Leser-Kommentar: "Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen"

Leserkommentar14. November 2011, 10:53
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Warum das schwache Abschneiden des Bildungsvolksbegehrens (auch) Anlass zur Sorge gibt

Die aktuelle weltwirtschaftliche Lage ist ernst. Mittlerweile bedarf es kaum mehr der Kassandrarufe der Ratingagenturen, um zu erkennen, dass die Krise wieder auf dem Weg zu den Banken und in weiterer Folge in die Realwirtschaft ist. Wenn man Angehörige hat, die sich noch an die 1930er Jahre erinnern können, muss man weder Bankdirektor noch Bundeskanzler sein, um zu ahnen, was da in weiterer Folge auf uns zukommen kann. Noch herrscht Solidarität innerhalb Europas. Aber was passiert, sollte der griechischen Bevölkerung die Nerven durchgehen und sich der Volkszorn an einem der Kontrolleure der EU oder der EZB entladen?

Sekundäre Analphabeten im Zunehmen

Bezeichnender Weise ist die Lage der Bildungssysteme (und hier ist nicht nur das österreichische gemeint) nicht minder prekär als jene der Wirtschaftssysteme. Trotz (oder gerade wegen?) des in den letzten Jahrzehnten gestiegenen Wohlstands und der zunehmender Spezialisierung nimmt bekanntlich die Rate der sekundären Analphabeten zu, und umfassende Bildung ist kaum mehr vorhanden. Allzu oft wird außerdem Ausbildung mit Bildung verwechselt und angenommen, dass jemand, der fundierte erstere besitze auch notwendigerweise mittels letzterer über seinen Tellerrand hinausreichende Zusammenhänge erkennen könne.

Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, dass letzthin ausgerechnet die "modernen" Amerikaner den "alten" Europäern nahe gelegt haben, ihre Finanzen endlich in Ordnung zu bringen. Schließlich waren es die USA, deren Bevölkerungsmehrheit traditioneller Weise kaum je die Grenzen des eigenen Landes überschreitet, die sich in den späten 1960er Jahren von der Golddeckung ihrer Währung verabschiedet und damit die Saat aller künftigen Blasen und Crashs in die Welt gesetzt haben. Am 15. August 1971 erklärte Präsident Nixon in einer Fernsehansprache, dass die USA die Vereinbarungen von Bretton Woods, welche den Goldstandard des US Dollars begründet hatten, einseitig aufgekündigt hätten. Diese Abkommen war 1944 von Großbritannien und den Vereinigten Staaten zur Verhinderung genau jener Mechanismen, die vor dem Ersten Weltkrieg zur Weltwirtschaftskrise geführt hatte, geschlossen worden.

Die Erkenntnis, dass die Abkoppelung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft nie ein gutes Ende nimmt, müsste jedem auch wirtschaftlich Unbedarften mit fundierter Allgemeinbildung klar sein. Daher möchte man den Verantwortlichen beidseits des Atlantiks beispielsweise die Lektüre von Goethes Faust empfehlen. In der Tragödie Zweiter Teil, wie der prophetisch anmutende Untertitel des Faust II bekanntlich lautet, deren Handlung bedeutungsvoller Weise auch im (antiken) Griechenland angesiedelt ist, erklärt der Kanzler dem staunenden Hofstaat die Vorzüge des Papiergeldes mit den Worten: "Zu wissen sei es jedem der´s begehrt:/ Der Zettel hier ist tausend Kronen wert/ Ihm liegt gesichert als gewisses Pfand/ Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland."

Damit wird auf den Punkt gebracht, wovon sich seit Jahrzehnten vor allem die Hüter der amerikanischen Währung und Wirtschaft verabschiedet haben. Nämlich der Binsenweisheit, dass gesundes Wachstum eben nur solange möglich ist, wie den Geldmengen, die im Umlauf sind, auch (be-)greifbare Werte und Leistungen gegenüber stehen.

Leider haben sowohl der Kaiser in Faust II als auch unsere heutigen Politiker die sich an anderer Stelle zu findende Warnung "Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen/ Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen" überhört.

Die Wahrheit liegt in der Mitte

Die Europäer aber auch nicht faul, haben mittlerweile (fast) alles, was sie je über klassische Bildung und solides Bankgeschäft gelernt haben, über Bord geworfen und sich am großen Zocken munter beteiligt. Selbst die Bürgermeister kleiner Landgemeinden wollten mit Kasinokapitalismus schlauer sein als ihre ihnen stockkonservativ erscheinenden Vorgänger. Natürlich kann man Politikern, die das sauer verdiente Geld ihres Wahlvolkes und Bankern, die jenes ihrer Aktionäre Tag und Nacht vermehren wollen, kaum die Lektüre von Faust zumuten. Aber kurze Abstecher in die österreichische Literatur wären doch zu empfehlen. Schon Robert Musil lässt im "Mann ohne Eigenschaften" ausgerechnet den Bankdirektor Leo Fischel am Vorabend des Untergangs der Donaumonarchie sinnieren: "Die Wahrheit liegt nämlich immer in der Mitte, und das vergessen heute alle, wo man nur extrem ist".

Für alle, denen auch Musil zu sperrig ist, wäre das politische und schriftstellerische Vermächtnis Jörg Mauthes eine Möglichkeit, um die Zeichen an der Wand zu erkennen, bevor es zu spät ist. Der von der ÖVP in den 1970er Jahren in die Politik geholte Kunsthistoriker und Journalist war stets ein Mahner für die Besinnung auf die Mitte und wohl einer der letzten österreichischen Politiker, der seine umfassende Allgemeinbildung erfolgreich in seine politische Arbeit einfließen ließ.Bleibt am Ende zu hoffen, dass die politisch Verantwortlichen das Ruder noch fest genug in Händen halten, um die späte Reue, die Goethe mit den Versen "Wir haben so viel Rechte hingegeben/ Dass uns auf Nichts ein Recht mehr übrig bleibt" zusammengefasst hat, vermeiden zu können.

Gehen wir auf den Untergang zu?

Sonst bliebe nur die Einsicht des Knieriem aus Nestroys Lumpazivagabundus "Kurzum, oben und unten sieht man, es geht rein auf´n Untergang los" und wir müssten alle ein Buch Mauthes, das in den nächsten Monaten als Überlebenshandbuch neu aufgelegt werden könnte, hervorholen. Es trägt den Titel: "Der Weltuntergang zu Wien. Und wie man ihn überlebt". (Leser-Kommentar, Andreas Schindl, derStandard.at, 14.11.2011)

Autor

Andreas Schindl, geboren 1968 in Wien, Studium der Medizin in Wien und der Photobiologie in Padua und Sassari. Er arbeitet als Hautarzt in Wien

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