Das geheime Herz der Lebensuhr

15. November 2011, 17:34
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Mit dem aus dem Nachlass stammenden Roman "Der Unbekannte" rückt ein letztes Mal die begnadete Prosakunst des US-französischen Autors Julien Green ins Blickfeld

 Ein sarkastischer, schizophrener Traum.

Wien - Als sich der US-Franzose Julien Green in Paris an die Niederschrift seines unwiderruflich letzten Romans machte, zählte er 96 Jahre. Der Welt hatte der bekennende Katholik bis dahin ein ehrfurchtgebietendes Erzählwerk geschenkt: ganz zu Beginn halluzinatorische Romane wie Adrienne Mesurat (1927) oder Leviathan (1929), in denen eine nervöse Unruhe vorherrschte. Julien-Green-Figuren begingen furchtbare Schandtaten. Doch die Gründe für ihr ungereimtes Tun blieben ihnen zumeist rätselhaft.

Green, geboren am 6. September 1900, fiel ungewollt die Aufgabe zu, das gottlose 20. Jahrhundert als Kronzeuge zu begleiten. Er stemmte die Tragelast der Weltangst hoch und gestand bohrende moralische Zweifel ein. Green war der Trainingskünstler der Selbstvergewisserung. In einer Welt voller Doppelgänger und Traumgestalten blieb sich der kultivierte Herr jeweils dadurch treu, dass er seinen Schreibansatz wechselte.

Als er in den Schoß von Mutter Kirche zurückgekehrt war und zur Ruhe gekommen schien, überraschte er in den 1980ern die literarische Welt mit ausufernden Südstaatenromanen (Von fernen Ländern, Die Sterne des Südens ). In ihnen beschwor er die Düfte des Magnolienbaums wie Kostbarkeiten herauf. Green blickte weit zurück in das 19. Jahrhundert. Erst dadurch schien er befähigt, über die Schwelle des neuen Jahrtausends in die Zukunft zu blinzeln.

Der aus dem Nachlass stammende Text Der Unbekannte (L'Inconnu) ist ein lachhaft dünner Roman. Auf gerade einmal 80 Seiten variiert Green seine Lieblingsmotive: Ein wohllebiger junger Pariser namens Vivien wird von einem Unbekannten auf der Straße angesprochen. Vivien möge ihm, Maxime, seine Jugend aushändigen.

Nun lässt sich das geforderte Gut nicht wie ein Stück Eigentum an jemanden übertragen. Vivien, der hastig eine Ausbildung als Bankbeamter absolviert, muss an sich selbst die Zeichen einer schleichenden Auszehrung bemerken. Er spekuliert an den Börsen und bunkert veruntreutes Geld auf den Bahamas. Er arbeitet sogar in einer Galerie für Gegenwartskunst, wo die Ölschinken an der Wand ein "hyperrealistisches" Abbild der Wirklichkeit zeigen. Doch es hilft alles nichts: Vivien, dieser Dorian Gray der globalen Weltgesellschaft, wird seines Lebens nicht mehr froh.

Moralische Seelenpein

Hastig treibt Green die Erzählung voran, der Handlungsfaden bleibt mürbe und dünn wie ein alter Schnürsenkel. Viviens moralische Verkümmerung hat nicht so sehr mit seinen sexuellen Eskapaden zu tun. Der junge Held erfährt eine grundlegende Umwidmung seiner selbst. Immer weniger begreift er, was die Welt im Innersten zusammenhält. Darin - und nur darin - liegt seine ganze Verantwortungslosigkeit. Denn es gehört zu den betrüblicheren Grundtatsachen der katholischen Glaubenslehre, dass die Gewährung der Gnade den Menschen nicht zur Verfügung steht.

War Vivien früher ziellos "von einem Begehren zum nächsten" geschweift, so verkennt er ab nun, als rapide Alternder, die Zeichen der Zeit. Weil er eine betuchte Kunstsammlerin nicht sexuell verwöhnen möchte, erntet er den Spott seines Galeristen: "Sie sieht so alt aus, wie sie ist, aber ihr Geld ist jung!"

Es grenzt an ein Wunder, wie der steinalte Julien Green das böse Herz des Kapitalismus mit wenigen, sicheren Schnitten freilegt. Vivien verschlägt es auf seiner Lebensirrfahrt nach New York, wo er, aller Anhänglichkeiten überdrüssig, eine kunstbeflissene Dame namens Cynthia aus dem Wolkenkratzer hinauswirft: "Im Finstern sah ich den Körper von einem Stockwerk zum andern stürzen, aber langsam, sodass jedes Fenster, an dem er vorüberflog, einem Lebensabschnitt glich. Es war nicht Cynthias Leben, sondern meines."

Produkt der Einbildung

Aber Vivien kann sich gar nicht selbst gehören: Er ist das Produkt der spielerischen Intelligenz eines 96-jährigen Weltliteraten, der der Gesellschaft auf die unbekümmertste, erheiterndste Weise den Prozess macht. Oder, wie ein New Yorker Gönner dem zunehmend desperaten Vivien zuflüstert: "Auch möchte ich Ihnen unbedingt versichern, ich bin, trotz Ihrer heimlichen Wünsche, nicht der Teufel, sondern Bankier, was nicht ganz dasselbe ist!"

Vivien wird entdecken, dass sein Wirrtraum eine Spanne von gemessenen zwei Minuten in der realen Zeit umfasst. Er ist jener "Andere", den Julien Green sein Leben lang in den Niederungen seiner Seele aufzuspüren suchte. Ein wahnsinniges Kunststück, dass der greise Meister wiederholt niederschrieb, ohne deshalb eine "autorisierte" Fassung des Manuskripts zu hinterlassen.

Der Unbekannte ist mehr als nur eine raffinierte Stilübung. In diesem Roman tickt ein letztes Mal das Uhrwerk einer mit der Welt nie ganz ausgesöhnten Intelligenz. Heute liegt Green, der 1998 starb, in Klagenfurt begraben. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 16. November 2011)

Julien Green: "Der Unbekannte". Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser 2011

  • Ein begnadeter Stilkünstler, der die Einheit der Identität immer 
wieder konsequent aufs Spiel setzte: Julien Green (1900-1998).
    foto: epa/frank maechler

    Ein begnadeter Stilkünstler, der die Einheit der Identität immer wieder konsequent aufs Spiel setzte: Julien Green (1900-1998).

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