Eurokrise breitet sich auf neue EU-Länder aus

14. November 2011, 17:48
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Die schwache Konjunktur und die Auswirkungen der Eurokrise erfassen Osteuropa. Ungarn und Slowenien geraten besonders unter Druck

Die schwache Konjunktur und die Auswirkungen der Eurokrise erfassen Osteuropa. Ungarn und Slowenien geraten besonders unter Druck, aber auch in Polen und Tschechien gaben die Landeswährungen nach.

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Wien/Budapest - Der ungarische Regierungssprecher Péter Szijjártó weiß dieser Tage nicht, wo ihm der Kopf steht. Nach einem rekordverdächtigen Absturz des Forint und dem Anstieg der Risikoaufschläge für ungarische Staatsanleihen, musste Szijjártó am Montag gleich mehrfach ausrücken, um zu beruhigen. Nein, Ungarn werde sich über Wasser halten und brauche keinen neuen Notkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF), verkündete Szijjártó in Budapest.

Analysten sind sich da nicht mehr ganz so sicher. Der Forint hat am Montag gegenüber dem Euro ein Zweieinhalbjahrestief erreicht, gegenüber dem Yen sogar einen absoluten Tiefstwert. Investoren flüchten nicht nur aus der Währung, auch Bankenwerte werden verkauft. Marktführer OTP stürzte an der Börse am Montag um mehr als sieben Prozent ab.

Hintergrund der nervösen Stimmung dürfte die Androhung der Ratingagenturen Fitch und Standard & Poor's von Freitag und Samstag sein, Ungarns Bonität herabzustufen. In der wichtigen Vergleichsgruppe mit Bulgarien, Tschechien, der Slowakei und Polen hat Ungarn bereits jetzt das schlechteste Rating. Die Bewertung des Landes liegt bei Fitch, S&P und Moodys' nur eine Stufe über dem gefürchteten Junk-Status. Eine weitere Abstufung würde Budapest also schwer treffen.

Hauptursache für das miserable Rating ist die für osteuropäische Verhältnisse hohe Staatsverschuldung Ungarns von 80 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die umstrittene Politik der Regierung (Stichwort Zwangsumtausch von Fremdwährungskrediten) und die schlechten Konjunkturaussichten nennen die Ratingagenturen als weiteren Grund für ihre Drohung in Richtung Budapest.

Erdrückende Zinslast

Entsprechend dem riskanten Umfeld steigen die Risikoaufschläge für ungarische Staatsanleihen. Budapest müsste Investoren für einen zehnjährigen Kredit 8,6 Prozent Zinsen bieten. Das ist um zwei Prozent mehr als das angeschlagene Italien zahlen muss. "Als osteuropäisches Land zahlt Ungarn immer mehr. Aber 8,6 Prozent sind ein extrem hoher Wert", meint der Budapester Analyst Gergely Suppan. Am Montag musste in Budapest sogar die Ausgabe kurzfristiger Staatsanleihen abgeblasen werden - offenbar wegen der hohen Zinskosten.

Damit werden in Budapest Erinnerungen an den Herbst 2008 wach, als Ungarn den IWF als einer der ersten Länder um Hilfe ansuchen musste. Allerdings sehen Finanzexperten diesen Zeitpunkt noch nicht gekommen. Kurzfristig gilt das Land als durchfinanziert, die Staatschuldenagentur hat Sicherheitspuffer gebildet und auch aus den zwangsverstaatlichten Pensionskassen soll noch Geld an den Fiskus fließen. "Probleme bekommt Budapest aber wenn das Zinsniveau nicht bald sinkt", prophezeit Suppan.

Mit zunehmenden Schwierigkeiten kämpft auch Slowenien. Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen ist erstmals seit dem Euro-Beitritt des Landes im Jahr 2007 über die sieben Prozent-Marke gestiegen. Die Staatsverschuldung des Landes ist zwar moderat (43 Prozent). Allerdings wächst Sloweniens Wirtschaft derzeit ähnlich wie jene Ungarns nur langsam und ist stark von den Exporten in die Eurozone abhängig. Das Budgetdefizit Ljubljanas dürfte heuer mit sechs Prozent besonders hoch ausfallen.

Auch für Slowenien gilt, dass sich das Land sieben Prozent Zinsen für seine Schulden nicht lange wird leisten können, warnt Vladimir Gligorov vom Wiener Osteuropa-institut WIIW.

Abgestraft werden derzeit aber nicht nur Länder mit höheren Schulden. Die Auswüchse der Eurokrise bekommen auch Tschechien und Polen verstärkt zu spüren. Die tschechische Krone hat im November gegenüber dem Euro deutlich an Wert verloren, der polnische Zloty hat bereits zwischen Mitte August und Mitte September kräftig nachgelassen und sich seither nicht erholen können.

Das ist überraschend, denn Polen und Tschechien gelten wirtschaftlich als absolut stabil. "Das ist das alte Muster, wie nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise: Da können die Zahlen noch so gut sein, im Krisenfall scheren Investoren Osteuropa immer noch über einen Kamm", meint Wolfgang Ernst von der Raiffeisen Bank International. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.11.2011)

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