Abschied vom Fin de Siècle

15. November 2011, 17:34
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Ein englischer Sammelband untersucht Österreich heute

Er gebe, schreibt der Kulturhistoriker Steven Beller, mit Trauer das Ende der Faszination mit der (vorletzten) Wiener Jahrhundertwende bekannt. Das Thema habe sich verlaufen, sei durch andere Strömungen auf der Aufmerksamkeitsbörse abgelöst worden.

Diese ernüchternde Diagnose hat ihren Weg in den Band Global Austria. Austria's Place in Europe and the World gefunden, einer Koproduktion der Verlage der Universitäten von New Orleans und Innsbruck (€ 29,90, 352 Seiten). Der zwanzigste Band der Reihe Contemporary Austrian Studies handelt in zwei Dutzend Beiträgen von der Rolle Österreichs in wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Belangen, historisch und auf die Gegenwart bezogen. Die Bilanz ist durchaus selbstkritisch und dadurch brauchbarer als eine affirmative Jubiläumsschrift.

Günter Bischof, neben Fritz Plasser, Anton Pelinka und Alexander Smith Mitherausgeber, will "nicht auf Akten warten, um die jüngste Geschichte zu beurteilen". Analysen wie die des Wirtschaftshistorikers Andreas Exenberger bestätigen den Anspruch auf Aktualität: Österreicher seien heute in Europa zwar integriert, aber, wie die Kennzahlen ergeben, nicht sehr aktiv, kaum Euro-Citoyens, schon gar keine Weltbürger. So sehe Globalisierung "zu ebener Erde" aus - ein Befund, den die Politikwissenschafterin Sonja Puntscher-Riekmann aus ihrer Warte bestätigt.

Abnehmendes Interesse auch der Regierung an internationalen Themen konstatiert Eric Frey, Politologe und Chef vom Dienst beim Standard, in seinem Beitrag über den "Konferenzplatz Wien". Internationale Messen und Business-Tagungen gebe es genug in der Hauptstadt, doch wichtige politische Entscheidungen würden seltener hier getroffen - wobei man sich über die hohe urbane Lebensqualität einig sei; aber die genügt nicht.

Spannende Brechungen lassen sich mitverfolgen, wenn etwa Alexander Smith, amerikanischer Lehrbeauftragter und "pre-doc" an den beiden beteiligten Unis, seine Landsleute über die OMV als internationalen Konzern informiert - und auch Österreichern dabei einiges zu sagen hat.

Der nächste Band der Reihe wird biografischer Forschung gewidmet sein, "Lebensläufen", so Bischof, "nicht nur von berühmten Zeitgenossen". (DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2011)

  • Beurteilung auch der jüngsten Geschichte: Günter Bischof.
    foto: privat

    Beurteilung auch der jüngsten Geschichte: Günter Bischof.

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