"China hofft auf einen starken Euro"

Interview15. November 2011, 18:33
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Reeder und Milliardär Helmut Sohmen sieht noch kein Ende der Eurokrise. China hingegen könnte seiner Krise entkommen

Reeder und Milliardär Helmut Sohmen sieht das Ende der Krise noch nicht in Sicht. Zu zerstritten sei die Politik in Europa und den USA. Er erklärt, warum China dem Schicksal Japans entkommen könnte.

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STANDARD: Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers warnten Sie, die Krise hätte ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Sehen Sie jetzt ein Ende in Sicht?

Sohmen: Ich sehe es leider nicht. Gerade für den Euroraum. Ich habe weiterhin Angst vor der Möglichkeit, dass die Eurozone auseinanderbricht, in zumindest zwei Zonen. Griechenland war ja eher ein Nebenschauplatz. Wir sehen ja, dass auch Italien und Spanien in den Strudel gezogen wurden.

STANDARD: Wie könnte man aus dieser Krise kommen?

Sohmen: Es ist in vielen Ländern eine Frage der Zeit. Es braucht eine Fiskalunion, um die Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Aber man muss eine politische, parlamentarische Unterstützung für die doch sehr schwierigen und schmerzhaften Lösungsansätze erarbeiten. Die neue Regierung in Italien muss zeigen, dass sie ohne Aufstand der Bevölkerung mit den nötigen Maßnahmen durchkommen kann. Dann könnte sich der weitere Domino-Effekt verhindern lassen. Ich bin selbst noch nicht überzeugt, dass wir bereits den richtigen Weg eingeschlagen haben.

STANDARD: Auch die USA stehen doch vor großen Herausforderungen, dort ist der Schuldenstand höher als in Europa.

Sohmen: Dort ist es ein rein politisches Problem, aus Sturheit kommen die politischen Parteien nicht zu Lösungen. Die Republikaner haben noch keinen Kandidaten fürs Präsidentenamt, gleichzeitig ist Obama angeschlagen. Auch hier vergeht wie in Europa wertvolle Zeit für die wirtschaftliche Reform. Der Wille fehlt aber noch. Ich weiß nicht, in welchen Abgrund die Politik erst blicken muss, ehe sie sich bewegt. Es ist verrückt, dass Fonds und Versicherungen erst die Anleihen verkaufen müssen, ehe wirtschaftliche Reformen angegangen werden.

STANDARD: Spürt auch Ihr Schifffahrtskonzern BW Group diese Unsicherheit? Sie haben bereits das erste Schiff stillgelegt, um der Krise vorzubeugen.

Sohmen: Zum Teil. Das Problem kommt von zwei Seiten. Es wird einen Rückgang des Welthandels geben, weil sich das Wachstum der einzelnen Regionen, gerade in Europa, verlangsamt. Auch Asien, sogar China, wächst langsamer als im Vergleich zu vor einem Jahr. Das bekomme ich von meinen Kollegen im Containergeschäft mit. Zweitens sind die Kapazitäten in der Schifffahrtsbranche einfach noch zu groß. Die Frachtraten sind nun in einigen Bereichen sogar unter die Operationskosten gefallen, das kann nicht lange gut gehen, ohne dass Pleiten die Folge sind.

STANDARD: Sie leben und arbeiten in Hongkong. Blickt man in Asien, und insbesondere in China, besorgt auf die Situation in Europa?

Sohmen: Natürlich. Europa ist ein wichtiger Absatzmarkt von China. Zugleich hofft China auf einen starken Euro, da die Volksrepublik ihre Währungsreserven auch in anderen Devisen als dem Dollar veranlagen will. Es gibt viel Unverständnis: Den Chinesen ist mit ihrem Hang zur Zentralisierung unerklärlich, dass eine Gemeinschaft wie die Eurozone nicht im Gleichschritt läuft, sondern nach außen hin sogar gegeneinander arbeitet. Aber man kann nicht nur die europäischen Politiker kritisieren ohne das Umfeld mit 27 Regierungen und 27 Verfassungen mit zu beachten.

STANDARD: Dabei hat auch China Probleme. Die Kreditvergabe wurde zur Ankurbelung der Wirtschaft in den Jahren 2008 und 2009 ja massiv gefördert. Jetzt sind Provinzen und Unternehmen überschuldet, der Immobilienmarkt stark überhitzt.

STANDARD: Die Situation könnte gefährlich werden. Doch davon gehe ich derzeit nicht aus. Das Finanzwesen in China kann abgefedert werden. Gerade durch die staatseigenen chinesischen Banken. Das Problem ist aber, dass das Ausmaß der grauen Kredite nicht bekannt ist. Die Immobilienblase in China ist ein Faktum. Aber ich bin vorsichtig optimistisch, dass die Regierung die Folgen des Platzens dieser Blase auffangen kann.

STANDARD: Diesen Optimismus teilen viele. Doch das glaubte man auch von Japan. Das Land ist nach einem Boom aber in wirtschaftliche Stagnation gefallen.

Sohmen: Freilich. Es gibt gewisse Zyklen, es gibt die Konjunktur. Nichts ist garantiert. Die Japaner flogen hoch, waren das Wachstumsvorbild für alle und fielen runter wie Ikarus. Das kann China auch passieren, der Unterschied liegt aber in der Größe. China kann Unebenheiten in der eigenen Volkswirtschaft besser ausgleichen als es Japan konnte.

STANDARD: Sie studierten in den USA, arbeiten nun seit 40 Jahren in der Megacity Hongkong. Wenn Sie sich zur Ruhe setzen, wird das in Österreich sein?

Sohmen: Nein, mir wäre es hier zu still. Die Luft ist gut, aber die Dynamik in Hongkong will ich nicht verlieren. (Lukas Sustala, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16.11.2011)

Person Helmut Sohmen (71) ist Reeder in Hongkong. Der gebürtige Linzer und studierte Jurist heiratete die Tochter des Schifffahrt-Tycoons Yue-Kong Pao und zog vor 40 Jahren nach Hongkong. Er formte den Schifffahrtskonzern World-Wide Shipping über Zukäufe zur BW Group mit einer Flotte von 116 Schiffen. Das US-Magazin "Forbes" schätzt das Vermögen des Unternehmers auf 2,1 Milliarden Dollar (1,55 Milliarden Euro). Damit gilt Sohmen auch als der fünftreichste Österreicher.

  • "Nichts ist garantiert. Die Japaner flogen hoch und fielen runter wie 
Ikarus", warnt Reeder Helmut Sohmen.
    foto: standard/corn

    "Nichts ist garantiert. Die Japaner flogen hoch und fielen runter wie Ikarus", warnt Reeder Helmut Sohmen.

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