"Das ist der Tod, der sich da meldet"

Interview | Regina Philipp, 15. November 2011, 13:54
  • "Wenn er im Fitness-Center vor der Spiegel-Wand stand, ließ er seine Muskeln spielen. Sein Armumfang war erstaunlich, er hatte eine Art Stiernacken bekommen. Körperkult contra Krankheit."
Stefan Berg arbeitete in der DDR bei Kirchenzeitungen, wurde 1991 Redakteur des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes und ist seit 1996 Spiegel-Autor. 2008 erkrankte er im Alter von 44 Jahren an Morbus Parkinson. 
    foto: stefan berg

    "Wenn er im Fitness-Center vor der Spiegel-Wand stand, ließ er seine Muskeln spielen. Sein Armumfang war erstaunlich, er hatte eine Art Stiernacken bekommen. Körperkult contra Krankheit."

    Stefan Berg arbeitete in der DDR bei Kirchenzeitungen, wurde 1991 Redakteur des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes und ist seit 1996 Spiegel-Autor. 2008 erkrankte er im Alter von 44 Jahren an Morbus Parkinson. 

  • Zitterpartie, Eine Erzählung
Stefan Berg, Hansisches Druck- und Verlagshaus, ISBN-10: 3869210893, 126 Seiten, 13,30 Euro
    foto: hansisches druck- und verlagshaus gmbh

    Zitterpartie, Eine Erzählung

    Stefan Berg, Hansisches Druck- und Verlagshaus, ISBN-10: 3869210893, 126 Seiten, 13,30 Euro

Spiegel-Redakteur Stefan Berg ist im Alter von 44 Jahren an Morbus Parkinson erkrankt - Mit dem Buch "Zitterpartie" hat er seine eigene Sprache gefunden

Der Spiegel-Redakteur Stefan Berg gewährt mit seinem Buch "Zitterpartie" berührende Einblicke in seine Parkinson-Erkrankung. Drei Jahre nach der Diagnose ist ihm der Kollege Parkinson schon sehr vertraut. Mit dem Wort unheilbar hat er gelernt zu leben, die Frage nach dem Warum hat er sich nie gestellt.  Im Gespräch mit Regina Philipp erzählt er davon, wie ihm die Krankheit das Tempo aus seinem Leben genommen hat.

derStandard.at: Können Sie sich an den Tag erinnern, an dem Sie bemerkt haben, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt?

Berg: Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, wann dieser Tag war. Ich hatte Probleme in der linken Schulter, im linken Arm und habe beispielsweise bemerkt, dass ich beim Schwimmen immer im Kreis geschwommen bin. Ich habe bemerkt, dass ich ein wenig unruhiger war als sonst und meine linke Hand zu zittern begonnen hat. Und dann kam es zu dieser Situation, die auch im Buch eine Rolle spielt: Ich saß neben einem Politiker auf einem Podium, habe ihm das Mikrophon hingehalten und plötzlich hat sich meine Hand selbstständig gemacht. Ich hätte meinem Gesprächspartner mit dem Mikrophon beinahe auf das Kinn geschlagen. Daraufhin habe ich meine linke Hand unter den Oberschenkel geklemmt. In diesem Moment wusste ich, dass ich mich gründlicher untersuchen lassen muss. 

derStandard.at: Wie viel Zeit ist vom Bemerken der Symptome bis zur Diagnose vergangen?

Berg: Bestimmt ein Jahr. Die Diagnose stand im Jahr 2008, wobei ich im Nachhinein weiß, dass sich bereits 2005 die ersten Dinge verändert haben. 

derStandard.at: Haben Sie selbst an Morbus Parkinson gedacht?

Berg: Nein, daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich war damals stellvertretender Ressortleiter beim Spiegel und habe die Symptome primär mit dem Stress in Verbindung gebracht. Den Kollegen Parkinson kannte ich nur vom Hörensagen. Das erste Mal fiel das Wort Parkinson bei einem Physiotherapeuten, der mich gründlich untersucht hat und mir empfohlen hat einen Neurologen aufzusuchen. 

derStandard.at: Wie haben Sie den Moment, als Sie die Diagnose erfahren haben, erlebt?

Berg: Natürlich war dieser Moment überraschend. Es war aber komischerweise auch ein Stück Erleichterung. Ich erinnere mich genau, dass ich dachte, jetzt weißt du wenigstens woran du bist. 

derStandard.at: Sie schreiben "Wäre er ohne Diagnose so krank, wie er sich fühlte?". Hat Sie das Wissen um die Diagnose kränker gemacht?

