State of the Art - nicht mehr, nicht weniger

14. November 2011, 11:25
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derStandard.at hat sich acht Einheiten unter Neo-Teamchef Marcel Koller reingezogen, die Startformation gegen die Ukraine können wir wohl schon verraten

Wien - Selten bekommt man die Gelegenheit, eine vollständige Trainingswoche der Nationalmannschaft beobachten zu können. Dass alle Einheiten am selben Ort und noch dazu öffentlich stattgefunden haben, ist wohl auch Strategie des neuen sportlichen ÖFB-Führungsteams im Umgang mit Medien und Öffentlichkeit. Dennoch haben nur zum ersten Termin mehr als 20 Besucher den Weg ins weite Rund des Ernst-Happel-Stadions gefunden, für alle anderen hier ein Überblick: Welche Inhalte wurden trainiert? Wo wurden Schwerpunkte gesetzt? Wie ist Marcel Kollers Führungsstil zu beschreiben? Welches System bevorzugt er? Was lässt sich aus dem Training für das kommende Spiel gegen die Ukraine herauslesen?

Die Trainings

Jedes Training wurde mit einem Aufwärmen unter der Anleitung von Roger Spry eingeleitet, das zumeist 25 Minuten dauerte. Der erstaunlich fitte 61-jährige zeigte Varianten der Aktivierung, besonders gut kamen bei den Spielern verschiedene Formen des Schattenboxens an. Im Aufwärmprogramm wurde auf taktische Elemente weitestgehend verzichtet, deshalb werden wir auf diesen Teil des Trainings nicht weiter eingehen, ebenso nicht auf das Auslaufen.

1. Trainingseinheit, Mittwoch 09.11., 10 Uhr 

Am Mittwoch Vormittag fand das erste offizielle Training statt. Eine detaillierte Trainingsbeobachtung haben wir bereits am Donnerstag veröffentlicht. Zur Erinnerung: Es wurde Ballhalten 4 vs. 4 mit 4 Außenspielern trainiert, im Anschluss gab es eine Komplexübung mit Angriffen über die Flügel und am Ende fand ein Trainingsmatch mit 10 vs. 10 statt.

2. Trainingseinheit, Mittwoch 09.11., 16.30 Uhr

In einem Raum von ca. 30 mal 60 m fand ein Ballhalten 8 vs. 8 statt, mit 2 Jokern an den kurzen Außenseiten. Ziel dieser Übung war es, mit wenigen Ballkontakten pro Spieler den Ball in der eigenen Mannschaft zu halten und nach Anspiel des Jokers, das Spiel im richtigen Moment geschickt und schnell auf die andere Seite zu verlagern. Zum Abschluss wurde die Spieleröffnung im 10 vs. 10 gegen eine tief stehende - halbaktive - Verteidigung geübt. Das Hauptaugenmerk wurde auf Pass- und Laufwege gelegt, Marcel Koller nahm viele Detailkorrekturen vor, beispielsweise das schnelle "Aufdrehen" (Ball nicht prallen lassen, sondern Spielzug sofort fortsetzen) der Sechser.

3. Trainingseinheit, Donnerstag 10.11., 10 Uhr 

In der ersten Trainingseinheit am Donnerstag wurden drei Spielfelder aufgebaut, in welchen jeweils 3 vs. 3 (in einer Gruppe 3 vs. 3 plus Joker) gespielt wurde. Alle 3 Trainingsgruppen wurden abwechselnd von Koller (Spielfeld mit 2 Kleinfeldschusstoren), Janeschitz (Spielfeld mit vier Stangentoren) und Schmidt (Spielfeld mit Dribbellinien) betreut. Im Mittelpunkt stand das gruppentaktische Defensivverhalten, in dem vor allem das richtige Verschieben und Absichern sowie das Herausattackieren und das Erkennen von Pressingsignalen (z.B. schlechte Ballannahme des Gegners) geschult wurde. Danach wurde 8 vs. 6 auf einer Spielfeldhälfte gespielt, wobei die Überzahlmannschaft immer die Spieleröffnung startete und die Unterzahlmannschaft nach Ballgewinn nur die Kontersituation andeutete, in dem sie auf einen am Mittelkreis stehenden Mitspieler passen musste. Kollers Coaching konzentrierte sich auf das Angriffsverhalten der Überzahlmannschaft.

4. Trainingseinheit, Donnerstag 10.11., 16.30 Uhr

In drei quadratischen Spielfeldern von ca. 12 mal 12 m wurde 5 vs. 2 auf Ballhalten (Hösche) gespielt, das von den Trainern ohne Coaching beobachtet wurde. Anschließend wurde trocken im 1-4-2-3-1 das Defensivverhalten bei gegnerischen Ballbesitz trainiert, jede Position wurde doppelt besetzt und das Trainerteam zeigte über das gesamte Feld verschiedene Situationen an, nach denen verschoben werden musste. Die Trainingsform wurde von Koller immer wieder unterbrochen, in dem er die richtigen Abstände der einzelnen Mannschafsteile zueinander justierte. Am Ende der Übungseinheit trainierte eine Gruppe um Fuchs und Arnautovic direkte Freistöße, die andere Eckbälle und (auch kurz abgespielte) Freistoßflanken.

