"Ein Trauma hört nicht einfach auf"

14. November 2011, 18:09
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Klaus Mihacek, der ärztliche Leiter des Hilfszentrums ESRA, über jahrzehntelange Nachwirkungen von Folter, Krieg und Gewalt

Wien - Am Anfang waren die Beschäftigten an den Fingern einer Hand abzuzählen, heute sind es rund 60 für rund 3.000 Betreute jährlich. Zu Beginn - im Jahr 1994 - stand die Hilfe für Holocaust-Überlebende allein im Mittelpunkt der Arbeit des Wiener psychosozialen Zentrums ESRA. Heute stehen die Türen der Einrichtung in Wien-Leopoldstadt allen Menschen offen, die Opfer traumatischer Erlebnisse geworden sind. "Ein Trauma hört nicht einfach auf", sagte jetzt Klaus Mihacek, seit Mitte des Jahres ärztlicher Leiter der Institution.

"Wir sind ein großes multiprofessionelles Team geworden. Der Bedarf wäre aber noch größer. Wir bieten soziale Unterstützung, haben Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten, Neurologen, einen Allgemeinmediziner und Pflegepersonal", erzählt der Psychiater und Neurologe.

Waldheim-Affäre als Auslöser

ESRA (Hebräisch: "Hilfe"), etabliert in der Tempelgasse in Wien-Leopoldstadt, war 1994 von Mitgliedern der Israelischen Kultusgemeinde gegründet worden. Mihacek: "Ausgelöst wurde das durch die 'Waldheim'-Affäre. Da stellte sich heraus, dass bei vielen der Holocaust-Überlebenden ihre traumatischen Erlebnisse wieder hoch kamen."

Nichts könnte typischer für diese Spätreaktion von Menschen sein, welche die Traumata der NS-Zeit durchstanden haben. Der Psychiater: "Da wurde ein Ort gebraucht, an dem man diese Erlebnisse besprechen, bearbeiten und die Betroffenen begleiten konnte. Es geht immer um Sicherheit, soziale Stützung und um die Anerkennung der Betroffenen als Opfer."

Flash-Backs und Fluchtreaktionen

Wohl aber charakteristisch für die Überlebenden des Holocaust - mit zum Teil jahrelanger direkter Leidensgeschichte - ist der grässliche Verlust fast aller Verwandten und Freunde. Dies ist auch für viele andere Verfolgungsopfer zutreffend: Auch nur entfernte Erinnerungen an "damals" lösen sofort wieder Flash-Backs und Fluchtreaktionen aus. "Diese Menschen sitzen sozusagen immer auf dem gepackten Koffer," so Mihacek. Für Personen ohne solche Trauma-Erfahrungen sei das oft kaum vorstellbar.

Ein Beispiel, so Mihacek: "Vor kurzem hatte ich mit einer Holocaust-Überlebenden zu tun, die Pflege bekommen sollte, weil sie halt nicht mehr so selbstständig allein leben kann wie früher. Sie sollte in Formular ausfüllen. In dem wurde unter anderem nach dem Religionsbekenntnis gefragt. 'Fängt das schon wieder an?', fragte sie. Wir brauchten lange, um sie wieder zu beruhigen."

Ein für die Holocaust-Überlebenden zusätzlicher Risikofaktor sei das mittlerweile hohe Alter. Schlafstörungen, Depressionen, die mit dem Alter sowie häufiger werden, Demenzerscheinungen - das könne in Kombination mit dem Posttrauma das psychische Leben der Betroffenen (und ihrer Angehörigen) sehr schnell wieder sehr quälend machen.

"Pakt des Schweigens"

Doch das Trauma hört nicht auf, betrifft zumeist auch die nachfolgenden Generationen. Der ärztliche Leiter von ESRA: "Da gab es bei den jüdischen Holocaust-Opfern Familien, in denen ein Pakt des Schweigens gegenüber den Kindern bestand. Dann gibt es Familien, in denen darüber ständig gesprochen wurde, da war nichts anderes mehr möglich."

Dies natürlich auch mit allen Schattierungen zwischen den Extremen. Mihacek: "Natürlich merken die Kinder, dass da etwas 'da' ist, auch wenn darüber nicht gesprochen wird. Und auf der anderen Seite kann es wieder sein, dass die Kinder sich durch die Opfer der Eltern an diese gekettet fühlen und sich im Laufe des Erwachsenwerdens nicht selbstständig machen können. Dann gibt es wieder Kinder von Opfern, die glauben, ganz besonders erfolgreich sein zu müssen."

