Diabetes-Schulung: Blödeln, rechnen, spritzen

14. November 2011, 17:02
  • Blutzuckermessen gehört zur Diabetiker-Routine.
    foto: apa/helmut fohringer

    Blutzuckermessen gehört zur Diabetiker-Routine.

Schulungen zum eigenverantwortlichen Umgang mit Diabetes gehören zu jeder Therapie - Nicht nur Neodiabetiker tauschen sich dort aus

"Eine Sehstörung, was ist das eigentlich?", fragt Werner. "Man sieht plötzlich verschwommen, weil die Linse austrocknet", antwortet Andrea Fichtner-Sellinger. "Durch den Insulinmangel wird der Zucker vermehrt über die Niere ausgeschieden. Dadurch verliert man Flüssigkeit, und das führt zur Austrocknung."

Am vierten Tag der einwöchigen Diabetes-Schulung im Wiener Krankenhaus Hietzing, ehemals Lainz, werden gerade die Anzeichen für zu hohe Blutzuckerwerte durchgenommen: Durst, Harndrang, Krämpfe, Übelkeit und eben Sehstörungen bis hin zu massiven Beeinträchtigungen der Wahrnehmung. Die Ärztin Andrea Fichtner-Sellinger legt die entsprechende Folie auf den Overhead-Projektor. "Es geht darum, dass Sie unterscheiden können, welche Symptome nur eine Korrektur der Insulinmengen erfordern, welche Sie beunruhigen sollten, und was eine gefährliche Stoffwechselentgleisung ist."

Eine Sehstörung habe bei ihm vor fünf Jahren zur Diagnose Diabetes Typ 1 geführt, erzählt daraufhin der 26-jährige Lokalbesitzer Bernhard. "Ich habe geglaubt, ich brauche eine Brille." In der Augenambulanz habe man ihm geraten, doch einmal den Blutzucker zu messen. Jetzt trägt er ständig eine Insulinpumpe und ein Bauchtascherl mit allem nötigen Zubehör am Körper. "Ich habe ein Problem mit Nadeln", sagt er.

Auffrischen für den Notfall

Die Gruppe aus sechs Männern und zwei Frauen, die in mehreren Sesselreihen in dem in Beige gehaltenen, hohen Raum sitzen, wirkt ein wenig wie eine wild zusammengewürfelte Schulklasse. Unter ihnen gibt es langjährige Diabetiker, die die Schulung zur Auffrischung besuchen und gerne einmal herumblödeln, jüngere, die still zuhören und mitschreiben und andere, die merkbar unsicher im Umgang mit der Krankheit sind und sich engagiert an der Diskussion beteiligen. Auch wenn sich die Teilnehmer erst seit ein paar Tagen kennen - es scheint sich um eine eingeschworene Gruppe zu handeln.

Andrea Fichtner-Sellinger zeigt mithilfe von Zeichnungen auf Folien die vielfältigen Funktionen von Insulin, gibt Tipps, wie man einer Übersäuerung aufgrund von Insulinmangel auf die Spur kommen kann und erklärt auf unaufgeregte Weise, was im Notfall zu tun ist - etwa wenn man mit Grippe auf einer Skihütte liegt, der Zucker steigt und weit und breit kein Arzt verfügbar ist. Die Schulungsteilnehmer fragen nach, tauschen eigene Erfahrungen aus und erörtern gemeinsam mit der Ärztin die Auswirkungen von Alkoholkonsum bis hin zu Ängsten vor Impotenz als Diabetes-Spätfolge.

"Nach einer Tour durch Spitäler bin ich hier gelandet", sagt Werner, seit 16 Jahren Diabetiker. "Durch die Schulung lebe ich bewusster - zumindest eine Zeit lang. Man wird geschult auf Eigeninitiative und lernt, selbst zu experimentieren." Größtmögliche Selbstständigkeit im Umgang mit Typ-1-Diabetes: Das ist auch das vordergründige Ziel der FIT-Schulung - für die Funktionelle Insulintherapie (FIT).

