Hungersnot: Wenn Nordkorea um Hilfe bittet

17. November 2011, 06:15
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Ein NGO-Mitarbeiter berichtet über seine Vorort-Hilfseinsätze: "Ich war überrascht, dass wir uns so frei bewegen durften"

Abgemagerte Kinder, leere Lebensmittellager und keine Medikamente. Mit dieser Situation war Bernd Göken von der Hilfsorganisation Cap Anamur bei seinen Reisen in Nordkorea konfrontiert. Im Mai und im August dieses Jahres durfte Göken mit einem Team einreisen. Es war das erste Mal seit 2002, dass die Hilfsorganisation wieder im Land tätig war. Vor neun Jahren hatte Cap Anamur aufgrund  von massiven Beschränkungen bei der Bewegungsfreiheit das Land verlassen. Im Frühjahr 2011 bat nun aber das Regime konkret um Hilfe. Der Grund: Eine Hungersnot, die durch einen sehr kalten Winter, heftige Regenfälle und Wirbelstürme ausgelöst worden war.

Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind sechs Millionen Menschen akut vom Hunger bedroht. "Die Ernährungssituation ist katastrophal", berichtet Göken. Die bereits mageren Tagesrationen von 400 Gramm Reis pro Person wurden während der schlimmsten Krise in den Sommermonaten auf 150 Gramm rationiert. Menschen suchten bereits am Wegesrand nach Kräutern und Gräsern, um ihren Hunger zu stillen. Besonders dramatisch sei die Situation der Kinder, wie Göken beim Besuch von Kinderkrankenhäusern in der Region um die Stadt Haeju im Süden des Landes erlebte. Dabei begegnete er immer wieder denselben ratlosen Gesichtern der Ärzte. "Wir würden den Kindern gerne helfen, aber wir haben nichts zu essen", hörte Göken fortwährend.

NGOs aus dem Land verwiesen

Mit einem Teil der Ersthilfe der NGO von 200 Tonnen Reis konnten unter anderem die Kinder eines Waisenhauses dreißig Tage lang ernährt werden. "Das war im Mai. Bei unserem nächsten Besuch im August war die Situation schon etwas besser und die Kinder sahen gesünder aus", erzählt Göken. Es wäre aber wichtig, dass Nordkorea die Hilfsorganisation wieder längerfristig im Land arbeiten lassen würde: "Nur so können wir den Menschen wirklich helfen."

Hintergrund: Im Jahr 2005 hatte das Regime alle europäischen Nichtregierungsorganisationen zum Verlassen des Landes aufgefordert. Auslöser war ein Resolutionsentwurf der Europäischen Union gewesen, der bei den Vereinten Nationen eingereicht worden war. Darin hatte die EU "ernste Besorgnis" über Folterberichte und die Beschränkung der Reisefreiheit in Nordkorea geäußert.

200 Millionen Euro Nothilfe

Bernd Göken war bei seinen Besuchen jedenfalls "überrascht, dass wir uns so frei bewegen durften". Zwar seien offizielle Beamte während der ganzen Reise dabei gewesen, doch hätten die Helfer sogar Familien in deren Häusern treffen dürfen. "Das ist ein erster Schritt in Richtung mehr Freiheit", ist sich Göken sicher. Eine weitere positive Entwicklung sieht er auch in den zehn Millionen Euro, die von der Europäischen Kommission an die WHO gespendet wurden: "Und das gegen die Lobby der USA und Südkoreas."

Die WHO veranschlagte für die Nothilfe an Nordkorea insgesamt 200 Millionen Euro. Da aber große Geberstaaten wie die USA ausfallen, wurde bis dato erst ein Drittel der Gelder gesammelt. Die Europäische Kommission etwa spendete an das Welternährungsprogramm (WFP). "Die Entscheidung ist aber nicht einfach gewesen", erzählt Hermann Spitz von der Generaldirektion Humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission. Prinzipiell sei man zwar ein humanitärer Geber und agiere unabhängig von der politischen Agenda, aber Nordkorea sei eben ein schwieriger Fall, so Spitz.

Strenge Auflagen

Nachdem es sich um einen sozialistisch-kommunistischen Staat handle, wäre es die Aufgabe der Regierung die Leute zu ernähren. Allerdings ortet Spitz generelle Bedenken: "Es ist die Frage, welche Prioritäten Nordkorea setzt: Rüstet man das Militär auf oder bekommt man die Bevölkerung satt?" Probleme sieht Spitz vor allem bei der fehlenden Diversität der Landwirtschaft und der falschen Lagerung der Lebensmittel. Ein Mitarbeiter der Europäischen Kommission sei vor wenigen Wochen in Nordkorea gewesen und habe folgendes berichtet: Etwa dreißig Prozent aller Lebensmittel werden durch Schädlingsbefall und Feuchtigkeit bei der Lagerung vernichtet.

