Das große Herz der wilden Gänse

16. November 2011, 01:01
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Herzfrequenzmessungen bei den Vögeln zeigen: Die Tiere sind geborene Ausdauersportler, die kaum Training brauchen

Und wenn die Gänse ihren Partner in der Nähe haben, dann mindert das den Stress der sozialen Tiere.

Wenn Menschen außergewöhnliche Ausdauerleistungen vollbringen wollen – etwa einen Marathon laufen oder einen besonders hohen Berg besteigen -, dann führt kein Weg daran vorbei, sich durch ordentliches Training darauf vorzubereiten. Einen Lauf über 42,195 Kilometer sollte man zum Beispiel eher erst dann Angriff nehmen, wenn man die Monate zuvor im Schnitt zumindest 50 Kilometer pro Woche gelaufen ist.

Für Zugvögel wie Weißwangengänse sind solche Distanzen eher lächerlich: Wenn sie von ihrem Winterquartier in den Süden ziehen, dann legen sie tausende Kilometer zurück – und in ihrem Fall noch dazu in eher frostigen Gefilden. Die Weiswangengans-Population auf Spitzbergen etwa fliegt jeden Herbst in den Südwesten Schottlands, was schlanke 2500 Reisekilometer bedeutet.

Doch wie bereiten sich die Vögel auf diese enorme Ausdauerleistung vor? Bekannt ist, dass es bei den meisten Tieren vor dem Abflug zu einem enormen Wachstum der Flug- und Herzmuskulatur kommt, während sich andere Organe zum Teil sogar verkleinern. Damit optimieren die Tiere ihre Flugkapazität.

Doch tun sie das mittels Training? Nein, behaupten nun Forscher um Steven J. Portugal von der University of Birmingham, die acht freilebende Weißwangengänse mit kleinen Sensoren ausstatteten, die den Herzschlag der Tiere aufzeichneten. Die Auswertung der Daten von sechs wieder eingefangenen Gänsen zeigte keine Hinweise auf eine spezielle Vorbereitung vor Antritt des Langstreckenflugs, schreiben die Forscher im Fachblatt Biology Letters.

Die Zunahme der Muskelmasse der Vögel erklären die Biologen mit der Zunahme des Körpergewichts der Zugvögel vor Antritt der langen Reise. Demnach würden die Flugmuskeln durch die erhöhte Belastung gekräftigt, und die Tiere müssten trotzdem nicht länger als die rund 22 Minuten am Tag im Flug verbringen.

Dies sei eine effektive Strategie, um kräftezehrendes Flugtraining zu vermeiden und stattdessen die Fettreserven für die Langstreckenflüge aufzusparen, resümieren die Forscher.

Partner senken Herzfrequenz

Forscher um Claudia Wascher von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau wiederum haben mittels Herzfrequenzmessgeräten bei Graugänsen eine andere Frage zu beantworten versucht. Die Verhaltensbiologen wollten herausfinden, ob die Herzfrequenz und damit der Stress vom jeweiligen Beziehungsstatus der Tiere abhängt.

Wie Wascher und ihre Kollegen nun ebenfalls in den Biology Letters berichten, zeigte sich an den insgesamt 25 untersuchten Graugänsen, dass deren Herzfrequenz sehr wohl durch den Partner und dessen Nähe mitbestimmt wird: So erregen sich männliche Graugänse bei Konfrontationen mit Rivalen weniger, wenn sie eine Partnerin haben.

Bei den Weibchen ergab sich indes ein ambivalentes Bild: So sind alleinstehende Gänsefrauen entspannter, wenn sie rasten, als ihre Kolleginnen in Beziehungen. Diese haben aber weniger Stress, wenn ihr Partner in ihrer Nähe ist. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2011)

  • Haben Graugänse einen Partner und befindet sich dieser in der Nähe, dann sinkt im Normalfall die Herzfrequenz. Beim Rasten allerdings scheinen Single-Weibchen entspannter zu sein.
    foto: brigitte weiß

    Haben Graugänse einen Partner und befindet sich dieser in der Nähe, dann sinkt im Normalfall die Herzfrequenz. Beim Rasten allerdings scheinen Single-Weibchen entspannter zu sein.

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