Wagner-Theater mit kleinen Schwankungen

14. November 2011, 17:38
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"Götterdämmerung" an der Wiener Staatsoper

Wien - Premieren sind für Opernhäuser potenzielle Quellen von Glanz. Ein Repertoirehaus wie die Staatsoper hat ihren Stellenwert allerdings auch durch die tägliche Arbeit zu untermauern - es muss vom Alltag eine gewisse Strahlkraft ausgehen. In diesem Sinne liefert die nun in ihrer zweiten Saison befindliche Leitung Meyer/Welser-Möst einen schönen November-Beweis ihrer Kompetenz. Es ist ja nicht der Ring mit Christian Thielemann, der "Premierenstimmung" birgt. Auch Welser-Möst dirigiert in diesem Monat sieben Abende (Katja Kabanova, Tannhäuser ab 20. 11.)

Da kommt also einiges Potenzial zusammen, wobei es auch Glück braucht, um dem Dirigierniveau vokal und szenisch Gleichwertiges hinzuzufügen. In der Götterdämmerung jedenfalls klang Eric Halfvarson sehr respektabel zwei Akte lang, konnte jedoch (gesundheitsbedingt) im dritten nur als Darsteller glänzen, während Attila Jun (als Hagen) von der Seite aus profund sang. Und statt Katarina Dalayman (erkrankt) kämpfte sich Linda Watson wacker durch die Rolle der Brünnhilde.

Szenisch bringen solche Ungeplantheiten natürlich gewisse Erstarrungseffekte mit sich, wobei auch Stephen Gould (als klangschöner Siegfried) wenig theatrale Substanz einbrachte und auch Caroline Wenborne (als Gutrune) insgesamt eher durchschnittlich wirkte. Tomasz Konieczny (als Alberich) und Markus Eiche (als Gunther) bewegten sich aber auf jenem Niveau, das aus dem Orchestergraben aufleuchtete.

Hier dauerte es zwar, bis sich Höchstspannung einstellte (Siegfrieds Trauermarsch!): Als wollte man das Geschehen nur umkreisen, tönte es im 1. Akt; es fehlte bisweilen die beim Rheingold hörbare Orchesterpointiertheit, und gewisse Gesangsstellen wurden übertönt. Und: Das Blech wirkte nicht immer trittsicher. Auch Thielemann und das ihm zugetane Orchester haben Schwankungen, dies aber auf exzeptionellem Niveau. In Summe war der frenetische Applaus (auch das Orchester kam auf die Bühne) also verständlich - Energetiker Thielemann hat zu einem denkwürdigen Repertoiremonat beigetragen. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 15. November 2011)

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