"Sagt ein Goldfisch zum anderen ..."

Interview14. November 2011, 17:31
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Joseph Kosuth ist bei der Vienna Art Week im Sigmund-Freud-Museum vertreten - Der US-Künstler über seine anhaltende Faszination an der Arbeit mit Freud

STANDARD: Sie haben schon zwei große Installationen im Sigmund-Freud-Museum realisiert. Was bedeutet Ihnen die ehemalige Wohnung des Psychoanalytikers?

Kosuth: Für meine Installation Zero & Not produzierte ich Freud-Texte als Tapeten mit fast unlesbaren Zeilen. Museumsdirektorin Inge Scholz-Strasser lud mich daraufhin ein, die Wandarbeit zu Freuds 50. Todestag zu zeigen. Sie sollte sechs Monate bleiben, es wurden sieben Jahre. Als ich schließlich in Freuds Schlafzimmer stand, dachte ich mir: "Wenn ich jetzt nicht mit Freud aufhöre, dann nie mehr." Das war meine letzte Arbeit zu ihm.

STANDARD: Wie haben Sie sich für die Kunstsammlung des Museums engagiert?

Kosuth: Mit Peter Pakesch entwickelten wir die Idee einer Foundation, die für Freuds Theorie relevante Kunst sammeln sollte. Ich fragte Künstlerfreunde, ob sie eine Arbeit stiften würden. Bald wird über die Sammlung und die Ausstellungen ein Buch erscheinen.

STANDARD: Gab es für Ihre Freud-Beschäftigung einen Schlüsseltext?

Kosuth: Nein, aber ein australischer Künstler sagte einmal zu mir: "Amerika ist die erste post-freudianische Gesellschaft." Die Bedeutung von Diskurs, die Wichtigkeit der Redekur, einfach die gesamte Freud'sche Kultur ist so allgegenwärtig und internalisiert in die Art und Weise, wie wir an Dinge herangehen.

STANDARD: Freuds Psychoanalyse wird heute oft nicht mehr als wissenschaftlich genug angesehen.

Kosuth: Als ich klein war, haben mich zwei Witze über Philosophie besonders geprägt. "Gibt es einen Gott?" , fragt ein Goldfisch den anderen. "Klar, wer glaubst Du wechselt immer unser Wasser" . Der andere: Was ist der Unterschied zwischen einem Mann und einem Hund? Ein Hund weiß, aber ein Mann weiß, dass er weiß. Dieser zweite Grad des Wissens ist die postfreudianische Sichtweise.

STANDARD: Sie arbeiten viel für spezifische Orte. Wie gehen Sie an solche Projekte heran?

Kosuth: Kontext ist mein Material. Das reicht von Architektur und deren psychologischer Dimension über den historischen Zusammenhang mit Kultur heute bis hin zum Diskurs des speziellen Ortes.

STANDARD: Letztes Jahr konnten Sie eine Neonschrift-Installation für den Pariser Louvre realisieren. Hat Sie so viel Kontext nicht überwältigt?

Kosuth: Im Louvre durfte ich mir den Ort aussuchen, aber jeder Raum war von der Sammlung her schon spezialisiert. Ich wollte den Louvre an sich als Kontext verwenden. Schließlich fielen mir die originalen, unterirdischen Mauern aus dem 12. Jahrhundert auf, die beim Bau der Pyramide freigelegt worden sind. Mir gefiel, dass man an diesen 300 Meter langen Mauern wie auf einer Straße entlanggeht und dass dabei das gesamte Gewicht unserer Kulturgeschichte über unseren Köpfen präsent ist.

STANDARD: Sie arbeiten mit Zitaten. Was haben Sie zuletzt zitiert?

Kosuth: In Los Angeles warf man mir früher vor, ich wäre so ein anspruchsvoller New- York-Künstler. Daraufhin erfand ich "Kosuth light" : die Kombination von Zeitungscartoons mit philosophischen Zitaten. Im Moment arbeite ich an einem Cover für eine neue Literaturbeilage des Corriere della sera. Ich wollte mich indirekt auf Berlusconi beziehen und hatte eine großartige Idee mit einem Machiavelli-Zitat und einem Cartoon von Calvin und Hobbes. Aber es wurde abgelehnt. Ich schätze, weil sie nicht genug Mut haben. (Nicole Scheyerer, DER STANDARD - Printausgabe, 15. November 2011)

Joseph Kosuth, geb. 1945, gilt seit seiner Arbeit "One and Three Chairs" 1965 als Erfinder der Konzeptkunst. Er lebt in New York und Rom.

  • Der US-amerikanische Künstler Joseph Kosuth beschäftigt sich 
in der Schau "Reflecting Reality"  imSigmund-Freud-Museum einmal mehr 
mit dem Vater der Psychoanalyse.
    foto: standard/robert newald

    Der US-amerikanische Künstler Joseph Kosuth beschäftigt sich in der Schau "Reflecting Reality" imSigmund-Freud-Museum einmal mehr mit dem Vater der Psychoanalyse.

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