"Emotionen gewinnen keine Spiele"

14. November 2011, 18:43
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Marcel Koller debütiert am Dienstag als ÖFB-Teamchef. Die Ukraine ist daheim in Lemberg trotzdem leicht zu favorisieren

Lemberg - Lemberg ist gemütlich, sagen die Lemberger, und davon gibt es fast 800.000. Das unterscheidet die Stadt vom großkotzigen, egoistischen Kiew. Lemberg ist europäisch geprägt, das Zentrum ist uralt. Seit Russland in der Ukraine (fast) nichts mehr zu sagen hat, ist die Luft hier auch gut. Keine Schwerindustrie, die Busfabrik hat längst geschlossen. Bis zur Europameisterschaft 2012 werden die Straßen asphaltiert sein, und der Flughafen wird wie ein richtiger Flughafen ausschauen und funktionieren.

Die Petroleumlampe wurde hier erfunden, das Lemberger Bier ist innerhalb der Landesgrenzen berühmt, der Honigschnaps lecker. Wobei spätestens nach zwei Flaschen Schluss sein sollte. Zu viel von diesem süßen Zeug führt nämlich zu schlimmen Erlebnissen im Kopf. Also dort, wo die wahren Abenteuer stattfinden.

Marcel Koller ist einfach nur froh, dass es losgeht. "Denn das Spiel ist der Höhepunkt." Teamchef der österreichischen Nationalmannschaft zu sein ist bekanntlich eines jener Abenteuer, die der Fußball zu bieten hat. Mitleid ist nicht angebracht, er wollte den Job. ÖFB-Präsident Leo Windtner ist mit in die Ukraine geflogen. Was er sich vom Debüt des Schweizers erwartet? "Ich habe keinerlei Erwartungshaltungen, möchte ein gutes Spiel und ein respektables Ergebnis. Was respektabel ist, definiere ich nicht. Wir wollen den geraden Weg weitergehen. Mit diesem Betreuerstab haben wir zum internationalen Niveau aufgeschlossen."

Koller hat ein "gutes Gefühl". Knapp eine Woche hat er mit der Elite gearbeitet, sie kennengelernt und mit Informationen und Ideen vollgepackt. Die Stimmung sei hervorragend, er habe durchwegs "positive Emotionen" registriert. "Aber der Weg ist lange, gute Emotionen gewinnen keine Spiele. Es kann sein, dass wir einen Tiefschlag verarbeiten müssen. Aber das darf einen nicht aufhalten."

Die Aufstellung kennt Koller. Jene, die nicht drankommen, haben übrigens das Recht, "dass ich ihnen die Gründe für die Nichtnominierung nenne". Mit jenen elf, die eingesetzt werden, wird logischerweise auch gesprochen und zwar ausführlich. Franz Schiemer ist fix als rechter Verteidiger eingeplant. Der bei Red Bull Salzburg engagierte Kicker ist vielseitig verwendbar, Innenverteidigung und defensives Mittelfeld wären die Alternativen. "Ich spiele dort, wo mich der Trainer aufstellt. Man muss dankbar sein, überhaupt im Team sein zu dürfen." Er werde versuchen, Kollers Vorgaben zu erfüllen. "Das Komplizierte wird sein, wie wir als Mannschaft gemeinsam die Ideen umsetzen. Denn elf Leute haben elf verschiedene Köpfe." Ein längerfristiges Ziel sei, "dass wir den Fans erfrischenden Fußball mit Wiedererkennungswert zeigen. Die Leute sollen sich auf uns freuen."

Neue Schlagkraft

Dem Schalker Christian Fuchs schwebt "eine schlagkräftige Mannschaft für die WM-Qualifikation" vor. "Es ist ein Auftrag, 2014 in Brasilien dabei zu sein. Jetzt beginnt er." Mainz-Legionär Andreas Ivanschitz fasst Kollers Ideen so zusammen: "Kompakt stehen, effizient vorlaufen, früh attackieren, bei Ballbesitz nicht hektisch werden, Sicherheit ausstrahlen. Jeder muss an sich glauben. Agieren statt reagieren."

Es ist das erste Treffen mit EM-Gastgeber Ukraine, insofern muss keine Statistik strapaziert werden. Das zweite folgt am 1. Juni 2012 irgendwo in Österreich. Die Ukraine hat am vergangenen Freitag im egoistischen Kiew ein 3:3 gegen Deutschland erreicht. Teamchef Oleg Blochin setzte auf Konter, gegen das nicht ganz so tolle Österreich wird er im gemütlichen Lemberg wohl eine andere Taktik anwenden, die Spielgestaltung nicht scheuen. Obwohl Blochin "großen Respekt" hat.

Kollers Vorgänger debütierten passabel, Dietmar Constantini startete mit einem 2:1 gegen Rumänien, Karel Brückner erreichte in aller Freundschaft ein 2:2 gegen Italien. Josef Hickersberger fiel aus der Reihe (0:2 gegen Kanada). Schiemer sagte noch: "Es ist an der Zeit, dass uns ein Licht aufgeht." Immerhin wurde in Lemberg die Petroleumlampe erfunden. (Christian Hackl aus Lemberg, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 15. November 2011)

 

Technische Daten und mögliche Aufstellungen zum Fußball-Länderspiel Ukraine - Österreich am Dienstag:

Ukraine - Österreich (Lwiw/Lemberg, Arena Lviv, 20.00 Uhr MEZ/live ORF eins, SR Svein Oddvar Moen/NOR).

Ukraine: Rybka (Schachtjor Donezk) - Butko (Illitschiwez Mariupol), Rakizki (Schachtjor Donezk), Kutscher (Schachtjor Donezk), Selin (Worskla Poltawa) - Timoschtschuk (Bayern München) - Fedezki (Karpati Lwiw), Nasarenko (Tawrija Simferopol), Jarmolenko (Dynamo Kiew) - Milewski (Dynamo Kiew), Gaj (Schachtjor Donezk)

Ersatz: Dykan (Spartak Moskau) - Mandsjuk (Dnjepro Dnjepropetrowsk), Konopljanka (Dnjepr Dnjepropetrowsk), Chatscheridi, Aliew, Garmasch, Gusjew (alle Dynamo Kiew), Rotan (Dnjepro Dnjepropetrowsk), Woronin (Dynamo Moskau), Dewitsch (Metalist Charkiw), Besus (Worskla Poltawa), Schewtschenko (Dynamo Kiew)

Österreich: Lindner (Austria Wien/0 Länderspiele) - Schiemer (Salzburg/21/4 Tore), Prödl (Werder Bremen/31/3), Pogatetz (Hannover/46/2), Fuchs (Schalke/46/1) - Harnik (Stuttgart/27/6), Baumgartlinger (Mainz/17), Alaba (Bayern München/15), Ivanschitz (Mainz/51/8) - Arnautovic (Werder Bremen/15/5) - Janko (Twente Enschede/23/9)

Ersatz: Almer (Fortuna Düsseldorf/0) oder Grünwald (Austria/3) - Dragovic (FC Basel/14), Klein (Austria/10), Ortlechner (Austria/7), Suttner (Austria/0), Drazan (Rapid/3), Junuzovic (Austria/16/1), Kavlak (Besiktas/14), Mader (Austria/0), Weber (Sturm Graz/1), Hoffer (Eintracht Frankfurt/27/4)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Priester segnet das neue Stadion in Lemberg, in dem heute WM-Gastgeber Ukraine gegen Österreich kickt. 33.000 Menschen passen hinein.

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