Wagnis, Wahnidee und Wartezeiten

15. November 2011, 17:31
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Kino spielt alle Stücke: Das Filmarchiv zeigt eine Retrospektive von Regisseur Werner Hochbaum

Wien - Ein Mann kommt aus dem Gefängnis frei, seine Freundin soll ihn vor dem Tor abholen. Dann läutet jedoch ihr Wecker in der Früh nicht, sie verspätet sich, und das ersehnte Wiedersehen des Paares nach fünf Jahren findet vorläufig nicht statt. Der Film heißt Morgen beginnt das Leben (1933), der deutsche Regisseur Werner Hochbaum nutzt darin das retardierende Moment, um von quälenden Ungewissheiten zu erzählen. Robert, der in die Freiheit Entlassene, tritt mit einer Mischung aus Neugierde und bangem Gefühl zurück in eine Gesellschaft, die ihm in vieler Hinsicht äußerlich bleibt. Schon der Verkehr in Berlin überschwemmt seine Sinne, die Menschen begegnen ihm mit Skepsis oder unverhohlener Ablehnung - diese Gegenwart, scheint der Film zu sagen, steht dem Helden feindlich gegenüber und vereitelt seine hoffnungsvolle Vorstellung der Zukunft.

Hochbaums bemerkenswerter Film ist inhaltlich, formal wie produktionshistorisch von Differenzen durchzogen. Zum einen erscheint er schon amphibisch in der Art, wie er sich nicht zwischen Ton- und Stummfilm entscheiden kann. Etliche Szenenabfolgen vom Leben der Großstadt wirken wie aus entsprechenden Filmsymphonien. Sound hat hier meist weniger handlungstragende als eine unterstreichende Funktion. Ästhetisch lässt sich Morgen beginnt das Leben ebenso wenig klar zuordnen: Um einen erbaulichen Unterhaltungsfilm der gerade angebrochenen Ära des Nationalsozialismus (von dessen Fürsprechern er vereinnahmt wurde), handelt es sich jedenfalls nicht.

Mann der Widersprüche

Diese Zerrissenheit macht den Film zu einem geeigneten Beispiel für einen ambitionierten, aber eben auch widersprüchlichen Regisseur, der sich selbst (nicht unverschuldet) in den Verwerfungen der Geschichte verlor. Das Filmarchiv widmet Hochbaum, der erst 1976 durch eine Viennale-Retrospektive als experimentierfreudiger "auteur" wiederentdeckt - und seitdem nicht genügend erforscht - wurde, nun eine Retrospektive und eine umfassende Publikation. Diese räumt auch mit dem Mythos auf, Hochbaum sei ein Opfer des Nationalsozialismus gewesen.

Wahr ist zwar, wie der Filmhistoriker Ulrich Döge schreibt, dass ihm von Joseph Goebbels 1939 Berufsverbot wegen Landesverrats erteilt wurde, dennoch zeigte sich der Regisseur - der neben frühen sozialistischen Filmen eben auch einen Propagandafilm wie Drei Unteroffiziere (1938) realisierte - nicht so widerständig, wie es die Rezeption immer wieder behauptet hat. Auch ist Hochbaum nie nach Österreich geflohen, sondern wirkte hier ganz offiziell, unterstützte gar die verbotene NSDAP. Einige seiner künstlerisch wagemutigsten Filme entstanden in diesem "Produktionsexil" - beispielsweise das Melodram Die ewige Maske, für das er 1935 auch auf dem Festival von Venedig ausgezeichnet wurde.

Die erste Hälfte des Films spielt in einem Basler Spital, in dem eine Meningitis-Epidemie wütet. Ein junger ehrgeiziger Arzt glaubt, das Gegenserum zu kennen, erhält allerdings vom Chefarzt keine Erlaubnis, dieses einzusetzen. Als er es dennoch tut, stirbt der Patient, der Arzt dagegen ergreift die Flucht, nur um sich von Schuld und Reue zerfressen in Wahnideen zu verlieren. Hochbaum schätzte fantastische, genuin filmische szenische Lösungen, die er in diesem Fall in Dr. Mabuse-hafte Dimensionen vorantreibt. Erstaunlicherweise ist es dann ein (damals verpöntes) Freud'sches Verfahren, das Hilfe für den geplagten Arzt bringt.

Auch Hochbaums leichtere Filme, eine Screwball-Comedy-Variante wie Man spricht von Jacqueline, zeitigen solch inszenatorischen Überschuss. Der erste Kuss fällt im Studio-Paris unter einer überlebensgroßen Nachbildung von Rodins berühmter Skulptur: Als sich das Paar genau in derselben Lage wiederfindet, ist das Glück besiegelt. Hochbaums Kino zielte mit vergleichbarer Geste in die weite Welt. Es blieb dann aber in einer historischen Enge gefangen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 16. November 2011) 

Metro-Kino, bis 21. 12.

  • Regenstunde für einen enttäuschten Arzt: Werner Hochbaums außergewöhnliches Krankenhausdrama "Die ewige Maske".
    foto: filmarchiv

    Regenstunde für einen enttäuschten Arzt: Werner Hochbaums außergewöhnliches Krankenhausdrama "Die ewige Maske".

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