Wie der Papst Gott auf die Probe stellt - ein Management-Fiasko

Wolfgang Bergmann, 14. November 2011, 10:49
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    foto: reuters/alessandro bianchi

    Wenn der Papst allein frei entscheidet, dann ist er auch allein verantwortlich.

Wer Personalverantwortung hat weiß: Positionen kann man nicht nach der Papierform entscheiden, schon gar nicht Spitzenfunktionen. Natürlich kann man sich von Headhuntern unterstützen lassen und interne Personal-Abteilungen beschäftigen, aber der, der die Verantwortung trägt, muss eine ganze Reihe persönlicher Gespräche führen - und sich Zeit nehmen. Wer das nicht tut, wird seinem Job nicht gerecht.

In naher Zukunft wird uns der Papst wieder neue Bischöfe bescheren. Ein Blick auf die Umstände zeigt: Eine verantwortliche und damit verantwortbare Entscheidung des Papstes kann es nicht werden.

Der Grund ist einfach: Im Lauf der Geschichte hat das Papsttum eine absolutistische Macht zusammengehamstert. Wurden früher Bischöfe in den Diözesen gewählt, entscheidet der Papst in fast allen Fällen weltweit (!) frei über die Besetzung eines Bischofssitzes (in wenigen Diözesen bestehen Sonderregelungen, wonach z.B. das Domkapitel aus einem Papst-Dreier-Vorschlag wählt - so in Salzburg - oder der Papst die Wahl eines Bischofs nur bestätigt)

Ein Blick auf die Zahlen führt daher zu heftigem Schwindelgefühl: Die letzte Kirchenstatistik (aus 2009) weist 2.956 Diözesen aus, die Benedikt XVI. unterstehen. Diözesanbischöfe und Weihbischöfe machen zusammen derzeit 5.065. In 487 Fällen wurden im genannten Jahr Rücktritte angenommen oder Neu- bzw. Umbesetzungen vorgenommen. 169 Bischöfe wurden dabei vom Papst neu ernannt.

Ein Management-Fiasko aus 2009 sitzt uns in Österreich heute noch in den Knochen: In der Statistik kommt Gerhard Maria „Gott-straft-durch-Wirbelstürme" Wagner gleich zwei Mal vor, weil am 31. Jänner seine Ernennung zum Linzer Weihbischof und - nach einem Sturm der Entrüstung - am 2. März. die Annahme seines Rücktritts - exakt formuliert: die Dispens von der Weihe - erfolgte.

Wenn der Papst allein frei entscheidet, dann ist er auch allein verantwortlich. Bei dieser Menge an Entscheidungen müsste der Papst seine gesamte Zeitkapazität dieser Aufgabe widmen, wenn er seiner Verantwortung gerecht werden will. Das tut er aber nicht.

Das Führungsproblem geht noch weiter: Wer einmal die Bischofsmütze trägt, muss alle fünf Jahre zum sogenannten Ad-Limina- Besuch (ad limina apostolorum = zu den Schwellen der Apostelgräber) nach Rom. Dieser Pflichtbesuch ist meist eine römische Befehlsausgabe. Im Jahresschnitt lässt der Papst also rund 1.000 Bischöfe antreten. Wie das in der Praxis vor sich geht, kann man dem jüngsten Buch von Weihbischof Krätzl (Mein Leben für eine Kirche, die den Menschen dient, Tyrolia) entnehmen: Die Diözesanbischöfe werden im 15 Minutentakt empfangen. Weihbischöfe warten meist im Vorzimmer und dürfen nur zum Erinnerungsfoto und Shakehands dazukommen. Ein echtes Gespräch kommt da nicht zustande. Dabei stellen gerade die Weihbischöfe in zahlreichen Fällen das Personalreservoir für die Besetzung frei werdender Bischofssitze. Ob sich der Papst an den jeweiligen Händedruck erinnern kann?

