Das hat sich der Androsch wirklich nicht verdient

Kommentar der anderen14. November 2011, 19:57
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Unberechtigter Spott, mangelnde Einsicht: Eine Erwiderung auf die harsche Kritik des Philosophen Konrad Paul Liessmann am Bildungsvolksbegehren - Von Karl Heinz Gruber

Das Bildungsvolksbegehren ist nicht der gewaltige Paukenschlag geworden, den sich Hannes Androsch erhofft hat, sondern nur ein - immerhin deutlich hörbarer - Trommelwirbel. Für seine Initiative verdient Androsch (er hätte seine Energie auch in das Theater in der Josefstadt oder in ein Traunseeschiff stecken können) Respekt und Anerkennung, aber ganz gewiss nicht die Unterstellung der Heuchelei und den Spott und den Hohn des Kommentars von Konrad Paul Liessmann.

Hannes Androsch hat der österreichischen Bevölkerung die Gelegenheit zur "demokratischen Einmischung" in Sachen Bildung geboten. Dass nur 383.000 Personen von diesem Angebot Gebrauch gemacht haben, ist enttäuschend, aber nicht überraschend. Angesichts der geringen Ausprägung von Demokratie als Lebensform und angesichts des weitverbreiteten Unwissens über die Wirkungsweise des österreichischen Schulsystems durfte man von Anfang an keine sehr hohen Erwartungen an das Bildungsvolksbegehren haben. Politologen und Medienexperten haben darauf hingewiesen, dass weder die Strategie noch das Timing optimal waren.

Dass das Bildungsbürgertum nicht bereit sein würde, eine Änderung jenes Schulsystems zu unterstützen das sich bestens für die Umsetzung seine schichtspezifischen Interessen eignet, war zu erwarten. (Man hätte besorgten Eltern von Gymnasiasten klar machen müssen, dass nach internationalen Erfahrungen Kinder aus "bildungsnahen" Familien in jeder Art von Schulsystem ihren schichtspezifischen Sozialisations-"bonus" beibehalten, in Gesamtschulsystemen aber eben nicht auf Kosten der früh wegselektierten Unterschichtkinder.) Dass die Landbevölkerung und die städtische Unterschicht eine erhebliche "affektive Distanz" nicht nur zu den gymnasialen Schulformen sondern auch zu öffentlichen Ämtern und behördlichen Verfahren haben, ist auch nicht neu. Für die schweigende ländlichen Akzeptanz der Hauptschule gilt der Ausspruch John Steinbecks: Wenn man Fesseln lange genug trägt, dann hält man sie für Flügel.

Das Volksbegehren war von zwei reformfeindlichen österreichischen Grundübeln betroffen: dem Passivismus und der Bereitschaft zur Privatisierung öffentlicher Missstände. Während anderswo politisch-solidarisch gehandelt wird, entweder durch öffentlichen Protest, durch Streik oder wenigstens durch die Unterschrift unter ein Volksbegehren, werden in Österreich vom Schulsystem produzierte Probleme und Konflikte verdrängt, internalisiert oder familiär abgearbeitet: Der Papa kriegt eine Wut, die Mama ein Magengeschwür und der Bub ein paar Watschn.

Das bemerkenswerteste, von Liessmann allerdings mit dem Vorwurf der Verlogenheit bedachte "Nebenprodukt" des Volksbegehrens war die Aktivierung der Wirtschaft für das Anliegen einer bestmöglichen Mobilisierung der österreichischen Begabungsreserven. Es mag schon sein, dass der eine oder der andere Wirtschaftskapitän an die betriebswirtschaftliche Nützlichkeit besser gebildeter Schulabsolventen gedacht hat, aber ein allgemein höheres Sockelniveau an Bildung ist nicht bloß volkswirtschaftlich wertvoll sondern ermöglicht - ganz privat - mehr Selbstbestimmung und individuelle Sinnstiftung.

Mit dem Wahrheitsbeweis für seine Aussagen macht es sich der Philosoph Liessmann ziemlich leicht. Er verweist auf einen deutschen Journalisten, der behauptet, dass es "schlichtweg falsch" sei, dass Bildungschancen sozial ungleich verteilt sind, und dass solche "Irrtümer" der "empirischen Bildungsforschung" zu verdanken wären.* Wenn die tausendfach wissenschaftlich abgesicherte Ungleichheit der Bildungschancen und das dadurch produzierte Leid nicht so ernst wären, könnte man über diese "Expertise" lachen.

Zum Abschluss hat Liessmann ein ganz simples Rezept: Man möge bloß "Rahmenbedingungen" schaffen, die es gut ausgebildeten Lehrern ermöglichen, ihren Unterricht ungestört zu halten, dann wäre alles bestens.

Konrad Paul Liessmann hätte gut daran getan, einen Rat von Albert Einstein zu beherzigen: Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden - aber nicht einfacher. Hätte er sich, und das ist einem Philosophen, der über Bildung und Schule schreibt, zuzumuten, der Mühe unterzogen, den jüngsten Österreichischen Bildungsbericht zu lesen, dann hätte er festgestellt, dass das österreichische Schulsystem gravierende Mängel aufweist. Er wäre zur Einsicht gekommen, dass Schule ein komplexes spannungsgeladenes interdependentes System von Schulorganisation, Schülerbegabungen, elterlichen Ambitionen, Lehrplänen, Unterricht, sozialen Prozessen und vielem mehr ist, für dessen Reform es keine "quick fix"-Lösung gibt. Und wenn nicht alles täuscht, dürften die Forderungen des Volksbegehrens mit den von Liessmann verlangten "Rahmenbedingungen" weitgehend identisch sein.

Wahrscheinlich wird Hannes Androsch keinen Trost brauchen, sonst würde er ihn beim römischen Dichter Lucanus finden: Victrix causa diis placuit sed victa Catoni.(Bevor manche von Ihnen zu googeln anfangen: "Den Göttern mag die siegreiche Sache gefallen haben, dem Cato die unterlegene.") Allerdings: Androsch ist mit seinem Volksbegehren nicht "unterlegen", und es wäre absurd, die Weigerung, die Trägheit oder die Gleichgültigkeit einer übergroßen Mehrheit der österreichischen Bevölkerung, eine umfassende Bildungsreform zu unterstützen, als einen " den Göttern gefälligen Sieg" zu sehen; es handelt sich vielmehr um ein bildungspolitisches Armutszeugnis. (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2011)

Autor

Karl Heinz Gruber ist zurzeit Research Fellow an der Universität Oxford, lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Uni Wien.

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    Bildungsexperte Gruber: "Liessmann hätte gut daran getan, einen Rat von Albert Einstein zu beherzigen: Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher."

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