Musiktheatrale Träume zu einem Besessenen

Gespräch14. November 2011, 17:44
3 Postings

Komponistin Lera Auerbach über ihre "Gogol"-Oper

Wien - "Keine Kämpfe, keine Diskussionen, keine Kompromisse." So umreißt Lera Auerbach die Vorteile, wenn eine Komponistin auch noch gleich ihre eigene Librettistin ist. Die 1973 geborene Russin, die seit 1991 in New York lebt, gilt als Doppelbegabung. An russischen Schulen und Universitäten gehören ihre Werke zur Pflichtlektüre, die Internationale Puschkin-Gesellschaft ernannte sie 1996 zur Dichterin des Jahres.

Und genügend Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten besitzt Auerbach ebenfalls, um nicht nur einen großen Stoff zu ihrer ersten großen Oper zu verarbeiten, sondern gleichzeitig auch noch ein Theaterstück hervorzubringen. Das war, erzählt sie, nicht nur der erste Schritt in Richtung ihres Auftragswerks für das Theater an der Wien, das am Dienstag in der Regie von Christine Mielitz und mit Vladimir Fedoseyev als Dirigent des ORFRSO Wien uraufgeführt wird. Es ist zugleich auch ein eigenständiges Stück, das freilich für die Oper gekürzt werden musste.

Von Anfang an war klar, dass nicht die Biografie von Nikolai Gogol aufgerollt werden sollte ("Das hätte mich überhaupt nicht interessiert" ), sondern vielmehr, so Auerbach, "seine Innenwelt, seine Besessenheiten" . Die Komponistin weiter: "Es ist eine Opera misteria, in der der religiöse Aspekt sehr wichtig ist. Gogol war besessen, am Ende verrückt. Er glaubte, er hätte das Böse in die Welt gebracht und hat deshalb auch Teile seines Romans Die toten Seelen verbrannt."

Literatin, die sie ist, hat sich Auerbach entschieden, ihre Oper nicht auf Basis von Gogols Texten zu schreiben, obwohl sie sich dafür intensiv mit ihnen auseinandergesetzt hat: "Einen Sommer lang habe ich alles von ihm noch einmal gelesen. Vieles kannte ich schon, aber es macht einen großen Unterschied, wenn man das gesamte Werk eines Schriftstellers in einem durchliest. Man bekommt einen ganz anderen Blick für seine Entwicklungen."

Diese Entwicklungen werden in der dreiaktigen Oper durch wechselnde Personenkonstellationen, Erscheinungen und Stimmen, die der Dichter zu hören vermeint, in den Blick genommen. Dass Gogol selbst von zwei Sängern, Martin Winkler und Otto Katzameier, dargestellt wird, war nicht von vornherein geplant. Ursprünglich hätte Bo Skovhus die Titelpartie verkörpern sollen, musste aber kurzfristig absagen - zu kurzfristig für einen Einspringer, um die gesamte Partie zu lernen.

Kurzerhand machte man aus der Not eine Tugend, nutzt nun die Abwechslung der beiden Darsteller, um die Zerrissenheit des Dichters greifbar zu machen. Auerbach hat dafür noch an ihrer Partitur gefeilt und findet die gefundene Lösung sehr passend: "Gogol fühlte sich ständig unverstanden, war ständig auf der Flucht. Er war seiner Zeit so weit voraus, dass er eigentlich zu unserem Jahrhundert gehört."

Dass sie sich selbst unverstanden fühle, darüber hat Auerbach freilich wenig Grund zu klagen: In Deutschland, wo sie einen Zweitwohnsitz hat, reist sie derzeit von einer Residenz zur nächsten. In dieser Saison fungiert sie als Capell-Compositeur in Dresden und schreibt dafür ein Dresdner Requiem, was nach einem ohrenfällig schmachtenden Russischen Requiem naheliegend war.

Nicht nur innerhalb traditioneller Gattungen, sondern auch mit einer recht traditionellen Musiksprache sucht sie nach unmittelbarer Verständlichkeit: "In Gogol wollte ich eine dramatische Spannung, die sich über das ganze Werk erstreckt. Wenn ich zeitgenössische Opern höre, bin ich meis-tens furchtbar gelangweilt. Das wollte ich meinem Publikum ersparen."

Als unkompliziert schildert die Komponistin auch den Flow im Schaffensprozess - nicht ohne Stolz verweist sie auf ihre Schnelligkeit. So sei der erste Entwurf ihrer Oper in acht Wochen fertig gewesen. Die Ausarbeitung dauerte dann freilich wesentlich länger - wie lange genau, darüber schweigt Auerbach, die lieber das Unbewusste an ihrer Arbeit betont: "Oft träume ich meine Musik und versuche dann den Klang, den ich bereits gehört habe, mit den Möglichkeiten der Instrumente zu erreichen."

Oder, wie sie es vielleicht noch schöner formuliert: "Ich fühle mich als Medium, wie ein Instrument, durch das meine Musik durchgeht, die es irgendwo schon gegeben hat und die ich nur noch niederschreiben muss." (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 15. November 2011)

 

Termine: 15., 18., 21., 24., 26. 11.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Doppelbegabung, die auf Verständlichkeit setzt: Lera Auerbach.

Share if you care.