Noch ein gar nicht kleines Detail zum Papst als obersten Personalchef: Wenn einer von den 410.593 Priestern wegen Gefahr im Verzug im Eilverfahren des Amts enthoben werden soll (z-B. bei Missbrauchsdelikten), muss dies dem Papst vorgelegt werden (vgl. Veränderungen in den normae de gravoribus delictis Art. 21 §2,2°). Die Vermutung ist berechtigt, dass das kein Nebenjob ist, wenn man nicht vertuscht und wegschaut. Erweist sich auch nur ein Promille der Priester als ernster Problemfall, muss der Pontifex Maximus täglich einschreiten. Kann es da der Papst noch verantworten, längere Auslandsreisen anzutreten?

In der Sprache des Managements und der Justiz muss man eine derartige Verantwortungsfülle als grobe Fahrlässigkeit qualifizieren - in theologischer Sprache als Sünde.

Die Grundlage für diesen Befund liefert die biblischer Erzählung von der Versuchung Jesu (@Kardinal Schönborn: die Textstelle bitte jetzt nicht gleich fundamentalistisch verstehen und weitere Exorzisten anheuern): „Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen." (Mt4,5-7)

„Gott nicht auf die Probe stellen", dieses Gebot aus dem Buch Deuteronomium (6,16), heißt nichts anderes als: Stürze dich nicht in etwas, das du nach menschlichem Ermessen nicht verantworten kannst, das auf jeden Fall deine Kräfte übersteigt.

Die aktuelle Konstruktion des Papst-Amtes (das, wie wir aus der Geschichte wissen, auch ganz anders aussehen kann und im Hinblick auf die Ökumene künftig anders aussehen muss) ist in seiner Unbewältigbarkeit eine ständiges Auf-die-Probe-stellen Gottes - eine tägliche Sünde.

Das erschließt sich unmittelbar - bei Anwendung einfacher Vernunft. Glaube und Vernunft in Einklang zu bringen, ist eines der großen Themen dieses Papstes. Das gravierende Fehlverhalten des Papstes besteht daher nicht darin, dass er all die Aufgaben nicht gut bewältigt, sondern dass er - obwohl er die Macht dazu hat - diesen Zustand, diese überhebliche Amtsanmaßung, nicht ändert. Das ist einfach unvernünftig.

Am häufigsten gesündigt hat der Papst in dieser Hinsicht im Beobachtungszeitraum 2009 am 4.April. An diesem Tag hat er sogar in acht Fällen Entscheidungen für Spitzenpositionen (Rücktritte, Umbesetzungen, Neubesetzungen) vorgenommen. (derStandard.at, 14.11.2011)

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 14.11.2011)

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die kleinere Sünde" (Czernin-Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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Post-vom-Poster
 
00
30.11.2011, 07:29
Wenn der Papst allein frei entscheidet, dann ist er auch allein verantwortlich

Er ist grundsätzlich IMMER und für ALLES in der r.-k. Kirche letzt-verantwortlich, denn er (d.h. sein Vorgänger 1871) hat sich ja für "unfehlbar" erklärt, was zwangsläufig nur im Vollbesitz der gesamten Wahrheit möglich ist.

Im Grunde also so was wie neben oder gar über Gott stehend ...

Saurer Zivi
00
20.11.2011, 11:41
dem zweck dienlicher wäre eine genaue auflistung wie viel menschen in österreich (abgesehen von niki lauda, dessen privatstiftung ja verschont bliebt) noch kirchensteuerpflichtig sind:

die aktuellen zahlen für 2010/2011 täten mich schon brennend interessieren.

lt AP 2010 per 31.12.2008 Einwohner der Diözese:

2 594 572.

Katholiken davon: 1 356 782.

Also 52,3%

Diesen Anteil wage ich heftigst anzuzweifeln.

Schließlich wäre eine Auflistung aller geleisteten Kirchensteuern pro Jahr und Bezirk aufschlussreich.