Berg: Nein, ich habe aber angefangen mich mit dieser Krankheit zu beschäftigen und dann stellt sich immer die Frage, tut man das zu viel beziehungsweise zu wenig. 

derStandard.at: Haben Sie sich gefragt, warum ich?

Berg: Nein, diese Frage finde ich blödsinnig. Als ich noch quietschlebendig war, mit vier Kindern und einer Frau und mit einem tollen Job, habe ich auch nicht gefragt: warum geht es mir so gut? Ich habe es als gegeben angenommen. Und jetzt stelle ich mir diese Frage erst gar nicht und deswegen bin ich auch nicht trübsinnig. 

derStandard.at: So eine Diagnose ist ein traumatisches Erlebnis. Haben Sie die klassischen Trauerphasen durchlebt?

Berg: Es gibt bestimmte Phasen, die ich auch versucht habe in dem Buch zu beschreiben. Am Anfang habe ich mir eine schöne Arbeitsteilung ausgedacht: für die Krankheit ist der Arzt zuständig, ich bin für meine Gesundheit zuständig. Es gab Momente, in denen ich mir schlaue Strategien überlegte, wie ich die Erkrankung bekämpfen kann und andere Momente, wo ich zwischen totaler Verdrängung und Überbeschäftigung mit der Krankheit hin und her geschwankt bin. 

Die wichtigste Phase der Auseinandersetzung waren für mich zwei Reha-Aufenthalte, in denen ich mich sehr intensiv mit der Fitnessgeschichte beschäftigen konnte. Der Vorteil dieser Erkrankung ist ja, dass man nicht allein auf Medikamente setzen muss, sondern sehr stark auf bewegungsstabilisierende Elemente wie Sport. 

derStandard.at: "Körperkult contra Krankheit", wie Sie es in Ihrem Buch bezeichnen?

Berg: Ja, man kann viel für die Beweglichkeit tun und das ist das Erfreuliche, wenn man schon so eine unerfreuliche Krankheit hat. Beim Parkinson geht viel über Eigeninitiative. 

derStandard.at: Die Lebenserwartung parkinsonkranker Menschen ist praktisch ident mit der in der Normalbevölkerung. Trotzdem fallen in ihrem Buch Worte wie: "Der Tod fängt an" oder "der Tod hat sich in sein Leben geschlichen". Wieso diese starke Assoziation mit dem Tod?

Berg: Diese Krankheit hat mich auf die Zerbrechlichkeit des Lebens hingewiesen. Die Illusion, dass alles unbegrenzt und nichts unmöglich ist, wurde mit der Diagnose zerstört. Und wenn man weiß, dass gesunde Gehirnzellen sterben, dann wird man sich auch bewusst: das ist der Tod, der sich da meldet. In begrenzter Form zwar, denn ich weiß, dass meine Lebenserwartung nicht eingeschränkt ist mit dem Kollegen Parkinson. Aber es ist natürlich schon ein Stück Abschied vom bisherigen Leben. 

derStandard.at: Hat es auch mit dem Begriff "unheilbar" zu tun?

Berg: Richtig, dieser Begriff "unheilbar" ist seltsam. Unheilbar heißt, ich kann zwar damit leben, es ist aber nicht mehr reparabel. Der Mensch hat sich daran gewöhnt, vom Auto bis zum eigenen Körper, alles irgendwie zu reparieren, recyceln und zu flicken. Und hier ist der Punkt, wo es nichts mehr zu reparieren gibt. Dieses Wort unheilbar ist für mich unter all den Fachbegriffen wie eine große Zacke herausgeragt. In Gesprächen mit anderen Patienten bemerke ich ebenfalls, dass Begriffe wie Krebs oder unheilbar eine eigene Dimension entwickeln und teilweise zur Verstärkung der Krankheit im psychologischen Sinne beitragen.

derStandard.at: Kämpfen Sie nach wie vor gegen Ihre Krankheit oder haben Sie sie als Teil Ihres Lebens akzeptiert?

Berg: Beides. Ich habe sie als Teil meines Lebens akzeptiert. Das ist auch der Sinn des Buches. Andere versuchen sich krank zu schreiben, ich versuche mich gesund zu schreiben. Parkinson ist mein Lebenskamerad geworden, ein Lebensgefährte mit dem ich mich täglich auseinandersetzen muss. In dieser Auseinandersetzung mit der Erkrankung, gewinne ich die Autonomie über mein eigenes Leben zurück. 

derStandard.at: Sind Sie heute ein anderer Mensch?

