Bibliotheken und Buchhändler verteilt.
    foto: uni wien

    Verbotslisten wie diese von 1799 wurden an Behörden, Bibliotheken und Buchhändler verteilt.

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