Dass der Papst ständig mit dem Zählen seiner Schäfchen beschäftigt sein muss, damit er solche schönen Zahlen bekommt, ist auch klar.

Da bleibt eben sehr wenig Zeit für unnützes Zeug wie AdLiminas.

Pia
14
17.11.2011, 12:05

Mit diesem undankbaren und selbstherrlichen Haufen habe ich adäquat, gerecht und final abgerechnet und abgeschlossen!

yomo
10
17.11.2011, 12:05

derzeit meine lieblings-'kolumne'! weiter so!

W s
21
16.11.2011, 17:15

Herr Bergmann, bitte treten Sie über zB zu den Protestanten. Die pfeifen auch auf den Papst und teilen ansonsten auch Ihre Meinungen.
Lassen Sie die r.-k. Kirche doch endlich in Ruhe.

Fisch Suppe
11
17.11.2011, 12:54
Den Artikel sollte man sich ja etwas genauer anschauen:

Das "Papsttum" hätte "eine absolutistische Macht zusammengehamstert",

"Schwindelgefühl",

"römische Befehlsausgabe",

"Die aktuelle Konstruktion des Papst-Amtes [...] ist [...] eine tägliche Sünde. Das erschließt sich unmittelbar - bei Anwendung einfacher Vernunft.",

"Das gravierende Fehlverhalten des Papstes besteht [..] darin, [...] dass er [...] diese überhebliche Amtsanmaßung nicht ändert.",

"Am häufigsten gesündigt hat der Papst [...] 2009 am 4.April."

Frage:

Sind solche Formulierungen bereits geeignet, gegen die in Österreich bestehende katholische Kirche zu hetzen oder sie in einer die Menschenwürde verletzenden Weise zu beschimpfen oder verächtlich zu machen?

nihil obstat
01
21.11.2011, 13:01

Eine Kirche hat keine "Menschenwürde".

monkeyboy
20
16.11.2011, 15:12

Ausgezeichneter Einblick in eine dem Normalbürger ansonsten verschlossene Welt!

Erisian Liberation Front
02
16.11.2011, 11:50
Gottes Wege sind unergründlich

Warum also sollte er neben dem Hrn. Ratzinger nicht auch einen Hrn. Bergmann geschaffen haben?
Gott dürfte eben auch Humor haben.

Oder ein bösartiger Zyniker sein, wenn er einen Hrn. Bergmann geschaffen hat.
Vielleicht war der ja auch eine Fehlproduktion.
Das würde seine Ansichten erklären...

U-Bahn Steuer
01
16.11.2011, 10:06

apropos bischöfe:

wann wird erzbischof romero endlich seliggesprochen?!

DAS wäre ein echt positivies signal aus rom

Nashwin_Fuller
 
00
21.11.2011, 09:02
Wann wird...

...George A. Romero endlich seliggesprochen.

Schließlich geht es in seinen Filmen um das christliche Thema schlechthin: Die Auferstehung von den Toten.

go-east
00
16.11.2011, 10:04
auf den Punkt gebracht !

Die Kirche hat seit dem Mittelalter Management Tradition und Wissen gepflegt (gut, manchmal etwas eigenwillig).
Aber, es ist nicht einfach so ein derart grosses Unternehmen zu führen.
Es scheint, dass da neuerdings einiges versemmelt und vergessen wird...

nihil obstat
00
21.11.2011, 13:03

"Mittelalter Management Tradition und Wissen"

Ein exzellentes Beispiel dafür, warum Satzzeichen (Beistriche, Bindestriche) so sinnvoll sind.

Taschenkalender
40
16.11.2011, 00:39
man weiß schon ungefähr, was er meint, aber

er kann es absolut nicht ausdrücken, und das sollte man doch erwarten können wenn man was in der Zeitung liest:

"In der Sprache des Managements und der Justiz muss man eine derartige Verantwortungsfülle als grobe Fahrlässigkeit qualifizieren - in theologischer Sprache als Sünde."