Selbstbestimmung

Das Konzept wurde Anfang der 1980er-Jahre von der Wiener Diabetologin Kinga Howorka entwickelt. Seither entscheiden Patienten selbst - und nicht der Arzt - darüber, was, wann und wie oft sie essen. Mithilfe von Blutzuckerselbstmessung und dem in Schulungen gewonnenen Wissen können Diabetiker weitaus flexibler leben und die Insulinmengen selbstverantwortlich den jeweiligen Umständen anpassen.

Das bedeutet auch, Broteinheiten zu berechnen und den Zucker mit der richtigen Menge Insulin unter Kontrolle zu halten. Dass das für Neodiabetiker ganz schön kompliziert ist, offenbart die Ernährungsberatung zum Abschluss des Schulungsta- ges. Fleischportionen, Fettgehalt, Light-Produkte, Kohlehydrate und Kalorien sorgen für ergiebigen Gesprächstoff in der Runde.

"Die Effektivität der Schulung ist nachgewiesen", sagt Rudolf Prager, Vorstand der Abteilung für Stoffwechselkrankheiten am Krankenhaus Hietzing. "An die Grenzen stoßen wir aber bei Migranten, wo Zugangsbarrieren bestehen, und bei Menschen mit sehr geringem Bildungsniveau."

"Es gehört eine gewisse Gehirnakrobatik dazu", bestätigt Niki, der wie ein paar andere nach Schulungsende noch bleibt, um weitere Fragen zu klären. 2009 wurde dem Hobby-Marathonläufer Diabetes Typ 2 diagnostiziert, nun wird Typ 1 vermutet: Neuerdings muss er Insulin spritzen. Er sieht es sportlich: "Das ganze Leben ist eine Herausforderung." (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2011)

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5 Postings

http://www.ketogenic-diet-resource.com/index.html

Ein Ansatz der (für ein anderes Problem), nach wenigen Monaten (4) sehr erfreuliche Erfolge gebracht hat.

die ketose ist ein zustand den der erfahrene diabetiker eher zu vermeiden sucht!

Sie reden vermutlich von der Ketoazidose, ja den Zustand möchte niemand haben.

Bei den Mythen die im Umlauf sind, versteh' ich schön langsam auch die zutiefst ablehnende Reaktion "der Medizin" als wir den "Versuch" nach Versagen aller medizinischen Behandlungen und lebensbedrohlichem Zustand (aber nicht Diabetes!) gemacht haben.
Und soweit bisher, 4 Monate, ist das eine Erfolgsgeschichte. Dennoch wollen die Spezialisten nichts davon hören, bis eben auf die Ausnahme;-)

Spezialist = jemand, der Ihnen recht gibt ?

Die ketogene Ernährung hat ein relativ eng umschriebenes Einsatzgebiet in der Therapie bestimmter Erkrankungen. Außerhalb dieser wäre es fahrlässig, jemanden dazu anzuspornen, da man a) eine Verschlechterung des Zustandes riskiert und b) keine Evidenz für die Wirksamkeit vorhanden ist.

Spezialist ist nicht jemand der mir recht gibt, sondern ein Arzt der bereit war, diese "unendliche" Geschichte auch mal anders zu betrachten und schließlich verantwortungsvoll alle medizinischen Begleitmaßnahmen, Voruntersuchungen mitzutragen/durchzuführen. In diesem Fall war es eben nicht der Spezialist für die ursächliche Krankheit und ich bezeichnete diesen Arzt auch nicht als Spezialist. (Egal, lange Geschichte)

Ich gebe Ihnen vollkommen recht bezüglich Ihrer Aussage - "fahrlässig jemanden anzuspornen..." diese Diät durchzuführen, das tue ich ausdrücklich nicht.

Vielmehr sollte der link den Blick auf unsere übliche Ernährungsregeln erweitern.

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