"Auch Menschen sind Modellorganismen"

15. November 2011, 18:10
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Das Gregor-Mendel-Institut erforscht seit zehn Jahren die Genetik von Pflanzen - GMI-Direktor Magnus Nordborg sagt, dass er bei Kürzungen des Budgets gehen würde.

Mit Robert Czepel sprach der Wissenschafter über Geld und Genome.

STANDARD: Das Gregor-Mendel-Institut (GMI) feiert diese Woche sein zehnjähriges Bestehen. Wie sind diese zehn Jahre aus Ihrer Sicht verlaufen?

Nordborg: Das GMI hat sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Es ist jetzt eines der Top-Pflanzenforschungsinstitute auf der Welt. Das kann man etwa am wachsenden wissenschaftlichen Output oder an der Einwerbung von Geldern ablesen.

STANDARD: Wie wichtig ist Geld für den Erfolg des Instituts?

Nordborg: Man braucht natürlich die entsprechenden Ressourcen, sonst ist man nicht konkurrenzfähig. Aber es ist auch ein intellektuelles Klima notwendig. Wir am GMI profitieren sehr stark vom Vienna Biocenter. Wir sind nur 100 Leute, das ist in der modernen Wissenschaft keine kritische Masse. Doch mit den unmittelbar benachbarten Instituten sind es 1500 Forscher.

STANDARD: Ihre Trägerorganisation, die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), muss ab 2012 harte Budgeteinschnitte in Kauf nehmen. Betrifft das auch das Gregor-Mendel-Institut?

Nordborg: Als ich nach Wien kam, wurde mir zugesichert, dass die Finanzierung des Instituts langfristig besteht.

STANDARD: Was machen Sie, wenn es doch zu Kürzungen kommt?

Nordborg: Dann würde ich woanders hingehen. Dieser Teil der Wissenschaft ist eben sehr vom Wettbewerb geprägt. Aber ich glaube nicht, dass das passiert.

STANDARD: Stichwort Vienna Biocenter: Was lernen Sie von den Kollegen aus anderen Fächern?

Nordborg: Aus welchem Fach ein Kollege kommt, ist relativ egal. Das ist ja gerade das Schöne an der Genetik, dass die Mechanismen universell sind. Ich selbst forsche nicht nur an Pflanzen als Modellorganismen, sondern auch an Affen. Und ich arbeite auch mit Humandaten. Viele Biologen glauben, dass Modellorganismus bedeutet: ein Modell für den Menschen. Das glaube ich nicht. Es bedeutet lediglich: Modell für die Biologie. Auch Menschen sind so gesehen Modellorganismen.

STANDARD: Aber unpraktische Modellorganismen, oder?

Nordborg: Zugegeben, sie vermehren sich langsam, wir können sie natürlich nicht kreuzen und auch nicht genetisch manipulieren. Aber der Mensch hat auch einige unschlagbare Vorteile: Wir können Menschen fragen, wie sie sich fühlen. Und nicht zuletzt: Es gibt auch viel Geld für Forschungen am Menschen.

STANDARD: An welchen Humandaten arbeiten Sie?

Nordborg: Das Fachgebiet heißt Genome Wide Association. Dabei screent man das Erbgut nach genetischen Variationen und sieht nach, ob sie mit körperlichen Eigenschaften wie Krankheiten oder Körpergröße zusammenhängen.

STANDARD: Kann man damit erklären, warum die Holländer größer sind als die Österreicher?

Nordborg: Zumindest kann man sagen, dass es eine starke genetische Basis gibt. Bisher sind einige hundert Gene bekannt, die die Körpergröße beeinflussen. Viele können wir nicht identifizieren, weil ihr Effekt zu gering ist. Global betrachtet hat die Körpergröße sicher etwas mit Anpassung an die Temperatur zu tun. Warum sich die Nationen in Bezug auf die Körpergröße unterscheiden, ist eine gute Frage. Es könnte Zufall sein, vielleicht auch die historische Verfügbarkeit von Nahrung.

STANDARD: Und was sind die Anwendungen der Pflanzengenetik?

Nordborg: Letztlich die Steigerung der Produktivität von Nutzpflanzen. Aber man darf das nicht isoliert sehen. Nehmen Sie die Medizin: Richard Nixon hat in den 70er-Jahren den "Krieg gegen Krebs" ausgerufen. Wäre das viele Geld damals ausschließlich in angewandte Forschung geflossen, dann wüsste man heute nur, wie man Tumore besser aus dem Körper schneidet. Aber ein Teil davon wurde auch in Grundlagenforschung gesteckt. Dadurch weiß man, wie Krebszellen wirklich funktionieren. Das Gleiche gilt für die Pflanzenbiologie. Auch wenn niemand weiß, wo das alles hinführen wird: Die Produktivität muss steigen, und sie muss das auf nachhaltige Weise tun.

STANDARD: Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit mit genetischer Variation. Können Modelle die natürliche Komplexität widerspiegeln?

Nordborg: Alle Modelle sind falsch – aber manche davon sind nützlich. In Island wurde bereits die Variation von einem Drittel der Bevölkerung erfasst. Viele meiner Freunde haben bereits ihr Erbgut sequenzieren lassen.

STANDARD: Sie auch?

Nordborg: Nein, noch nicht. Einer meiner Kollegen, Mike Snyder von der Stanford University, hat kürzlich sein Genom sequenziert und aufgrund der Genaktivitätsmuster herausgefunden, dass er Diabetiker ist. Er hätte es zwar früher oder später ohnehin erfahren. So hat er seinen Lebensstil eben jetzt schon umgestellt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2011)

Magnus Nordborg, geb. 1965 in Schweden, studierte Mathematik und Biologie und forschte unter anderem an der University of Southern California in L. A. Seit 2009 ist er wissenschaftlicher Direktor des Gregor-Mendel-Instituts in Wien.

  • "Alle Modelle sind falsch - aber manche davon sind nützlich", sagt der Pflanzengenetiker Magnus Nordborg. Das von ihm geleitete Gregor-Mendel-Institut feiert sein zehnjähriges Jubiläum.
    foto: standard/corn

    "Alle Modelle sind falsch - aber manche davon sind nützlich", sagt der Pflanzengenetiker Magnus Nordborg. Das von ihm geleitete Gregor-Mendel-Institut feiert sein zehnjähriges Jubiläum.

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