Dem Abwehrsystem auf der Spur

15. November 2011, 14:48
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Das angeborene Immunsystem als schnelle Eingreiftruppe

Der Kampf läuft ganz im Stillen ab: Milliarden von Krankheitserregern attackieren tagtäglich unseren Körper - meistens bekommen wir davon gar nichts mit, außer ab und zu einen Schnupfen oder Bauchgrimmen. In der Regel geht alles so glimpflich ab, weil unser Immunsystem die Eindringlinge rechtzeitig unschädlich macht. Es verfügt über zwei Verteidigungslinien: Die Fresszellen - so genannte Phagozyten - gehören zur angeborenen Immunität, erklärt Eicke Latz vom Institut für Angeborene Immunität der Universität Bonn in einer Aussendung. Am Institut forscht man wie Entzündungsreaktionen im Körper entstehen und wie das Immunsystem mit Volkskrankheiten wie Diabetes, Alzheimer oder Herzinfarkt zusammenhängt. "Die Phagozyten beseitigen Viren, Bakterien, Pilze oder Parasiten, indem sie die Fremdkörper erkennen, aufnehmen und verdauen." Gelinge es den Angreifern jedoch, diesen Schutzwall zu überwinden und damit eine Infektion auszulösen, aktivieren die Fresszellen das erworbene Immunsystem. Wie Trophäen zeigten dann die Phagozyten Bruchstücke der zerkleinerten Erreger auf ihrer Oberfläche und stimulieren dadurch andere Lymphozyten, die mit der Produktion passender Antikörper beginnen, um die Fremdkörper abzutöten.

Die schnelle Eingreiftruppe

Das angeborene Immunsystem sei so etwas wie die schnelle Eingreiftruppe, die als erstes auf Krankheitserreger reagiert. Möglich sei das, weil Fremdes durch Rezeptoren erkannt wird. Bei den Rezeptoren handle es sich um eine Art Antennen, die aus den Zellen herausragen und an Stoffe binden, die typisch für bestimmte Angreifer sind. Dadurch wird eine Signalkaskade in Gang gesetzt, die letztendlich das Abtöten der Erreger zur Folge hat. "Seit 1998 weiß man, dass die Zellen zur Feinderkennung ganz verschiedene Rezeptoren haben und in diesem Jahr wurde der Nobelpreis für diese Entdeckungen verliehen", berichtet Latz. In den letzten Jahren konnte auch gezeigt werden, dass das angeborene Immunsystem nicht nur Mikroorganismen in Schach hält, sondern auch grundlegend für die Erkennung von Tumorzellen ist und sterile Gewebeschäden sowie metabolische Veränderungen entdecken kann. Noch immer sind die Funktionen vieler Rezeptoren und die damit verbundenen Signalketten des Immunsystems allerdings noch nicht nicht vollständig entschlüsselt. Das Institut für Angeborene Immunität arbeitet zusammen mit anderen Forschungseinrichtungen daran, das Erkenntnispuzzle zu vervollständigen.

Durch Fehlsteuerungen des Immunsystems könne es zu Entzündungsreaktionen kommen, die etwa zu Blutvergiftung, Herzinfarkt und Diabetes führen. "Wissenschaftliche Arbeiten der letzten Jahre zeigen auch, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Immunsystem und Demenzerkrankungen gibt", berichtet Latz. "Es sind ebenfalls Entzündungsreaktionen, die zu einem Absterben der Gehirnzellen führen." In diesem Zusammenhang kooperiert das Institut für Angeborene Immunität unter anderem auch mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und dem Forschungszentrum Caesar in Bonn.

"Unser Institut arbeitet an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und Wirkstoffforschung", berichtet Latz. "Wenn wir die Mechanismen des Immunsystems verstanden haben, können wir gezielt nach neuen Medikamenten suchen." So konnten die Bonner Forscher vor einigen Monaten zusammen mit der LMU München und der University of Massachusetts (USA) zeigen, dass Cholesterinkristalle gefährliche Entzündungen in den Arterienwänden hervorrufen. Mögliche Folgen der massiven Immunreaktion sind Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Ergebnisse, die in der Zeitschrift "Nature" vorgestellt wurden, machen Hoffnung auf neue Medikamente gegen die Volkskrankheit Artheriosklerose. (red, derStandard.at)

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