Die Revolution der Silberrücken

15. November 2011, 15:26
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Nicht die Jugend brachte Papandreou und Berlusconi zu Fall, sondern der Bestemm zweier greiser Präsidenten

Es war die Stunde der Alten. Als alle Stricke rissen, die Bürger nicht länger bereit waren, den Etablierten von links und rechts ihr Vertrauen zu schenken, füllten zwei Greise, der eine schlohweiß und der andere längst kahl, das moralische Vakuum, das ihre weit jüngeren Regierungschefs hinterlassen hatten: Karolos Papoulias, Jahrgang 1929, Staatspräsident Griechenlands und sein Kollege Giorgio Napolitano, 1925 geboren und heute Herr im römischen Quirinalspalast.

Die beiden alten Herren verbindet mehr als der bloße Umstand, die richtigen Männer zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Beide wissen sie auf persönliche Erinnerungen an eine Zeit zu verweisen, in denen sie bewaffnet Widerstand gegen den Faschismus leisteten. Für beide ist Demokratie kein Ist-Zustand, sondern eine Bringschuld, die es gerade in Zeiten höchster Not zu erfüllen gilt.

Ihr moralischer Schatten fällt auch deshalb weit größer aus, als ihre schmächtig gewordenen Staturen es verheißen.

Von Silvio Berlusconi verhöhnt und beschimpft, legte sich Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano (86) seinerseits quer, wenn der Premier Gesetze nach seiner Facon durchboxen wollte. Die Regierung brauche ihm Vorlagen, die eine Immunität des Skandalpremiers zum Ziel haben, gar nicht erst zu schicken - er werde sie ohnehin nicht unterschreiben. Derlei Widerständigkeit kommt an bei einem Volk, das sich zwar von Berlusconi blenden ließ, seinen Präsidenten aber mit Zustimmungsraten um die 90 Prozent verehrt. Im Ausland wurde Napolitano, in jungen Jahren passionierter Schauspieler, im Gegensatz zu Berlusconi immer schon als höchst verlässlich geschätzt. Den Premier ficht das nicht an. Sisyphos gleich ermahnte Napolitano dessen Mitterechtsregierung beharrlich, endlich auf die Schuldenbremse zu treten, jene Maßnahmen umzusetzen, die Berlusconi und dessen Getreue der EU stets aufs Neue versprachen. Und jetzt, wo alles vorbei ist in Sachen Berlusconi, bleibt Napolitano dran, drängt den designierten Erben Mario Monti zur Eile.

Moralisches Drohpotenzial

In der Stunde der Not pocht das greise Staatsoberhaupt auf die einzige reale Waffe, die ihm die italienische Verfassung zugesteht. Verliert die Regierung ihre Mehrheit, darf der Präsident das Parlament auflösen, Neuwahlen wären die Folge. Das moralische und faktische Drohpotenzial des Präsidenten ist dieser Tage beträchtlich, vor wenn es einem Mann obliegt, der sich im Herbst seines Lebens wähnt. Und der ein Land leiten soll, in dem Jugendlichkeit nach 16 Jahren Berlusconi Staatsräson ist.

Der Jurist Napolitano, 1925 in Neapel geboren, ist seit 58 Jahren Politiker, gründete als Teenager eine kommunistische Widerstandszelle gegen die Faschisten und trat 1945 der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) bei, wo er von Langzeitparteichef Palmiro Togliatti entdeckt und gefördert wurde. Der zweifache Vater war Minister unter Romano Prodi, EU-Abgeordneter und Vorsitzender der Abgeordnetenkammer. 2006 wurde Giorgio Napolitano zum Staatspräsidenten gewählt, als 80-Jähriger und, wichtiger noch, als erster Ex-Kommunist vertritt er nun den Stiefelstaat auch nach außen. Vor allem den europäischen Nachbarn gilt seine Leidenschaft.

Zwei Männer, ein Schicksal

Im September vor drei Jahren traf er zu diesem Behuf erstmals in offizieller Mission auf jenen Mann, dessen Schicksal als Retter in der Not er nun teilt. Und der jetzt, wo auch sein Land an der Kippe steht, so wie er aus der protokollarischen Enge seiner Rolle auszubrechen versucht.

Karolos Papoulias, heute 82 Jahre alt und damals seit drei Jahren Staatspräsident der Hellenischen Republik, lud ins Neue Akropolismuseum im historischen Athener Stadtteil Makryianni und Napolitano brachte dem Griechen ein Stück Fries vom nahen Parthenon-Tempel mit, das zuvor 200 Jahre lang ein Museum in Palermo geziert hatte. Die beiden Männer, so will es die Legende, verstanden sich auf Anhieb, auch wenn ihre Länder damals, vor dem großen Crash, andere waren als heute.