5. Trainingseinheit Freitag 11.11., 10.00 Uhr 

Der erste Schwerpunkt der Freitagseinheit war eine Komplexübung, in der Angriffszüge durch das Zentrum und über die Flügel gespielt wurden: der linke defensive Mittelfeldspieler passt auf den rechten, dieser wiederum spielt auf den kurz kommenden Stürmer, der auf den offensiv zentralen Mittelfeldspieler zurückprallen lässt. Der offensive Mittelfeldspieler passt direkt auf die Seite, von wo der äußere Mittelfeldspieler in den Strafraum auf die einlaufenden Stürmer flankt. Dieses Angriffsmuster wurde abwechselnd über links und rechts durchgeführt. Den Abschluss der Vormittagseinheit bildete ein Match 11 vs. 10, von 16er zu 16er, in dem die Mannschaft in Überzahl ein Offensivpressing ausübt. Aufstellung der Mannschaft in Überzahl: Lindner - Schiemer, Pogatez, Prödl, Fuchs - Harnik , Alaba, Baumgartlinger, Ivanschitz - Arnautovic, Janko. Unterzahlmannschaft: Almer - Klein, Ortlechner, Dragovic, Suttner - Junuzovic, Mader, Weber, Drazan - Hoffer. Wie schon am Vortag war klar ersichtlich, dass die Mannschaft im Offensivpressing im 4-4-2 attackieren soll, indem die Zehnerposition (Arnautovic, vielleicht auch Kavlak) den ballführenden Gegner weit vorne unter Druck setzt.

6. Trainingseinheit, Freitag 11.11., 16.30 Uhr 

Am Freitagnachmittag wurden Eckbälle in verschiedenen Varianten trainiert. Am Ende wurde in einem kürzeren Feld 11 vs. 11 gespielt, beide Mannschaften spielten mit Offensivpressing.

7. Trainingseinheit, Samstag 12.11., 10 Uhr

In einem Raum von ca. 45 x 90 m wurde Ballhalten 9 vs. 9 mit zwei Jokern gespielt, die den Ball nur direkt spielen durften. Die Joker wurden in bestimmten Intervallen getauscht. Ziel war es, durch Ballzirkulation mit Hilfe der Überzahl auf Ballbesitz zu spielen. Zum Abschluss wurde 11 vs. 11 von 16er zu 16er gespielt. Auffällig dabei war die ständige Positionsrotation von Arnautovic und Harnik. Des Weiteren wurden alle Standards mit dreimaliger Wiederholung ausgeführt und beide Mannschaften verteidigten mit hoher Abwehrlinie.

8. Trainingseinheit, Sonntag 13.11., 10.45 Uhr

Das Sonntagstraining war dem vom Vortag sehr ähnlich: nach einem 5 vs. 2 (Hösche), wurde wieder Ballhalten 9 vs. 9 mit 2 Jokern gespielt und ein Match 11 vs. 11, in dem der dritte Tormann als Joker mitspielte.

Fazit

In den acht Trainingseinheiten der letzten Woche wurden viele Inhalte angerissen: Spielaufbau, Angriffsspiel durch die Mitte und über die Flügel, Überzahl und Unterzahlspiel. Gruppentaktisches Abwehr- und Offensivverhalten wurden genauso trainiert wie unterschiedliche Arten des Pressings, dazu Standards. Als Schwerpunkte haben sich Variationen des Ballhaltens (in Überzahl und Unterzahl, Dreiecksspiel, Handlungsschnelligkeit und Spielverlagerung) herauskristallisiert sowie Spielformen im 11 vs. 11 auf zwei Tore. Das Training wirkte strukturiert und erfüllte die Standards der modernen Fußballlehre, ohne wirklich innovativ zu sein. Im Aufwärmteil wurde generell auf taktische Elemente verzichtet, in den 11 vs. 11 Spielformen hat Koller nur kleine Akzente gesetzt, etwa auf Pressing-Varianten. Provaktionssregeln (die ein bestimmtes Spielverhalten fördern sollen) oder spezielle Spielräume (etwa eine sehr schmale Feldgröße) kamen kaum zur Anwendung. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass das Trainerteam um Koller die Mannschaft in verschiedenen Trainingsformen sehen wollte, der viel zitierte Spielstil steht sicherlich noch nicht fest.

Viel Wert gelegt wird auf den methodischen und pädagogischen Aufbau der Trainingseinheiten. Marcel Koller ist in seinen Anweisungen klar und bestimmt und legt eine hohe Gewichtung auf die Interaktion und Kommunikation mit den Spielern. Er versucht die Spieler aktiv durch Fragestellungen in Lösungsfindungen einzubeziehen und differenziert im Umgang mit verschiedenen Spielerpersönlichkeiten. Insgesamt, so scheint es, schafft es das gesamte Trainerteam ein gesundes Klima zwischen Freude und Spannung zu erzeugen.

Marcel Koller macht kein großes Geheimnis um seine anzunehmende Aufstellung, folgende Elf wird wohl gegen die Ukraine beginnen:

(1-4-2-3-1) Lindner - Schiemer, Prödl, Pogatetz, Fuchs - Baumgartlinger, Alaba - Harnik, Arnautovic, Ivanschitz - Janko.

Je nach Spielverlauf haben Mader, Hoffer oder Junuzovic gute Einsatzchancen. Die Mannschaft wird wohl nicht nur mit reinem Defensivpressing agieren, sondern phasenweise offensiv Spielen, Konter wurden jedenfalls nicht explizit trainiert. Ob bereits gegen die Ukraine geübte Angriffsmuster zur Anwendung kommen werden, bleibt abzuwarten. (derStandard.at; 14. November 2011)

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    Koller am Ball.

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