Wenn sich der Berg ins Tal schiebt

15. November 2011, 18:38
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Der Gschliefgraben im Salzkammergut ist berühmt-berüchtigt - seinen Geheimnissen sind Geowissenschafter auf den Grund gegangen

Man hätte es wissen müssen. Es gibt schließlich genug Sagen, Überlieferungen und historische Dokumente, die alle eine klare Sprache sprechen: Am Ostufer des Traunsees, im Gschliefgraben, ist es nicht geheuer.

Die Erde ist dort instabil, zuweilen verschwanden sogar ganze Gehöfte. In den See. Sie wurden einfach hineingeschoben, doch nicht etwa von Geisterhand oder Ungeheuern. Die Schuldigen waren Muren und Erdströme. Aus lange unbekannten Gründen bahnten sich solche Materialmassen immer wieder durch den Gschliefgraben einen Weg seewärts.

Gelehrte interessierten sich schon seit 1832 für das seltsame Phänomen. Später wollten Ingenieure die Bedrohung in den Griff bekommen und den Graben zu einem sicheren Siedlungsbereich machen. Vergebens. Trotz Abholzverboten und Bachregulierung kam es auch im 20. Jahrhundert mehrmals zu gefährlichen Bodenbewegungen.

2004 startet ein Expertenteam der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eine umfassende Untersuchung des Areals. Die Forscher führen nicht nur eine besonders detaillierte, geologische Kartierung des Geschliefgrabens durch, sie setzen auch modernste Technik ein. An diversen Stellen werden Stahlelektroden in den Boden versenkt und Strom in den Untergrund geleitet. So erhalten die Geowissenschafter Information über die Zusammensetzung und den Wassergehalt des Erdreichs. Die elektrische Leitfähigkeit unterschiedlicher Schichten gibt hierüber Auskunft. Der Schüttkegel am Seeufer wird mittels seismischer Stöße und des Messens der Echos, die aus der Tiefe kommen, untersucht. So vervollständigt sich das Bild. Es ist ein beunruhigendes.

Bedrohliche Dynamik

Die Auswertungen weisen schon bald auf eine bedrohliche Dynamik im Untergrund hin. "Wir haben gesehen: Da baut sich was auf", berichtet Studienleiter Karl Millahn von der Montanuniversität Leoben dem Standard. Er und seine Kollegen warnen die örtlichen Behörden, doch die zeigen sich zunächst nicht beeindruckt.

Der Geophysiker Millahn, sein Leobener Kollege Erich Niesner und der Geologe Johannes Weidinger von den Gmundner Kammerhof-Museen erkennen derweil die Ursachen für die Bodenverschiebungen. Durch Erosion sammeln sich jahrzehntelang Geröll und Erde von den angrenzenden Berghängen an. Der Gschliefgraben, erklärt Millahn, wird hauptsächlich vom 1691 Meter hohen Traunstein gefüttert. Die Sohle des Grabens besteht allerdings aus relativ weichem Mergel, einem Kalkgestein, welches leicht Wasser aufnimmt. Wenn der Mergel nass wird, verwandelt er sich praktisch in eine Schmierfläche, sagt Millahn. "Dann gerät die aufliegende Masse ins Rutschen." Je schwerer sie ist und je mehr Wasser durchsickert, desto eher. Eine detaillierte Untersuchung wurde heuer in der Zeitschrift für Geomorphologie publiziert.

Im Frühling 2006 ist es so weit. Nach reichlich Regen im vorangegangenen Sommer und einer kräftigen Schneeschmelze kommt am oberen Rand des Gschliefgrabens der Boden in Bewegung. 70.000 Kubikmeter Material sacken hinab, bleiben zunächst jedoch in 250 Metern Entfernung liegen. Aber nicht still. Die Massen kriechen schleichend talwärts. Eine Zeitbombe, wie sich herausstellt.

Die Verschiebungen und zunehmende Feuchtigkeit setzen eine Kettenreaktion in Gang. Gewicht und Wasser destabilisieren bald auch ältere Ablagerungen weiter unten im Gschliefgraben, immer mehr Erdreich kommt in Bewegung. Ende November 2007 eskaliert die Lage. Der Erdstrom bewegt sich nun mit einer Geschwindigkeit von bis zu viereinhalb Metern pro Tag in Richtung See. Knapp vier Millionen Kubikmeter Schlamm und Geröll bedrohen die Häuser in Ufernähe. Mehr als 50 müssen evakuiert werden.

Mit Baggern und Kanälen

Spezialisten der staatlichen Wildbach- und Lawinenverbauung greifen ein. Um den Erdmassen Einhalt zu gebieten, beginnen sie, das Material mit Baggern abzutragen und den Graben nach einer mehr als 100 Jahre alten Idee des Ingenieurs Adalbert Pokorny zu sanieren. Es werden circa zehn Meter tiefe Entwässerungskanäle gegraben, welche man am Boden abdichtet und mit groben Gesteinsblöcken wieder auffüllt. So soll das Wasser abfließen, bevor es den Mergel durchweichen kann. Die fischgrätmusterähnliche Anordnung der Kanäle soll die Rutschgefahr weiter verringern. Zudem werden Bachläufe verlegt.

Der Plan funktioniert, zumindest vorerst. Die bedrohten Gebäude werden zwar bis zu einem Meter seewärts verschoben, doch sie nehmen keine größeren Schäden. Die Natur dagegen sehr. Ein ausgewiesenes Geotop sowie Teile des dortigen Naturschutzgebietes verwandeln sich in eine Baustelle, Lebensräume für seltene Tier- und Pflanzenarten werden zerstört. Die Kosten der noch immer nicht gänzlich abgeschlossenen Maßnahmen dürften bis zu 20 Millionen Euro betragen, heißt es.

Und das Problem ist nicht gelöst. Die Instabilität bleibt, die Erde bewegt sich immer noch. "Man müsste die Gleitfläche in der Tiefe komplett trockenlegen, und das geht nicht", sagt Millahn. Die aufliegenden Schichten sind zum Teil mehr als 70 Meter mächtig. "Deren Bewegungsverhalten ist sehr ähnlich wie bei Gletschern."

Kritiker meinten, man hätte dem Erdstrom seinen Lauf lassen und den bebauten Teil des Gschliefgrabens aufgeben sollen. Das habe die Politik aber anders gesehen, erklärt Millahn. "Die Natur wird beherrscht." Man gibt ihr nicht freiwillig Boden preis, sondern schickt den Bagger. Wissenschaftlich gesehen mache das keinen Sinn. "Wenn ich den Berg nicht aufhalten kann, dann stelle ich mich ihm nicht in den Weg. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Geologe untersucht Anfang Dezember 2007 eine der Bruchstellen im Gschliefgraben am Traunsee. Kurz davor sind die Erdmassen in Bewegung geraten, zahlreiche Häuser wurden evakuiert.

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