Anti-Berlusconi aus Mailand soll Italien retten

14. November 2011, 18:30
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Ein Wirtschaftsexperte als Ministerpräsident: Mario Monti

Der 68-jährige Mario Monti ist am Wochenende von Staatspräsident Giorgio Napolitano mit der Regierungsbildung beauftragt worden. Der parteilose Wirtschaftswissenschafter, Präsident der Mailänder Elite-Universität Bocconi und frühere EU-Wettbewerbskommissar, ist der Anti-Berlusconi schlechthin.

Monti ist ein Mann weniger Worte, zurückhaltend und verbindlich. Sein liberal-konservatives Gedankengut, seine Einstellung, "ein treuer Diener des Staates zu sein", stehen im krassen Gegensatz zu dem marketingbewussten, redegewandten Berlusconi, der 17 Jahre politischer Macht für seine eigenen Interessen nutzte, sicher nicht für jene Italiens. Kein Wunder, dass der skandalliebende Berlusconi und der besonnene Nationalökonom Monti nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Immer wieder kritisierte Monti in den vergangenen Monaten die Wirtschafts- und Wachstumspolitik Italiens und warf Berlusconi vor, mit seinen Eskapaden von den wirklich wichtigen Fragen abzulenken.

Als "duro, ma puro" (hart, aber sauber) wird Monti von seinen Kollegen bezeichnet. Der im Winter mit einem einfachen Lodenmantel gekleidete Universitätsprofessor fliegt Economy-Class, er und seine Familie (zwei erwachsene Kinder) treten meist sehr bescheiden auf. Seine Frau ist in der Mailänder Gesellschaft wegen ihrer zahlreichen Wohltätigkeitsaktionen bekannt. Als passionierter Bergsteiger und Wanderer verbringt Monti seine Sommerferien meist in seinem Haus nahe St. Moritz in der Schweiz.

Der aus Varese stammende Monti studierte Wirtschaft in Mailand und Yale, war Rektor der Bocconi-Universität und vertrat Italien von 1994 bis 2004 als EU-Kommissar für Binnenmarkt und Wettbewerb in Brüssel. Er gab sich streitbar, legte sich mit großen Konzernen wie General Electric, VW oder Microsoft an, zwang deutsche Landesbanken, widerrechtliche Staatszuschüsse zurückzuzahlen und erwarb sich so den Ruf eines rigorosen und unbeeinflussbaren Kämpfers für die Sache.

Anlässlich der jüngsten Finanzkrise haben sich viele gefragt, ob die Marktwirtschaft das richtige System sei, um die Probleme zu lösen. "Sie ist offensichtlich die einzige Lösung", versichert Monti, selbst wenn die Funktionsweise und die Regeln zur Überwachung des Finanzsystems verbesserungsbedürftig seien. Für Italien bedeutet Monti die letzte Chance, um die Krise ohne allzu großes Trauma zu überwinden. (Thesy Kness-Bastaroli, DER STANDARD-Printausgabe, 15.11.2011)

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