Auch Homosexuelle, Sinti, Roma und Flüchtlinge betreut

Gerade die große Erfahrung von ESRA prädestinierte die Einrichtung auch zur Hilfe für andere verfolgte Gruppen: Aus der NS-Zeit zum Beispiel jene der Sinti und Roma sowie der Homosexuellen. Der Psychiater: "Sinti und Roma waren schon vor den Nazis verfolgt und diskriminiert, sie waren es während des NS-Regimes und sie sind es heute noch oft. Während die jüdischen Opfer doch schließlich als solche anerkannt wurden, hatten es sie Sinti und Roma schwieriger. Außerdem gab es eine funktionierende Israelische Kultusgemeinde. Am schlimmsten aber waren offenbar die Homosexuellen dran."

Bei weiteren Verfolgungsopfern, um die man sich bei ESRA kümmert, handelt es sich um die Leidenden des 21. Jahrhunderts: Kooperiert wird mit dem Integrationsprojekt ASPIS - dort kümmert man sich um Asylwerber, Flüchtlinge und Migranten verschiedener Nationen, zum Beispiel auch um Tschetschenen. Ebenso arbeiten die Spezialisten von ESRA mit HEMAYAT, dem Wiener Betreuungszentrum für Kriegs- und Folterüberlebende, zusammen.

Gewalt in der Familie

In manchen Fällen geht es auch nicht um die psychische Reaktion auf Folter, Krieg etc. In der Tempelgasse in Wien-Leopoldstadt werden auch mittelbare Opfer betreut. Mihacek: "Manchmal tritt mehr Gewalt in der Familie oder gegenüber Kindern zutage. Wir sehen das beispielsweise bei Auswanderern aus der ehemaligen UdSSR."

Wobei die Hilfe für Traumaopfer immer ein Langzeitprozess sein sollte. "Zunächst sollte bei einem akuten Trauma möglichst rasch reagiert werden. Das kann helfen, eine spätere Posttraumatische Belastungsstörung zu verhindern. Auf jeden Fall gilt aber der Grundsatz, dass man den Betroffenen aus der traumatisierenden Umgebung unbedingt herausholen muss. Sonst macht das alles keinen Sinn", sagt Mihacek.

Erstes Nachfragen nach Jahren

Liegt eine solche Störung schon vor, kann es mitunter bis zu Jahre dauern, bis der Therapeut das Geschehene zum ersten Mal direkt ansprechen kann. Der Psychiater: "Oft ist das bei Opfern von sexuellem Missbrauch in der Kindheit der Fall. Mir hat eine Therapeutin erzählt, dass sie 40 Therapiestunden gebraucht hat, bis ein erstes Nachfragen möglich war."

Es gibt zwar ziemlich standardisierte psychotherapeutische Methoden, mit denen eine Bearbeitung von Posttraumatischen Belastungsstörungen leichter gemacht werden soll, doch "Patentrezept" existiere keines. Ein solches ehemals populäreres Verfahren war EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing nach der US-Psychologin Francine Shapiro). Es beruht auf das Hervorrufen von rhythmischen Augenbewegungen, um linke und rechte Gehirnhälfte besser zu "synchronisieren" und Ängste zu reduzieren. In den vergangenen Jahren haben Hypno-Imaginationstechniken mehr Verbreitung gefunden.

Auch Medikamente im Einsatz

Medikamente werden zeitweise eingesetzt, um überhaupt erst einen Zustand herzustellen, in dem der Betroffene sich einer Psychotherapie nähern kann. Benutzt werden die Arzneimittel aber natürlich auch zur Behandlung klassisch psychiatrischer Folgeerkrankungen wie Schlafstörungen, Angstzustände oder gar Psychosen.

Doch es krankt in vielen aktuellen Fällen nicht an Verfahren oder Therapeuten, sondern am Umfeld, in dem sich die Betroffenen befinden. Mihacek: "Der Traumatisierte darf keinen Kontakt mehr zum traumatisierenden Umfeld haben. Sonst hat das keinen Sinn. Doch Asylwerber kommen mit ihren erlittenen Traumata oft gerade in der Aufnahmesituation wieder in eine solche Lage. Und die jüngst Gesetzesnovelle, in der man Asylwerber zunächst eine Woche zur Anwesenheit im Aufnahmezentrum zwingt, ist genau das. Und über schwebt die Gefahr, dass man wieder abgeschoben werden könnte."

Eine Beschleunigung von Asylverfahren sei in Österreich sicher wichtig, aber die Situation von Traumatisierten müsse auch in Betracht gezogen werden. Der ärztliche Leiter von ESRA: "Ich würde mir dringend eine bessere Ausbildung der mit den Asylwerbern Beschäftigten wünschen." ESRA könnte hier helfen - wie der Name schon sagt. (APA)

  • "Es geht immer um Sicherheit, soziale Stützung und um die Anerkennung der Betroffenen als Opfer", sagt Klaus Mihacek, der ärztliche Leiter des Hilfszentrums Esra.
    foto: matthias cremer

    "Es geht immer um Sicherheit, soziale Stützung und um die Anerkennung der Betroffenen als Opfer", sagt Klaus Mihacek, der ärztliche Leiter des Hilfszentrums Esra.

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