Fremdkörper Mensch

14. November 2011, 17:01
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Einem Pionier der künstlerischen Farbfotografie widmet die Landesgalerie in Linz eine erste umfassende Personale: Joachim Brohm

Linz - Als einer der ersten Deutschen verwendete Joachim Brohm, geboren 1955, Farbfotografie: in den 1980ern, als Schwarz-Weiß die künstlerische Fotografie dominierte und Farbe in Europa gerade einmal diskutiert wurde. So auch an der Folkwangschule in Essen, wo Brohm studierte und ab 1979 mit Farbvergrößerern experimentieren konnte.

Von Anfang an setzte er Farbe als Gestaltungsmittel ein, nicht als den Alltag romantisierend, sondern um möglichst realitätsnah "Dingwelt und Lichtfarbe" zu verbinden. Brohm orientierte sich an der amerikanischen Fotografie und studierte 1983 ein Jahr lang in den USA. Die dort entstandene Serie Ohio zeigt Amerika als ein durchschnittlich hässliches Szenario aus Hinterhöfen und Parkplätzen, die Brohm manchmal von oben fotografiert. Autos - gebraucht und abgenutzt - nehmen dabei ein choreografisches Moment ein, erzeugen Linien, brechen auf fast lächerlich ernsthafte Weise die flächigen, asphaltierten Untergründe und damit die Tristesse, die in der ersten Betrachtung vielleicht aufflackern könnte.

Die Serie ist eine Fortsetzung jener radikal unspektakulären Darstellungsform, die Brohm in Deutschland schon mit Ruhr (1980-83) begonnen hat: städtische Randzonen, unprätentiöse Panoramen, Menschen - so sie vorkommen - sind Fremdkörper. Brohms Bilder zeigen ihre wahre Schönheit manchmal unter Bedingungen, die andere als grau und trostlos wahrnehmen: im Nebel an der Nordseeküste etwa, wo er die Lichtstreuung so einfängt, dass sich nichts - keine Laterne, keine Reklametafel und schon gar kein Mensch - aus der diffusen Stimmung in den Vordergrund schälen kann. Brohm bastelt damit keine Bühne für Antimotive, sondern bleibt überzeugend beiläufig. Die Schau zeigt zum Teil noch nie präsentierte Werke von 1980 bis 2010, sie entstand in Kooperation mit der Photographischen Sammlung Köln. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD - Printausgabe, 15. November 2011)

Bis 19. 2.

  • Autos, die den flächigen Untergrund brechen: "Taxi"  aus der Serie "Ohio" , 1983/84.
    foto: joachim brohm

    Autos, die den flächigen Untergrund brechen: "Taxi" aus der Serie "Ohio" , 1983/84.

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