Deshalb verlangte die Kommission strenge Auflagen für ihre Spendengelder. Neben einer separierten Lagerung der Lebensmittel muss vor allem die Transparenz der Hilfslieferungen gewährleistet sein. "Vom Lager bis zu den Mägen der Leute", beschreibt Spitz den dokumentierten Ablauf. Durch ein EDV-System wird die Verteilung nachvollziehbar gemacht. Die Gelder dürfen nur für Hilfslieferungen in vier festgelegte Provinzen und für drei Zielgruppen verwendet werden: Kinder unter fünf Jahren, stillende Mütter und alte Menschen ohne soziales Netz. Außerdem darf die Verteilung nicht durch Angehörige des Militärs erfolgen: "Es könnte sein, dass ein LKW falsch abbiegt", sagt Spitz.

Südkorea spendet Medikamente

Verschwinden Lebensmittelvorräte aus den WFP-Lagern in Nordkorea, muss das Regime den Gegenwert zurückzahlen. Vor Beginn der Mission, die von Mai bis November dauert, wurden bereits 80 Prozent der Spendengelder überwiesen (acht Millionen Euro). Den Rest zahlt die Kommission erst nach der Abnahme des Endberichts des WFP. Weitere Hilfezahlungen sind nicht geplant: "Damit sollte Nordkorea die kritischste Zeit überbrücken", sagt Herman Spitz. "Die nächste Ernte kommt aber bestimmt." Mittlerweile seien die Nahrungsmittelrationen wieder auf 350 Gramm pro Person aufgestockt worden. 

Das Nachbarland Südkorea wird keine Nahrungsmittelhilfen leisten. Aber eine Geldspende über 6,94 Millionen Dollar (ungefähr fünf Millionen Euro) für Medikamente und medizinische Geräte wurde der WHO zugesagt. Arzneien würden laut Bernd Göken auch dringend benötigt: "Die Medikamente sind aufgebraucht und nur noch auf dem Schwarzmarkt erhältlich." Hochkalorische Lösungen, die das Hungergefühl stillen könnten, existieren nicht. Und medizinisches Equipment, das Cap Anamur vor zehn Jahren an das Kinderspital in Haeju spendete, steht zwar noch immer dort, ist aber völlig veraltet und teilweise nicht mehr funktionsfähig.

Keine Verständigungsebene

Die Summe, die Südkorea zur Verfügung stellt, ist der Rest einer Spende von 13,12 Millionen Dollar, die bereits vor zwei Jahren zugesichert und 2010 eingefroren wurde. Im März 2010 versenkte Nordkorea ein Kriegsschiff der südkoreanischen Marine. "Wir versuchen, die Beziehungen wieder zu verbessern, haben aber seitdem nie wieder eine Verständigungsebene erreicht", sagt Hyun Cho, Südkoreas Botschafter in Wien. Deshalb würden die Spendengelder auch nur über die Vereinten Nationen fließen. Für einen binationalen Austausch von Hilfsgütern müsste Nordkorea auch über politische Themen wie das Nuklearprogramm, sprechen. Laut Cho würde das Regime aber abblocken.

Außerdem habe auch Südkorea die Befürchtung, dass die Nahrungsmittellieferungen an das Militär ausgegeben werden. "Das Regime ist mehr daran interessiert, Macht zu erhalten, als der Bevölkerung zu helfen", sagt auch Cho. Laut dem Botschafter seien noch immer mehr als zehn Millionen Familien durch die Spaltung von Nord- und Südkorea getrennt: "Nordkorea lässt nicht einmal jetzt Briefe oder Telefonanrufe zu. Obwohl wir uns große Sorgen um die Bevölkerung machen." (Bianca Blei, derStandard.at, 17.11.2011)

  • Waisen in der Volks- und Hauptschule in Haeju, Provinz Süd-Hwanghae.
    foto: jürgen escher / cap anamur

    Waisen in der Volks- und Hauptschule in Haeju, Provinz Süd-Hwanghae.

  • Die Stadt Haeju, die Cap Anamur unter anderem besuchte, liegt im Süden des Landes.
    grafik: stepmap/blei

    Die Stadt Haeju, die Cap Anamur unter anderem besuchte, liegt im Süden des Landes.

  • Ri Zum Mi ist 79 Jahre alt und geschwächt durch den Hunger. Sie lebt mit ihrer Schwiegertochter und den beiden Enkelkindern in einer Einzimmerwohnung.
    foto: jürgen escher / cap anamur

    Ri Zum Mi ist 79 Jahre alt und geschwächt durch den Hunger. Sie lebt mit ihrer Schwiegertochter und den beiden Enkelkindern in einer Einzimmerwohnung.

  • Kim Nam Hui aus der Provinz Süd-Pyongan ist stark mangel- und unterernährt.
    foto: jürgen escher / cap anamur

    Kim Nam Hui aus der Provinz Süd-Pyongan ist stark mangel- und unterernährt.

  • Reisverteilstation in Anju, Provinz Süd-Pyongan.
    foto: jürgen escher / cap anamur

    Reisverteilstation in Anju, Provinz Süd-Pyongan.

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