Ein Blick genügt, und die Spinne ist tot

15. November 2011, 18:23
9 Postings

Per Augensteuerung auf virtueller Ungezieferjagd: Computerspiel "Arachnophobia" für gelähmte Menschen

Menschen, die unter einer Lähmung leiden und körperlich so stark beeinträchtigt sind, dass sie Computer weder mit Maus noch mit Keyboard bedienen können, haben die Möglichkeit, Augensteuerungssysteme zu nutzen. Mittels der Bewegungen ihrer Pupillen und spezieller Hard- und Software können sie etwa Sprachprogramme steuern, um mit der Außenwelt zu kommunizieren. Der an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leidende Physiker Stephen Hawking ist ein prominenter Nutzer eines solchen Systems.

Dass sich die Software für Augensteuerungssysteme weitgehend auf Kommunikations- und Lernprogramme beschränkt, war den Cousins Johannes und Christian Kößler ein Dorn im Auge. Dass man etwa Kinder mit Behinderung immer nur am Lernerfolg misst, habe sie "auf Anhieb grantig gemacht". Noch dazu gebe es "tonnenweise Lernspiele, die inhaltlich und gestalterisch schlecht sind", sagt der 29-jährige gelernte Kindergartenpädagoge Johannes Kößler, der hauptberuflich für einen großen Buchhändler in Wien Lesungen organisiert.

"Wir wollten ein Spiel machen, das einfach nur Spaß machen soll und bei dem man Frust ablassen kann", ergänzt der 27-jährige Softwareentwickler Christian Kößler. Er ist als Mitarbeiter bei der niederösterreichischen Firma Mechatron, die auf IT-Hilfsmittel für behinderte Menschen spezialisiert ist, auf das Thema aufmerksam geworden.

Also haben die beiden in ihrer Freizeit das Spiel Arachnophobia für Augensteuerungsgeräte des Herstellers Tobii programmiert. Ein "Spiel mit Persönlichkeit" sollte es werden. Im Zentrum steht Lore und ihr Kampf gegen Ungeziefer. Das einfache Spielprinzip – Lore muss in der ersten Spielepisode Spinnen mit einer Zeitung zerklatschen – wurde in einem sehr individuellen Stil umgesetzt, der sich deutlich von Produktionen etablierter Hersteller unterscheidet. Mit skurriler Story, schrägem Witz, handgezeichneten Grafiken und der selbstbewussten Lore wurde eine ganz eigene Atmosphäre generiert.

Mit Persönlichkeit

Era Regner, die die Bildschirminhalte per Hand zeichnete, und Emmerich Haimer, der die Musik komponierte, versuchten das Spiel auf ihre Art von den Konventionen wegzuführen. "Mit dem Skript, den Dialogen, den Figuren haben wir auch eigene Spinnereien ausgelebt", so Johannes Kößler. "Erst langsam ist uns aufgegangen, wie viel Arbeit das alles ist." Spaß hätte es jedenfalls gemacht.

Das Spiel soll Kinder und Jugendliche ansprechen, die Texte und Figuren sollen aber auch Erwachsene witzig finden, hoffen die Entwickler. Und: "Wir wollten vermeiden, dass man im Spiel einen Rollstuhlfahrer spielt." So etwas gibt es, und die Leute müssten sich dabei ja "gepflanzt vorkommen". Die Anwender sind Menschen mit Persönlichkeit, man solle sie nicht auf ihre Behinderung reduzieren. Dementsprechend soll Hauptfigur Lore eine starke Identifikationsfigur sein, eine, die immer weiterkämpft.

Das Spiel zu programmieren war für die beiden sowohl technisch als auch konzeptionell eine "harte Nuss". "Bei vielen Sachen weiß ich gar nicht mehr, wie das entstanden ist", blickt Johannes Kößler zurück. Mit den Einschränkungen der Augensteuerung mussten die beiden erst einmal zurechtkommen. Man habe nur einen Punkt zur Steuerung, ohne Tasten oder zusätzliche Eingaben. Es sei auch nicht möglich, auf schnelle Reaktion des Anwenders abzuzielen. "Speed, Action: Geht nicht", sagt Christian Kößler.

Seit der Fertigstellung im Sommer haben die beiden viel positives Feedback bekommen. Sie haben das Spiel zum Content Award der Technologieagentur der Stadt Wien (ZIT) eingereicht, der am 24. November vergeben wird. Sonst haben sie sich aber kaum um Marketing gekümmert. Die Zahl der Anwender der teuren Eingabegeräte ist ohnehin begrenzt. Aber selbst wenn es floppt: "Wir wissen, was wir gemacht haben", sagt Johannes Kößler dazu.

Schon als Siebenjährige bei gemeinsamen Spielesessions hätten sie große Pläne von selbstgemachten Computerspielen geschmiedet. "Jetzt hatten wir die Möglichkeit, sie zu verwirklichen." (pum/DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2011)

=> Info: Aktives Altern mit technischer Hilfe


Info: Aktives Altern mit technischer Hilfe

Die aktuelle Benefit-Ausschreibung des Verkehrsministeriums mit dem Titel "Demografischer Wandel als Chance" zielt auf Innovationen in Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien ab, die aktives und gesundes Altern unterstützen. Einreichfrist: 30. Jänner 2012. (pum)

Link
benefit – 7. Ausschreibung

  • Computerspielfigur Lore kämpft gegen Ungeziefer in ihrer Küche. Hinter dem 
Kühlschrank lauert der Spinnenboss.
    foto: eyetrackgames.com

    Computerspielfigur Lore kämpft gegen Ungeziefer in ihrer Küche. Hinter dem Kühlschrank lauert der Spinnenboss.

Share if you care.