Berg: Mein Verhalten hat sich sehr verändert. Ich lebe etwas zurückgezogener und mehr auf dem Dorf, als in der Stadt. Ich bin etwas einsamer und etwas ruhiger geworden. Die Krankheit fordert viel Selbstdisziplin und Selbstkonzentration und hat auch für veränderte Beziehungen mit Kollegen, mit dem Partner und in der Familie gesorgt. 

derStandard.at: Die Krankheit hat das Tempo aus Ihrem Leben genommen. Ist diese Entschleunigung nicht das, was sich viele Menschen eigentlich wünschen?

Berg: In einer gewissen Form ist diese Krankheit eine Bereicherung, wenn auch eine unfreiwillige. Die selbstorganisierte Hektik muss man gezwungenermaßen relativieren. Ich habe begonnen zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden und ich habe eine Sprache gefunden. Das ist für mich eigentlich das Erstaunlichste.

derStandard.at: Sie haben Krankheit nach außen getragen, sind also kein "Meister im Spielen und Täuschen"? 

Berg: Ich bin von Anfang an sowohl in meiner Familie als auch im Beruf offen damit umgegangen, weil ich finde, die Krankheit alleine ist schon blöd genug. Wenn man sie aber auch noch tarnen und verstecken muss, wird alles noch schwieriger. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Jeder, der mit mir zu tun hat, weiß, dass ich diese Krankheit habe. Ich muss mein Zittern nicht verstecken. Es ist viel angenehmer offen damit umzugehen, als so zu tun, als wäre man der Superfitte wie früher.

derStandard.at: Wie hat die Umgebung reagiert?

Berg: Erst einmal geschockt auf die Diagnose, weil viele Menschen damit sehr unangenehme Assoziationen verbinden. Aber auch sehr sympathisch auf meine Art damit offen umzugehen. Natürlich sind viele Gesunde - ich behaupte es gibt keine Gesunden, sondern nur Leute, die noch nicht wissen, welche Krankheit sie bekommen - sehr unbeholfen im Umgang mit Kranken. Das hängt auch damit zusammen, dass kranke Menschen nicht offen damit umgehen und die Sache damit verkomplizieren. 

derStandard.at: Verunsichert Sie die Ungewissheit, was noch auf Sie zukommt?

Berg: Die macht mich teilweise kräftiger. Ich lebe mehr in der Gegenwart als früher. Ich bin ein bisschen davon befreit Pläne zu machen. 

derStandard.at: Was bedeutet dann das Wort Zukunft für Sie?

Berg: Noch größere Ungewissheit als sie jedem Menschen ohnehin gegeben ist. Das beruhigende ist aber, dass mein Leben ebenso ausgehen wird, wie ihres. (derStandard.at, 15.11.2011)

Zitterpartie, Eine Erzählung

Stefan Berg, Hansisches Druck- und Verlagshaus, ISBN-10: 3869210893, 126 Seiten, 13,30 Euro

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Nicht nut Sport.

"...sondern sehr stark auf bewegungsstabilisierende Elemente wie Sport"

Herrn Berg kann ich nur ans Herz legen, sich mit Qigong oder TaiChi unter Anleitung eines erfahrenen Lehrers zu beschäftigen! Diese uralte chinesische Bewegungslehre hat nicht nur mit Bewegung, sondern eigentlich alles mit Energie zu tun.
Das Wort "(schulmedizinisch) unheilbar" wird dann einen anderen, neuen Stellenwert erhalten.

Gähn...

ich fand das buch sehr spannend.

spannend finde ich zum einen fragen und erkenntnisse, die geteilt werden, zum anderen ist meinem gefühl nach die distanz so deutlich zu spüren, die der protagonist zu seinem umfeld hält. für mich total gespenstisch.
ein kleines, kurzes, sehr starkes buch - ich fands wirklich lesenswert.

"falsche argumente"

haben schon dazu geführt, dass es verboten wurde, also bitte nicht so naiv ...

und THC bzw. Cannabis sind KEIN Suchtgift im wissenschaftlichen Sinn, da weder "giftig" noch "süchtig machend", zumindest nicht im medizinischen Sinn ...

Grau ist alle Theorie!

Ich habe seit 20 Jahren Parkinson. Davon 13 Jahre mit einer Tiefenhirnstimulation (Gehirnschrittmacher).

Das Interview ist etwas oberflächlich. Doch in manchem kann ich die Antworten des Interviewten bestätigen. Der Unterschied mag darin liegen, dass jeder seinen eigenen Parkinson hat. Jeder glaubt sein Patentrezept gefunden zu haben. Heute erkennnt praktisch kein Mensch meine Krankheit. Doch es gab Zeiten, da sass ich im Rollstuhl. Mein Rezept war; Die Übernahme des Therapieregimes durch mich selbst. Heute justiiere ich die Stromstärke allein, die Medikation erfolgt nach meinem Gustol. Mein Glück ist,dass der Neurologe dies akzeptiert.

