Sein und zur Zeit

14. November 2011, 18:14
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Elektrisiert wie schon lange nicht am Samstag in der "Presse" die Ankündigung gelesen: "Matinee über die Zeit". Versprochen wurde unter dem Konterfei des Philosophen Konrad Paul Liessmann eine eigene Sonntagsmatinee für den nächsten Tag aus gegebenem Anlass. Denn egal, ob Physiker, Philosophen, Biologen, Psychologen, Literatur- oder Kulturwissenschaftler, das Phänomen der Zeit ist für viele Wissenschaftler zentraler Bestandteil ihrer Forschung und Anlass für intensive Diskussion. Höchste Zeit also, dass endlich auch einmal ein Journalist seine diesbezüglichen Erkenntnisse preisgebe, ist doch kein anderer Berufsstand so sehr den Zeiteinschnitten des Tages, oder, wenn er bei der "Presse am Sonntag" arbeitet zusätzlich auch noch denen der Woche verhaftet, wo sich sein Sinnieren über das verstörende Phänomen emporranken kann. Daher: "Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker und Konrad Paul Liessmann, Professor für Philosophie an der Universität Wien, sprechen über die Zeit. Die Voraussetzungen für echte Erkenntnisfortschritte waren gegeben: Den perfekten Rahmen für das Thema bildet die Uhrenausstellung Viennatime, bei der an einem Wochenende die uhrmacherischen Innovationen der Gegenwart präsentiert werden.

Von Aristoteles über Augustinus bis zu Martin Heidegger musste man sich im Laufe der Jahrtausende ja viel Blabla über das Wesen der Zeit anhören, wobei verständlich ist, dass dort, wo die uhrmacherischen Innovationen über Sand- und Sonnenuhren, vielleicht noch Klepsydren, nicht hinausgingen, kaum etwas herauskommen konnte. Heidegger konnte von den uhrmacherischen Innovationen seiner Zeit mehr profitieren, was seinem Werk die Komplikation verleiht, für die es gern gelesen wird. Um wie viel mehr durfte man sich erst von einer "Matinee über die Zeit" erwarten, in die zwei Intellektuelle, die in Wien ja nicht irgendwer sind, ihre philosophischen Erkenntnisse, bereichert um die uhrmacherischen Innovationen seit dem Erscheinen von "Sein und Zeit", einspeisen.

Gelenkt von dieser Erwartung und dementsprechend hungrig nach endlicher Klarheit, in der nächsten Ausgabe der "Presse" nach dem Bericht über die Matinee gesucht - und gefunden. Doch welche Enttäuschung! In der Kleinrubrik Weltmenschen am Fuße der Seite 8 wurde die Frage, die Augustinus schlaflose Nächte bereitete, auf Viennatime heruntergebrochen - Widerstand gegen die Zeit: Warum Menschen Uhren tragen.

Vorsichtig näherte sich der Bericht einer Antwort. Wie wichtig die Zeit für Menschen ist, erkennt man schon daran, wie viele Sprichwörter à la "Die Zeit heilt alle Wunden" sich rund um sie drehen. Immerhin, die Sprichwörterforscher unter den Literatur- oder Kulturwissenschaftlern, für die das Phänomen Zeit zentraler Bestandteil ihrer Forschung und Anlass für intensive Diskussionen ist, kamen auf ihre Rechnung. "Wenn du es eilig hast, dann gehe langsam", war eines der Sprichwörter, das besonders genau zerlegt wurde, konnte man damit doch dem "Festina lente" der alten Römer völlig neue Aspekte abgewinnen: Je schneller man arbeiten muss, umso mehr Fehler macht man.

Heidegger schwach dagegen. Weitgehend einig war man sich auch darüber, dass der Mensch zunehmend versuche, Ereignisse möglichst lange hinauszuzögern, an denen er seine Vergänglichkeit bemerkt. Mehr als am Uhrenverkauf bemerkt man das an der Zunahme von Schönheitsoperationen. Warum man trotzdem Uhren trägt? Einerseits, so Philosoph Liessmann, spiele der ästhetische Faktor eine Rolle, andererseits seien komplizierte mechanische Uhren gewissermaßen auch ein "Widerstand gegen die schnelle Veränderung der Zeit". Dass sich die Zeit verändert, wenn man nur eine komplizierte mechanische Uhr trägt, konnte Augustinus naturgemäß nicht wissen. Ob auch zum Besseren, blieb in der Matinee ungeklärt, was Swatch-Trägern ein Trost sein mag, den Veranstaltern der Uhrenausstellung Viennatime vermutlich weniger.

Dass die Zeit auch stehenbleiben kann, ja dass sich das Rad der Zeit bei Bedarf auch zurückdrehe, wird regelmäßig in der Fachzeitschrift "Zur Zeit" gefordert. Diese Woche etwa registriert sie begeistert, dass Viktor Orbáns Mannen darangehen, den Augiasstall des Budapester Kulturbetriebes auszumisten, durch Typen einer Gruppe, die das Friedensdiktat von Trianon aus dem Jahr 1920 ablehnt und auf friedlichem Wege die Wiedereingliederung der ehemals magyarischen Gebiete anstrebt. Ewiggestrige verstehen eben etwas von der Zeit. (Günter Traxler/DER STANDARD Printausgabe, 15.11.2011)

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