Gealterte Minderjährige, gelangweilte Japaner, gestörte Wahrnehmung

14. November 2011, 15:14
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Extreme Performances beim Theaterfestival in Modena

Modena - weltberühmt als Heimat Pavarottis, Ferraris und des Balsamessigs. Aber sonst? Eher tote Hose. Das Festival VIE (Wege) Scena Contemporanea (Zeitgenössische Szene), veranstaltet vom Theaterinstitut der Emilia-Romagna (ERT), versucht nun schon seit einigen Jahren ein wenig frischen Wind in die wohlhabende, aber verschlafene Kleinstadt zu bringen. Indem es die international angesagtesten, höchst gehandeltsten, gehyptesten Avantgardetheaterproduktionen hier Station machen lässt.

Angesichts dieser manischen und schon nahezu ideologisch verbohrt zu nennenden Trendsuche ist es allerdings auch nicht weiter verwunderlich, dass nicht alle Inszenierungen das hielten, was das Programmheft äußerst vollmundig - meistens unter Zuhilfenahme von Giorgio-Agamben-Zitaten - versprach.

Der vom deutschen Theater sozialisierte Süditaliener Antonio Latella präsentierte z.B. den ersten Teil seiner auf fünf (!) Abende angelegten "Dramatisierung" des Filmklassikers "Vom Winde verweht". Auch hier wurden im Vorfeld große Theorien bemüht. Auf der Bühne tatsächlich zu sehen war dann leider nur ein von drei (zugegebenermaßen sehr begabten) Girlies dargebotenes antiamerikanisches Frontalkabarett (mit Homer Simpson- und Marilyn-Monroe-Masken und so Zeugs.).

Die britische Performancetruppe Gob Squad ließ 8- bis 14-jährige Kinder hinter Einwegspiegeln ihre mögliche Entwicklung bis zum Tod simulieren. Eine nicht überzeugende Versuchsanordnung, die hart am seelischen Missbrauch Minderjähriger vorbeischrammte.

Das japanische Chelfitsch-Theater zeigte den Abschluss einer Trilogie von Toshiki Okada. Hier wiederum wäre es nicht ungünstig gewesen, wenn der Autor und Regisseur außer auf die Erfindung wirklich interessant klingender Titel (Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech, We Are the Undamaged Others, The Sonic Life of a Giant Tortoise) ein ganz klein wenig Einfallsreichtum und Sorgfalt ebenso auf das Bühnenbild und die Personenführung verschwendet hätte. So hingegen löste die behauptete Darstellung der "Langeweile im Großstadtdschungel Tokio" nur ebensolche beim Publikum aus. Ein herzhafter Gähner eines einzelnen Zuschauers schien dem kollektiven Empfinden aller zu entsprechen.

Höchste Aufmerksamkeit herrschte hingegen beim Gastspiel der New York City Players mit "Vision Disturbance" (Sehstörung). Richard Maxwells trockener, minimalistischer, fast laienhafter Stil mag nicht jedermanns Sache sein. Im Zusammenspiel mit Christina Masciottis sonderbarem Text über die seltsame Beziehung eines Augenarztes zu einer in Scheidung lebenden (und deshalb an Sehstörungen leidenden) Griechin entfaltete er jedoch große Überzeugungskraft und - überraschenderweise - auch großen Witz.

Über mangelnde Aufmerksamkeit konnte sich selbst die spanische Performerin Angelica Lidell nicht beklagen - zumindest anfangs. Im Laufe ihrer "Hommage" an die viel zu früh (an multipler Sklerose) verstorbene Ausnahmemusikerin (und Barenboim-Gattin) Jacqueline du Pré schlug die gespannte Ehrfurcht jedoch bald in feindselige Fassungslosigkeit um. Denn Liddel malträtierte nicht nur die sieben am Boden liegende Violoncelli erbarmungslos (sie bespuckend, zerkratzend, beschießend), sondern auch ihren eigenen Körper. Indem sie sich - sehr zeremoniell, sehr professionell - mit Rasierklingen Wunden an Armen, Brüsten und Beinen zufügte. Der Zusammenhang mit der von ihr ziemlich kumpelhaft als "Jackie!" angerufenen Cellistin erschloss sich niemanden so ganz. Außer, dass sich zunehmend der Verdacht aufdrängte, dass Frau Liddell Frau du Pré (und ihre Musik) eher abgrundtief hassen als abgöttisch lieben dürfte. Eine masochistische schwarze Messe, blutig, autistisch und exhibitionistisch. Vielleicht eher therapie- als festival-, aber letzlich doch ziemlich denkwürdig. (Robert Quitta, derStandard.at, 14. November 2011)

  • Antonio Latella präsentierte in Modena eine "Dramatisierung" des Filmklassikers "Vom Winde verweht".
    foto: vie scena contemporanea festival

    Antonio Latella präsentierte in Modena eine "Dramatisierung" des Filmklassikers "Vom Winde verweht".

  • Gob Squad ließ 8- bis 14-jährige Kinder hinter Einwegspiegeln ihre mögliche Entwicklung bis zum Tod simulieren.
    foto: vie scena contemporanea festival

    Gob Squad ließ 8- bis 14-jährige Kinder hinter Einwegspiegeln ihre mögliche Entwicklung bis zum Tod simulieren.

  • Das japanische Chelfitsch-Theater zeigte den Abschluss einer Trilogie von Toshiki Okada.
    foto: vie scena contemporanea festival

    Das japanische Chelfitsch-Theater zeigte den Abschluss einer Trilogie von Toshiki Okada.

  •  Die spanische Performerin Angelica Lidell sorgte mit einer "Hommage" an Jacqueline du Pré für Aufsehen.
    foto: vie scena contemporanea festival

    Die spanische Performerin Angelica Lidell sorgte mit einer "Hommage" an Jacqueline du Pré für Aufsehen.

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