Mehr Labor als repräsentative Box

15. November 2011, 17:43
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Das 20er-Haus hat einen Jahrhundertsprung gemacht und wurde nun als 21er-Haus wiedereröffnet

"Schöne Aussichten!", heißt es programmatisch - eine Ansage der Belvedere-Tochter, die sich in vielerlei Hinsicht erfüllt.

Wien - Schöne Aussichten! Das gilt nicht nur für die Mutter des neuen 21er-Hauses, das Belvedere. Im barocken Ensemble ziehen sich allein zwischen oberem und unteren Schloss eine Vielzahl postkartenwürdiger Blickachsen. Und der Blick vom "bel vedere" auf die Stadt ist wohl auch durch die Veduten Bernardo Bellottos in Weltkulturerbe-Verdacht gekommen.

Aussichtstechnisch sieht es am Rande von Wiens derzeit größter Baustelle ebenso gut aus: im 21er-Haus zwischen Hauptbahnhofsloch und Arsenal. Auf der einen Seite ein Ballett der Kräne, auf der anderen der Schweizer Garten. Und wenn man im Inneren des nun wiedereröffneten ehemaligen Weltausstellungspavillons steht, erinnert man sich sofort an frühere Besuche. Dieses leichte Glücksgefühl, das Schwanzers lichterfüllte Architektur im Dialog mit dem Draußen auslöst, ist schlagartig zurück.

Und obwohl das Sonnenlicht, das durch die Bäume hindurch die letzten herbstbunten Blätter streichelt, nicht schöner sein könnte, ist man davon doch ein wenig abgelenkt. Schließlich geht es ja bei den Schönen Aussichten!, wie der Auftakt im 21er-Haus programmatisch heißt, mehr um die inneren Werte. So liegt die Interpretation nahe, die rote Schlinge, die vor der linken Fensterfront baumelt, oder die Bahn, die sich geradeaus elegant ins Sichtfeld drängt, sei ein Versuch, solche Ausschweifungen zu unterbinden. Blickfänger sozusagen. Die roten, genauer: Belvedere-roten Stoffbahnen von Marcus Geiger spielen jedoch viel mehr mit der einst repräsentativen Aufgabe des Baus und der Symbolik der roten Bahnen, die an Fahnen, Schärpen oder Teppiche erinnern. Letztere hängen wie unausgeklopfte Meterware von der Galerie, überkreuzen sich im Raum, so als wolle man mit wohldosierter Schlampigkeit den Eindruck einer zu penibel aufgeräumten Wohnung mildern. Und den edlen Glanz des Neon-Kronleuchters von Lucio Fontana.

Schal statt Mütze

Der Secession hat Geiger einst die Wollmütze aufgesetzt, dem 21er-Haus wickelt er einen unproportionierten Schal um; vom benachbarten Büroturm hängt der letzte Zipfel davon herunter. Ein Bild, das irgendwie zu der Ansage passt, hier ein Labor entstehen zu lassen: einen Ort der Kunstproduktion und des Diskurses über kunsthistorische, aber auch gesellschaftspolitische Diskurse. Repräsentation und Hochkultur dürfen ruhig mal draußenbleiben. So wie vor über 30 Jahren, als die Wiener Festwochen alternativ das Museum des 20. Jahrhunderts in Beschlag nahmen.

Auch im Hinblick auf das Programm gilt: schöne Aussichten. Was die Finanzierung des neuen Hauses angeht, ist die Aussicht allerdings eingeschränkt: Auf 4, 5 Millionen Euro bezifferte Hausherrin Agnes Husslein die Kosten für den jährlichen Betrieb; zwei Millionen sind vom Bund zugesichert, bleibt ein Rest von 2,5 Millionen. Mit Reserven des Belvedere und dem Wegfall anderer Kosten "sollten wir das nächste Jahr schaffen", für 2013 reiche es allerdings nicht. Bleibt zu hoffen, dass die Finanzierungsideen so sprießen werden wie bald das Grün in Lois Weinbergers Wild Cube. Sein im Skulpturengarten platzierter Käfig schützt die Pflanzen vor stutzender Menschenhand.

Auch wo das Belvedere künftig Kosten spart, wird verraten. Bisher hatte man sich über das Schicksal des Augarten Contemporary, der mit dem Öffnen des 21er-Hauses obsolet werdenden Räume für Gegenwartskunst, ausgeschwiegen. Nun ist fix. Fürs Erste nutzt Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (Tba21), Francesca Habsburgs Kunststiftung, die Augarten-Dependance. Die bisherigen Ausstellungsräume der Tba21 in der Himmelpfortgasse sind bereits seit Ende der Festwochen-Ausstellung mit Walid Raad verwaist. "Für einen verlängerbaren Zeitraum von drei jahren" kollaboriert das Belvedere mit der Tba21. Man will vormachen, wie Synergien zwischen privat und öffentlich genutzt werden können. Heraus ist damit auch, dass die Pläne, die architektonische Hülle der "Temporären Kunsthalle Berlin" im Schweizer Garten aufzustellen, vorerst nicht realisiert werden. Der Umbau verschlänge vier Millionen Euro.

Auch im 21er-Haus wird weiter umgebaut: Der wunderbare originale Kinosaal zieht zwar optisch alle Register, seine Technik muss aber (bis April) noch so aufgerüstet werden, dass es auch alle heutigen Kinostückerln spielt. Einstweilen zeigt man dort im Rahmen der Schönen Aussichten! Filme von Sasha Pirker, Josef Dabernig und Pierre Huyghe. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 16. November 2011)

Bis 8. 1.; Führung 16. 11., 11.00

  • Artikelbild
    foto: belvedere, wien / wolfgang thaler
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    "Moonlight": Direktorin Agnes Husslein hat es sich im silbrig-grauen Raum von Franz West bequem gemacht. Die Arbeit ist nur eine von mehreren künstlerischen Interventionen im neuen 21er-Haus (u. a. von Christian Philipp Müller, Oswald Oberhuber).

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