Der Unterschied mag darin liegen, dass jeder seinen eigenen Parkinson hat.

Richtig. Ein bekannter hat auch seit ca. 20 Jahren Parkinson, seit ca. 7 Jahren tiefenhirnstimulation (die sehr wenig gebracht hat) und ist von der Krankheit sehr stark beeInträchtigt.

Nehmens doch AFA-Algen als Nahrungszusatz

wurde schon 1988 von Dr. Cousens als ganzheitliche Ernährung erwähnt, dass er damit Parkinson stoppen konnte oder verlangsamen:

http://www.amazon.de/Ganzheitl... 088&sr=1-1

Na, sowas. Hat das der Dr. Quacksalber tatsächlich erwähnt? Als Cousin des Voodoo-Priesters ist er qualifiziert und siehe da, er hat sogar ein Buch geschrieben....

"derStandard.at: Haben Sie sich gefragt, warum ich? - Berg: Nein, diese Frage finde ich blödsinnig.""

Danke für diese treffende Antwort.

wenn ich zb magschmerzrn habe

frag ich mich schon warum

wie jede andere krankheit muss auch diese eine ursache haben

Is scho schwierig,

Zwischen "Wieso ich?" und "Wieso?" zu unterscheiden.

Wenn man sein ganzes Dasein allen Ernstes derart herrlich sinnstiftenden Oberflächlichkeiten überantwortet, wie sie dieser brave Journalist und Buchautor im Interview breitstampft,
dann kann einen wirklich nichts aus der Bahn werfen.
Gratulation, alles perfekt internalisiert, was einem in einer verrotteten und IQ70 Gesellschaft das Überleben sichert.

@Quartz

Deren offizieller Vertreter offenbar Du bist !

Du hast keine Ahnung von dieser Krankheit und weißt nicht, wie schwer es ist, den Alltag zu bewältigen.

Dieser Mensch hat einen WEg für sich gefunden, auf dem er für sich möglichst zufriedenstellend damit zu Rande kommt.

Und Du redest von Oberflächlichkeit ?

Was erwartest Du denn in so einer Situation ? Ist eine rhetorische Frage, weil es völlig wurscht ist, was Du von ihm erwartest.

Ich habe Ihnen vor Tagen geantwortet, es wurde nicht veröffentlicht.
Ich wiederhole mich nicht, nur kurz: Dieser Artikel ist positivistisch, menschenverachtend, und schwächt Schwache.
Die primitive Verherrlichung der eigenen Tapferkeit ist ein Werkzeug, das Schundmedien überall einsetzen, wo es um Quote geht.

Passt Ihnen vielleicht der selbstmitleidlose

Umgang mit der Krankheit nicht? Oder wollen Sie nur nicht akzeptieren, dass ein fitter Körper die beste Medizin ist? Da müsste man ja nachher selbst noch aktiv werden.

"Wenn er im Fitness-Center vor der Spiegel-Wand stand, ließ er seine Muskeln spielen. Sein Armumfang war erstaunlich, er hatte eine Art Stiernacken bekommen. Körperkult contra Krankheit."

Was hat das mit seiner Krankheit zu tun?

Artikel gelesen?

Der Vorteil dieser Erkrankung ist ja, dass man nicht allein auf Medikamente setzen muss, sondern sehr stark auf bewegungsstabilisierende Elemente wie Sport.

Danke für die Antwort! Ich bin nach der dritten Frage dieses übelst langweiligen Interviews ausgestiegen; wollte aber trotzdem noch wissen, welchen Zusammenhang es zwischen....

Das Problem von Herrn Berg ist im Vergleich zu deinem Problem ganz lieb und klein.

Und auch unheilbar!

parkinson ist zwar nicht heilbar

aber heute ganz gut behandelbar. und herr berg hat ja noch den vorteil, dass er relativ jung war, als er die diagnose erfuhr - da hat der körper doch noch einige selbstheilungskräfte. aber mit entsprechender behandlung/ medikation kann man mit parkinson genauso gut leben, wie ohne. man darf sich halt von der krankheit nicht unterkriegen lassen!

Es kommt bei jeder Krankheit an ob man sich unterkriegen lässt oder nicht. Egal ob man weiterlebt oder es keine Chance mehr gibt. Man kann verzweifeln und hadern oder mit "erhobenem Haupt" durchgehen.

Ich habe einen ganz lieben Freund, der auch an mit dieser Krankheit lebt - lustig ist es nicht, aber wenn man sich darauf einstellt, kann man viel Lebensqualität haben.

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