Ein Russe half beim Atomprogramm

15. November 2011, 13:58
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Wjatscheslaw Danilenko arbeitete von 1996 bis 2002 für den Iran und war früher für das sowjetische Atomprogramm tätig

Wjatscheslaw Danilenko erlebte noch die Blüte seiner Branche. Der mittlerweile 67-jährige russische Sprengstoffexperte arbeitete drei Jahrzehnte lang, von den frühen 1960er-Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges, in Tscheljabinsk-70 (bzw. früher Tscheljabinsk-50), einer Geheimeinrichtung für die Entwicklung von nuklearen Waffen im Mittleren Ural. Die Stadt Sneschinsk, in der sich Tscheljabinsk-70 befand, wurde in den 1950ern eigens für das sowjetische Nuklearprogramm gegründet. Bis in die 1990er-Jahre hinein war die Stadt auf keiner Landkarte eingezeichnet, es war eine so genannte "geschlossene Stadt". Doch mittlerweile ist die Existenz Sneschinsks kein Geheimnis mehr und auch das Atomprogramm ging gemeinsam mit der Sowjetunion den Bach hinunter.

Genau dieser Danilenko, von dem bis vor wenigen Tagen kaum jemand öffentlich Kenntnis genommen hatte, soll dem Iran von 1996 bis 2002 bei der Entwicklung nuklearer Waffen geholfen haben. Vor einer Woche veröffentlichte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) einen Bericht über das Atomprogramm der Islamischen Republik. Dabei verwies die IAEA auf einen "ausländischen Experten", der dem Iran dabei unter anderem "bei der Entwicklung des Zündungssystems für hochexplosive Sprengstoffe" unter die Arme griff.

Dieser Experte war Danilenko, wie vier Experten des Institute for Science and International Security in Washington wissen. In einem Bericht (er steht links zum Downloaden bereit) zeichnen die Forscher Danilenkos Biographie nach und fassen die iranischen Atomfortschritte zusammen.

Herstellung von Miniatur-Sprengköpfen

Wjatscheslaw Danilenko begann in den frühen 1960er-Jahren für das sowjetische Atomprogramm in Tscheljabinsk-70 zu arbeiten. Wie die Washington Post schreibt, beschäftigten sich die Forscher mit miniaturisierten Nuklearwaffen, so dass diese in Raketen, konventionelle Bomben und sogar in Granaten passten. Die größte Herausforderung dabei war es, einen kleinen, präzisen konventionellen Sprengkopf herzustellen. Dies war Danilenkos Spezialgebiet, denn er war gemeinsam mit anderen Wissenschaftern zuvor mit der Herstellung synthetischer Diamanten beschäftigt (was er später, nach dem Ende des Kalten Krieges, nutzen sollte um beruflich Fuß zu fassen). Dieses Team hatte entdeckt, dass durch den Beschuss bzw. die Bombardierung von Graphit mit Sprengstoff ein hoher Druck entsteht. Aus diesem Graphit werden dann synthetische Diamanten - dazu waren kleine Sprengköpfe nötig. Diese synthetischen Diamanten finden vor allem in der Industrie Anwendung.

Die Beteiligung Danilenkos an diesem Projekt zur Diamantensynthese ist kein Geheimnis. In einem Buch, welches im ISIS-Report zitiert wird, schreibt Danilenko von Experimenten, welche "die Entwicklung von Methoden zur Synthese war sehr geheim; aus Sicherheitsgründen waren die Ergebnisse anfangs nur in geheimen Berichten des VNIITF (Anm.: Abkürzung für das Tscheljabinsk-70-Programm) enthalten".

Die Zeit nach dem Kalten Krieg

Nach dem Kalten Krieg musste Danilenko Tscheljabinsk-70 verlassen - wie viele andere Wissenschaftler auch. Er machte sich in der Ukraine, in Kiew, selbstständig und produzierte mit seiner Firma ALIT winzige synthetische Diamanten (so genannte Nanodiamanten). Doch mit seiner Firma kam er wirtschaftlich ins Straucheln. Wie die IAEA berichtet, soll Danilenko schlussendlich in der Mitte des Jahres 1995 den Iran kontaktiert haben und seine Expertise im Herstellen dieser Nanodiamanten angeboten haben.

Einer der Köpfe des iranischen geheimen Nuklearprogramms, Seyed Abbas Shahmoradi, nahm Danilenko unter Vertrag. Shahmoradi erkannte Danilenkos Fähigkeiten und welche Vorteile dies für das iranische Atomprogramm bringen könnte. Nun hatte der Iran wohl nur ein geringes Interesse in der Herstellung synthetischer Diamanten, wie die ISIS-Wissenschafter vermuten, doch dient seine Expertenschaft auf diesem Gebiet als Ablenkung für Beobachter aus dem Ausland.

Danilenko tat mehr, als er zugeben will

Der russische Wissenschafter soll insgesamt sechs Jahre lang, von 1996 bis 2002, für den Iran gearbeitet haben. Der russische Einfluss im iranischen Atomprogramm ist für den IAEA offensichtlich. Danilenko soll unter anderem an einem hochpräzisen Sprengkopf gearbeitet haben. Die IAEA-Experten schließen dies aus drei verschiedenen Quellen; eine davon war Danilenko selbst. Er habe lediglich Vorlesungen gehalten und an seinen Nanodiamanten geforscht, gab der Russe der IAEA Auskunft. Informationen von Geheimdienstorganisationen des Westens, welche mit der IAEA zusammenarbeiten, besagen jedoch, dass Danilenko viel mehr für den Iran getan habe als er zugeben wollte.

Gegenüber einem russischen Journalisten verneinte Danilenko in der Vorwoche, der "Vater des iranischen Nuklearprogramms" zu sein. 2002 kehrte Danilenko wieder nach Russland zurück. (flog, derStandard.at, 15.11.2011)

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    Ein Satellitenbild der Nukleareinrichtung in der Nähe von Qom vom September 2009.

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    Der Kernreaktor in Bushehr.

  • ISIS Report zum Downloaden: Iran's Work and Foreign Assistance on a Multipoint Initiation System for a Nuclear Weapon

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