Stresstest

14. November 2011, 17:44
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Heidi List beobachtet in Paris ein Anfangsdate eines ungleichen Paares: Ganz schön heiß unter den Wärmelampen im Bistro

Paris, also. Ein Wochenende mit viel Kultur, Essen und Wein, falls wer fragt, mit viel Freude daran. Genauso eindrucksvoll war aber dieser eine Abend im Bistro, der die Zukunft meiner Tischnachbarn bestimmen sollte.

Es war eines dieser Lokale mit dem Motto "wer zuerst kommt, isst zuerst". Tischchen stand an Tischchen, es herrschte beengte Flugzeugatmosphäre. Wir hatten Glück, beziehungsweise waren rechtzeitig hungrig, um halb sieben geht ja dort keiner speisen, außer er jausnet spät. Also bekamen wir gerade noch zwei Plätzchen, draußen im Freien, wo aufgrund der Novembertemperatur über unseren Köpfen so Schweinewärmelampen aufgehängt waren. Ökologisch ein Skandal natürlich. Die heizten so gut, dass man sich hie und da in die Frisur griff um zu schauen, ob die Haare eh‘ noch nicht angekokelt waren.

Neben uns saß ein ungleiches Paar. Er war ein älterer Herr mit Brille, sie war eine Dame um die Vierzig, beide ein bisschen chic und beide aufgeregt. Soweit ich es verstanden habe, handelte es sich bei ihnen um eines der Anfangsdates, die weisen werden, ob man das ganze vertieft und sein lässt. Er erzählte langsam und viel, sie ließ sich vorsichtig Zeit mit den Antworten. Dann erzählte sie schnell und auch viel, er erwiderte des öfteren Dinge wie "interessant, darüber muss ich einmal nachdenken." Mit anderen Worten, so richtig geklickt hat es noch nicht zwischen den beiden. Es war merkbar weniger ein leichtherziger Schlagabtausch als ein Abtasten. Dazwischen wischte sich der Herr verstohlen den Schweiß von der Glatze, er saß direkt unter dem Heizstrahler.

Die Vorspeisen wurden aufgetragen. Hinter ihm auf dem Gehsteig begann sich eine Warteschlange zu bilden. Andere wollten jetzt hier auch essen. Der Stresspegel stieg, immerhin saß man jetzt völlernd da, während einem eine hungrige Meute in den Teller starrte. Ab und zu wollte auch ein Passant vorbei und quetschte sich zwischen den Wartenden und dem Sessel des Herren durch, sodass er nun des öfteren angestoßen wurde und sich dabei fast die Gabel in den Rachen stieß.

Verzweiflung machte sich breit

Ich fand das ja sehr amüsant, aber die Dame beobachtete das nur und verzog keine Miene. Sie parlierten weiter. Es wurde immer heißer, die Warteschlange wurde immer voller, das Leben auf der Straße immer lebendiger. Spätestens bei der Hauptspeise saß der Herr schweißgebadet und durchgerüttelt da und sprach eigentlich nicht mehr viel. Verzweiflung machte sich breit. So konnte er sich beim besten Willen nicht auf seine Begleitung konzentrieren. Die war auch ruhig geworden.

Ich sah die Felle der zarten Liebe schon davonschwimmen.  "Tote Hose" raunte mir meine Begleitung zu. "Nichts mehr zu machen" raunte ich zurück. Plötzlich hatte die Dame die Idee, kurz einmal aufstehen zu wollen. Vielleicht wollte sie aufs Klo, vielleicht aber auch abhauen, wir wissen es nicht. Sie tat dies aber mit einem so temperamentvollen Ruck, dass sie dabei das Tischchen umriss. Der Herr wich nach hinten aus, kippte mit dem Sessel in die Warteschlange und zog gleich drei Leute mit zu Boden. Einer wartenden Frau mit vielen Taschen platzte ein Sackerl und Millionen von Äpfeln und Mandarinen rollten die Straße hinunter.

Da saß er nun. Verschwitzt, verunsichert und wirklich nicht cool und rang um Fassung. Und was tat seine Dame? Sie setzte sich zu ihm auf den Boden. Und lachte und lachte, umarmte und küsste ihn. Er stutzte kurz. Dann grinste er auch, ganz breit. Wiehernd luden sie alle Umstehenden ein aufzuhelfen, einzusammeln, abzuputzen und - mitzulachen. Es war ein ungeheurer Tumult.

Und dann? Aßen sie schnell fertig, unterhielten sich dabei entspannt und ganz frei. Und waren bald weg, Arm in Arm. Der Humor hat gesiegt. Vive l‘amour, vive l‘humor! (derStandard.at, 14.11.2011)

 

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