AAA wie Austria

Interview15. November 2011, 12:30
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Österreich ist weit entfernt, seine Bestnote zu verlieren, ist Erste-Group-Experte Fritz Mostböck sicher. Mit Standard & Poor's geht er hart ins Gericht

Die Mär um die unfehlbaren Ratingagenturen ist spätestens mit Ausbruch der Finanzkrise Geschichte. Unvergessen die Fehleinschätzung bei der US-Investmentbank Lehman Brothers: Wenige Tage vor der Pleite stuft Standard & Poor's das Institut als sichere Anlage ein, auch der Zusammenbruch des aufgeblähten Bankensektors in Island wird zu spät erkannt. Jüngstes Beispiel ist Frankreich, dem angeblich die Bestnote entzogen wurde. Warum diese "PC-Panne" unverzeihlich ist, warum sich eine EU-Ratingagentur nicht rechnet und weshalb Österreichs Triple A in keiner Weise in Gefahr ist, schon gar nicht auf Messers Schneide steht, erklärt Fritz Mostböck im Interview mit derStandard.at.

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derStandard.at: Kanzler Werner Faymann und Vizekanzler Michael Spindelegger verankern die Schuldenbremse in der Verfassung, um Österreichs Bonität zu retten. Wie schlimm ist es um unser Land bestellt?

Friedrich Mostböck: Ersteres halte ich für sehr gut. Doch an der Bonität Österreichs zu zweifeln, ist unsinnig. Die Gesamtverschuldung liegt hierzulande bei 74 Prozent zum BIP, in Deutschland liegt sie bei 82 Prozent. Damit ist eigentlich alles gesagt. Warum sollte Österreich sein AAA verlieren, wenn es eine geringere Gesamtverschuldung als Deutschland hat? Und Deutschland wird sein Triple A sicher nicht verlieren.

derStandard.at: Ende letzter Woche verschickte die größte Rating-Agentur versehentlich eine Mitteilung, in der Frankreich die Bestnote entzogen wird. Standard & Murcks?

Mostböck: Dieser Fehler ist unentschuldbar. Die EFFAS (Europäischer Dachverband der Finanzanalysten, Anm.), hat daher auch gestern mit einem Schreiben an EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy, EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso, EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier und EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn reagiert (siehe links).

derStandard.at: Der Fehler wiegt Milliarden.

Mostböck: Ja. Darüber hinaus handelte es sich bei S&P offensichtlich um einen Fehler, der durch den Mangel an interner Compliance und interner Revision entstanden ist. Die Betreffzeile der versandten Mail hatte die Abstufung Frankreichs zum Inhalt, der Text selber dagegen nicht. Verschickt wurde die Nachricht um 15.57 Uhr und stand bis 17.40 Uhr im Netz. In der Folge legten französische Bonds deutlich an Renditen zu, die Kurse fielen. Für den französischen Staat bedeutete das einen Verlust von Milliarden Euros. Dieses Missgeschick kann man nicht bei einem, "Sorry, das war ein peinlicher Computer-Fehler" belassen - schon gar nicht in einer Zeit, wo es um die Eurozone ohnehin schon schlimm bestellt ist.

derStandard.at: Seit wann verschicken sich solche E-Mails von selbst?

Mostböck: Sie verschicken sich nicht von selbst. Wie solche Mails zustande kommen, ist aber völlig belanglos, solche Fehler dürfen schlicht nicht passieren. Das Perverse daran ist, dass Standard & Poor's kurz darauf das AAA-Rating und den Ausblick für Frankreich wieder bestätigt hat. Rating-Agenturen sind dazu da, um den Investoren eine Guidance zu geben und nicht um Miss-Interpretationen anzustellen, um die Märkte restlos zu verwirren. Anstelle mit netten Ratschlägen daherzukommen, sollten Rating-Agenturen vor ihrer eigenen Türe kehren, und daran arbeiten, solche unprofessionellen Fehler zu verhindern.

derStandard.at: Michel Barnier stellt heute strengere Regeln für die Rating-Agenturen vor. Unter anderem sehen diese den Wechsel nach spätestens drei Jahren vor, um eventuelle Gefälligkeitsgutachten auszuschließen. Sinnvoll?