Als Magister der Theologie mit juristischen Fachbegriffen umherwerfen und es auch noch als die pure Wahrheit zu verkaufen..sehr entblößend..

und btw: wie viele Vorstände hat ein Weltkonzern?

Michael B
02
16.11.2011, 10:55
Es gibt sicher NICHT VIELE Weltkonzerne mit 400.000 Bediensteten,

wo NUR der Generaldirektor das ALLEINIGE Kündigungsrecht hat.....

molekühl
41
15.11.2011, 17:11

Na Gottseidank wird der Wagner wieder als leuchtendes Beispiel genannt. Warum wird die legendäre Innsbrucker Professorin mit ihrer "USA erzeugen Erdbebenwellen unter Haiti"-Theorie eigentlich nicht in jedem Bericht über die österreichischen Unis erwähnt? - Ist doch auch ein repräsentatives Beispiel für die Qualität des Habilitationsverfahrens. Ausserdem ist da der Wissenschaftsminister persönlich schuld, gell?
Allgemein ein selten oberflächlicher Artikel. Soll der Papst vielleicht auch einer Milliarde Katholiken die Beichte persönlich abnehmen?
Kurz: Schreib-Fiasko eines Managers.

alla riscossa
00
15.11.2011, 22:03
sachliche argumente gibts auch, oder wars das schon?

Alexander Hanschitz
00
15.11.2011, 21:25

"Soll der Papst vielleicht auch einer Milliarde Katholiken die Beichte persönlich abnehmen?"

Soll, dem Artikel zufolge, nicht genau das Gegenteil der Fall sein?

Thomas Höbelt
 
62
15.11.2011, 14:43
Ohne die Katholen verteidigen zu wollen,

aber der Autor dürfte zwar Theologe sein, hat aber von Management offenbar nicht viel Ahnung.

Management bedeutet vor Allem eines: Delegieren zu können.

alla riscossa
09
15.11.2011, 22:04
aber genau das, lieber thomas,

wirft er dem papst ja vor!

Der sich den Wolf tanzt
02
15.11.2011, 13:03
wahrscheinlich gehts da bei der besetzung von mafiaposten demokratischer zu.

tja wenn die katholen in rom noch so dürften wie sie gerne möchten... ich denke das talibansystem wäre ihnen sehr sympatisch.

Chien de Pique
00
15.11.2011, 15:47

Zumindest im Vatikan dürften sie eh. Und was passiert dort? Nüscht.

Jürgen Rembremerding
24
15.11.2011, 13:18
"wahrscheinlich gehts da bei der besetzung von mafiaposten demokratischer zu."

Und in Deiner Firma wird jede Woche basisdemokratisch eine neue Chefin gewählt?

Der sich den Wolf tanzt
110
15.11.2011, 14:38
nein, aber...

-wir haben- himmel hilf!!- auch frauen die was zu sagen haben in der firma
- wir müssen nicht vor unserem niederknien und ihm auch nicht den ring an der hand küssen
- wir haben etwas, dass man gewerkschaft nennt
- wir können unserem chef sagen, wenn und etwas nicht passt UND er hört zu
- unsere arbeit wird wertgeschätzt und nicht als selbstverständlich angesehen
- wir haben kein jahrtausende jahre altes feudalsystem in unserer firma
- unser chef ist altersmäßig deutlich unter der greisengrenze
- unser chef besteht nicht auf unfehlbarkeit
- er verlangt auch kein geld für die aussicht auf ein nächstes leben
- er mischt sich nicht in unser sexualleben ein
- sogar homosexualität geht ihn nichts an
- er läßt junge buben in frieden

Jürgen Rembremerding
31
15.11.2011, 15:23
"wir können unserem chef sagen, wenn und etwas nicht passt"

Die Lebenslüge der "flachen Hierarchien".

Das kannst du so lange, bis Dir mal WIRKLICH was nicht passt!

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