Die Wirtschaft in Griechenland steckte damals noch in jenem verhängnisvollen, auf Sand gebauten Boom, die nahende Pleite zeichnete sich schon ab, bloß daran glauben wollte niemand. Die Griechen gaben sich weltoffen, sahen sich auf Augenhöhe mit den europäischen Partnern, allen voran den Deutschen. Heute, drei Jahre danach, fühlen sich viele Griechen vom Spardiktat, maßgeblich von Angela Merkel entworfen, überfordert, mehr noch: fremdbestimmt, weniger von der Brüsseler EU denn vom Berliner Kanzleramt.

Selbst Staatspräsident Papoulias erntete am 28. Oktober, Griechenlands an den Widerstand gegen die faschistischen Besatzer erinnernden Nationalfeiertag, in Thessaloniki wütende Pfeifkonzerte. Als "Verräter" beschimpft, verließ der 82-Jährige bestürzt das Podium, von dem aus der eine Militärparade abgenommen hatte.

Wenig hätte den Sozialisten mehr treffen können. Ihn, der so wie sein italienischer Kollege schon als junger Mann als Partisan der griechischen Volksbefreiungsarmee gegen die deutschen und italienischen Besatzer gekämpft hatte, in Ioannina am unwegsamen Epiros-Gebirge, wo Griechenland an Albanien grenzt. Und der 2005 als Parteigänger der PASOK-Partei vom damaligen konservativen Premier Kostas Karamanlís nominiert und von einer Allparteienallianz ins Amt gewählt wurde.

Vielleicht war es der Schreck, den ihm die Wut der Demonstranten eingejagt hatte, der dem 82-Jährigen Vater von drei Töchtern den letzten Mut verlieh das zu tun, woran bisher alle anderen gescheitert waren: dem gestrauchelten Land seine Würde zurückzugeben.

Am Freitag vor einer Woche reichte es Papoulias. Das Hin und Her zwischen Premier Giorgos Papandreou und Oppositionschef Antonis Samaras im Streit um die von Europa gewünschte Einheitsregierung beunruhigte nicht nur die internationalen Börsen, es drohte die Unregierbarkeit, das Ende Griechenlands in der europäischen Familie. Papoulias erkannte die Zeichen der Zeit, er zitierte die Politgranden zum Rapport in den Palast Megaro Maximou. Seinem Wirken wird es zugeschrieben, dass der als seriös geltende Ex-Europabanker Loukas Papademos gegen alle Widerstände zum Übergangspremier avancieren konnte.

Widerständiges Leben

So wie sein Kollege auf der anderen Seite der Adria nahm auch Papoulias das Heft in die Hand und vertraute dabei auf die Kraft seiner Lebenserfahrung. Der frühere Leichtathlet und Volleyball-Nationalspieler Papoulias, der zudem fließend Deutsch spricht, floh vor der Diktatur der griechischen Obristen von 1967 bis 1974 nach Deutschland, lebte erst in München und danach in Köln, wo er 1968 promovierte. Demokratie, so seine Lehre aus dem erzwungenen Exil, will erarbeitet sein. Papoulias übte sich von Köln aus in Subversion, gründete eine linke Widerstandsgruppe und arbeitete als Radiojournalist für das griechische Programm der Deutschen Welle. Nach dem Sturz der Militärs saß der Jurist von 1977 bis 2004 für die PASOK im Parlament, war in den Neunzigern Außenminister.

Papoulias, dessen Töchter in Deutschland geblieben sind, war aber nicht immer so beliebt wie heute. In den 80ern galt er als typischer Vertreter der "Deutschen" in der griechischen Politik. Eine ganze Generation hatte im Ausland studiert und schickte sich nach Ende der Diktatur an, vor allem die von den Sozialisten zu vergebenden Posten zu erobern. Ein geschasster Abgeordneter, der dem eloquenten Papoulias Platz machen musste, giftete 1985 gegen PASOK-Chef Andreas Papandreou, dem Vater des eben gestürzten und in den USA ausgebildeten griechischen Premier: "Die Deutschen sind die Spinne, in deren Netz sich Papandreou fangen wird". Ein Vierteljahrhundert und eine Generation später sollte sich das Diktum schließlich doch noch erfüllen. (flon/derStandard.at, 14.11.2011)

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    Papoulias (l.) und Napolitano (r.) in Athen.

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