Mostböck: Das überlasse ich der Politik. Sie hat gesehen, was passiert ist und wird über Maßnahmen nachdenken. Vielleicht haben viele auch schon auf den Fehler mit Frankreich gewartet, damit endlich etwas geschieht.

derStandard.at: Es war nicht der einzige gravierende Fehler. Stichwort Lehman Brothers, der Bankensektor in Island usw. Brauchen wir Rating-Agenturen?

Mostböck: Schwer zu beantworten. Österreich ist gerade dabei, selbst mit Rating-Agenturen zu sprechen. Wir sollten daher aus Eigen-Interesse vermeiden, auf Rating-Agenturen hinzuhauen.

derStandard.at: Anders gefragt: Kritiker unterstellen den Rating-Agenturen Intransparenz oder auch Gefälligkeits-Gutachten. Wie weit können Sie diese Vorwürfe bestätigen?

Mostböck: Gar nicht. Mir ist nicht ein Fall von Gefälligkeitsgutachten bekannt. Bei den Company-Ratings gibt es sehr genaue Bilanzierungsschemata und Standards - meiner Ansicht nach sind diese transparent.

derStandard.at: José Manuel Barroso spricht sich gegen die Gründung einer EU-Rating-Agentur aus. Zu Recht?

Mostböck: Ich bezweifle den tatsächlichen Wettberwerbszuwachs, wenn wir anstelle von drei - wesentlichen - dann vier Rating-Agenturen hätten. Außerdem dauert es eine Ewigkeit, bis eine Rating-Agentur steht. Wir sprechen hier von bis zu 15 Jahren.

derStandard.at: Der Vorwurf richtet sich vor allem gegen die USA, sie würden sich mit ihren Ratings ein Urteil über Europa erlauben. Mit einer EU-Agentur wäre dieser zumindest teilweise vom Tisch?

Mostböck: Prinzipiell ist die Eurozone wesentlich verwundbarer als die USA - egal, ob mit oder ohne Rating-Agentur. Es liegt in der Natur der Sache, dass die 17 Länder der Eurozone mit ihren 17 unterschiedlichen Government Bonds in derselben Währungskategorie zu unterschiedlichen Zinsen und unterschiedlichen wirtschaftlichen Hintergründen - Griechenland versus Deutschland beispielsweise -angreifbarer ist, als es die USA sind. In den Vereinigten Staaten gibt es für einen riesiges gesamtamerikanisches Volumen ausschließlich US-Treasurys für eine Asset-Klasse. Ein derartig großes Volumen ist selbstredend schwerer angreifbar.

derStandard.at: Zentral- und Osteuropa (CEE) wird vermeintlich immer als Risiko für Österreich gesehen.

Mostböck: Gerade das Gegenteil ist der Fall. Der tatsächliche Outcome der Krise zeigt, dass alle wesentlichen Staaten der CEEs deutlich geringer verschuldet sind als der Rest der Welt - sogar unter dem Maastricht-Limit von 60 Prozent zum BIP (siehe Tabelle). Das sollte man Standard & Poor's ausrichten. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 15.11.2011)

FRIEDRICH MOSTBÖCK ist Leiter des Bereichs Research in der Erste Group und unter anderem Vorstandsmitglied der EFFAS (European Federation of Financial Analysts Societies).

  • Friedrich Mostböck: Warum sollte Österreich 
sein AAA verlieren, wenn es eine geringere Gesamtverschuldung als 
Deutschland hat? Und Deutschland wird sein Triple A sicher nicht 
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    Friedrich Mostböck: Warum sollte Österreich sein AAA verlieren, wenn es eine geringere Gesamtverschuldung als Deutschland hat? Und Deutschland wird sein Triple A sicher nicht verlieren.

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    Geben die Rating-Agentur Österreich Saures? Mostböck beruhigt.

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  • Brief der EFFAS als Reaktion der "PC-Panne" von Standard & Poor's bei der Bewertung von Frankreichs Bonität.

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