Mit der Nase an der Flasche

  • Hilfreich, aber nur im Akutfall
    foto: derstandard.at/türk

    Hilfreich, aber nur im Akutfall

Nie mehr außer Haus ohne Sprühvorrichtung? Warum Nasensprays mit abschwellender Wirkung mit Vorsicht anzuwenden sind

Einmal pumpen und alles ist wieder gut. Nasenspray-Junkies brauchen den befreienden Sprühstoß aus der Flasche - er beruhigt und tut seine Wirkung: die Naseschleimhaut schwillt ab und die Betroffenen bekommen wieder Luft. Eine vermeintliche Erleichterung, die von kurzer Dauer ist und in einem jahrelangen Teufelskreis enden kann. 

Für Österreich gibt es keine Betroffenen-Zahlen, aber in Deutschland können geschätzte hunderttausend Menschen nur schwer ohne abschwellende Nasensprays leben. Viele von ihnen verlassen das Haus nicht ohne das rettende Medikament. In Internetforen tauschen sich Geplagte aus: manche haben ihren Vorrat an mehreren Stellen "gebunkert". Ein Kreislauf mit gesundheitlichen Folgen, der einer Abhängigkeit ähnelt.

Natürliche Steuerung

"Die Nasensprays mit abschwellender Wirkung sind tatsächlich sehr wirksam", weiß der Mediziner Herbert Riechelmann von der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Innsbruck. Das Problem seien aber die durchaus ernst zu nehmenden Nebenwirkungen. Die Aktivität der Nasenschleimhaut ist nämlich sehr fein gesteuert - rechtes und linkes Nasenloch wechseln sich bei der Arbeit ab. Was erklärt, warum bei einer Verkühlung immer nur ein Nasenloch verstopft ist. "Diesen Vorgang, der vom Mittelhirn gesteuert wird, bemerken wir normalerweise nicht", erklärt der HNO-Experte. 

Chronische Schwellung

Funkt man zu lange mit Nasensprays dazwischen, kommt es zu einem chronischen Schwellzustand, der natürliche Regelmechanismus wird außer Kraft gesetzt. Normalerweise kontrahieren die Venen in der Nase, die Blutgefäße entleeren sich und die Schleimhaut schwillt ab. "Die Alpha-Adrenergika in den Spray zielen genau darauf ab", sagt Riechelmann. Die Krux: Bei übermäßigem Gebrauch bauen sich die dafür notwendigen Rezeptoren ab. Den gewünschten Effekt bringt dann nur noch der Sprühstoß. Das Ergebnis ist eine Art medikamentenbedingter Dauerschnupfen, der auch als "Privinismus" bezeichnet wird - benannt nach "Privin" - quasi dem Urvater aller Nasentropfen. 

"Gleichzeitig trocknet die Schleimhaut aus", weiß Wolfgang Jasek von der Abteilung Arzneimittelinformation der Apothekerkammer, dem das Phänomen ebenfalls bekannt ist. Entzündungen können sich hinzu gesellen. Die Betroffenen klagen dann über schmerzende, innen verkrustete Nasen. Der Experte rät daher unbedingt den Beipackzettel zu lesen: "Maximal sieben Tage sollen die meisten Sprays angewendet werden." 

Nicht mehr ohne

Als Sucht wollen die Mediziner am Wiener Anton Proksch Institut das Problem nicht bezeichnen. Auch Herbert Riechelmann spricht eher von Gewöhnung: das Medikament muss wieder und wieder angewendet werden. Oft versuchen Patienten davon wegzukommen, bekommen aber Schlafstörungen, weil sie beim Schlafen zu wenig Luft durch die Nase bekommen. "Dies führt zu unbemerktem Fast-Aufwachen, man nennt das Arousal", so der Mediziner. Bis zu 40 Mal pro Nacht kann das passieren. "Die Folgen sind Tagesmüdigkeit und eine deutlich geminderte Leistungsfähigkeit. Die Lebensqualität ist eingeschränkt - ähnlich wie bei mittel-schwerem Asthma." Kein Wunder, wenn der Griff zum Spray da näher liegt als der Verzicht darauf.

Inhaltsstoffe

Neben dem Gewöhnungseffekt ortet der HNO-Mediziner aber noch ein anderes Problem: in fast allen Sprays ist auch das Konservierungmittel Benzalkoniumchlorid enthalten, das auch in Desinfektionsmitteln verwendet wird. "Bei übermäßigem Gebrauch kommt es dadurch zu toxischen Schäden", erklärt Riechelmann. 

Betroffen sind die so genannten Flimmerhärchen auf den Schleimhautzellen in der Nase. "Sie sind der Motor des Schleimtransports." Bemerkenswert: mit zehn Flimmerschlägen pro Sekunde sorgen sie dafür, dass der Schleimteppich in den Nasenrachen transportiert wird. Von dort gelangen anhaftende Krankheitserreger in den Magen, wo sie von Verdauungssäften unschädlich gemacht werden. Nimmt dieser natürliche Vorgang Schaden, leidet die Selbstreinigung der Nase. 

Wolfgang Jasek von der Apothekerkammer erklärt: "In Behältnissen, aus denen mehrfach entnommen wird, muss ein Konservierungsmittel enthalten sein. Bei Augentropfen ist das aufgrund der hygienischen Gegebenheiten verpflichtend." Entwarnung gibt Jasek aber für einen Inhaltsstoff, der in den heute erhältlichen Tropfen nicht mehr enthalten sei: Epinephrin, auch als Adrenalin bekannt.

Weg von der Flasche

Wie gelingt nun der Ausstieg aus der Misere? Herbert Riechelmann hat einen Trick parat: "Einfach die Hälfte der Sprays wegkippen und mit Leitungswasser auffüllen. Diese Prozedur macht man alle zwei Tage, bis der ursprüngliche Inhalt stark verdünnt ist." Nach rund zwei Wochen sollte es Nasenspray-Junkies nun leichter fallen davon wegzukommen. Eine andere von ihm empfohlene Variante: auf Sprays mit cortisonähnlichen Substanzen wechseln. "Sie schädigen die Schleimhaut nicht, unterdrücken die Krusten verursachenden schmerzhaften Entzündungen und helfen bei der Entwöhnung." Auch die Einlochmethode zeigt mitunter Erfolg: Betroffene sprühen über längere Zeit nur mehr in ein Nasenloch - so hat das andere eine Chance sich zu regenerieren. (Marietta Türk, derStandard.at, 23.11.2011)

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