"Falter arbeitet hinter der Fassade an einem Online-Auftritt"

14. November 2011, 10:16
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Der Kollektivvertrag für Journalisten, die Objektivität der Nachrichtenagenturen und To-Dos wie Datenjournalismus beherrschten die Diskussion

Am ÖJC-Podium zum Supertaalk "Zukunft des Online-Journalismus", im Rahmen dessen dem innovativen Bewegtbildformat der New Media Journalism Award verliehen wurde, waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig: Onlinejournalismus wird weiter an Bedeutung und Reichweite zunehmen, wichtig sei es nun, das qualitative Umfeld auf ein arbeitsförderliches Ressourcenniveau zu bringen. Dazu müssten gewisse Voraussetzungen geschaffen und Aufgaben erkannt werden.

"Es geht in dieser Branche nicht nur darum, Gewinn zu machen, wir haben auch eine demokratiepolitische Aufgabe", gab eingangs derStandard.at-Geschäftsführerin Gerlinde Hinterleitner zu bedenken. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, bräuchten Journalisten vor allem genügend Zeit- und Geldressourcen.

ÖJC für die Förderung von Onlinemedien

Einerseits müsse endlich der Kollektivvertrag für Online-Journalisten beschlossen werden - die anwesenden Medienfachleute unterstützen den Vorstoß - andererseits sei eine Förderung von Onlinemedien essentiell für die zukunftsweisende Entwicklung der hiesigen Medienlandschaft. "Die innovative Entwicklung und Förderung von neuen Medien und damit der Erhalt und die Weiterentwicklung des Journalismus unter den Bedingungen des Web 2.0 muss dringend im Presseförderungsgesetz seinen Niederschlag finden", formulierte der Präsident des Österreichischen Journalisten Clubs (ÖJC), Fred Turnheim, seine Botschaft an die Politik.

Bloggen statt Plattform beim Falter

Dass es auch alternative Konzepte für die Verbreitung redaktioneller Inhalte gibt, zeigte die Falter-Journalistin Ingrid Brodnig auf, die sich aufgrund der fehlenden Online-Plattform während der Diskussion mehrmals als "Tote-Baum Vertreterin" bezeichnete. "Ich finde es gut, dass uns die Freiheit gelassen wird, zusätzlich auch online zu publizieren - wir sind hier nicht eingekastelt", argumentierte sie für den Usus der Falter-Redakteure, die Texte nach Erscheinen zu bloggen, und gestand nebenbei ein: "Wir verstehen uns in erster Linie als Printmedium. Es ist natürlich klar, dass hinter der Fassade auch bei uns an einem anderen Auftritt gearbeitet wird." Beim Falter wolle man den Redakteuren jedoch unabhängig vom Medium die gleichen Arbeitsbedingungen und Zeitressourcen garantieren.

Hinterleitner gewährte professionelle Einblicke zum Thema Qualitätsspielraum: "Die Anforderungen an Redakteure sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Statt nur den Text zu schreiben und das Bild auszusuchen, muss sich der Redakteur auch darum kümmern, dass der Artikel gelesen wird. Das ist eine gewaltige Veränderung des Berufes."

Transparenz ist die neue Objektivität

Von den Arbeitsbedingungen für Journalisten und der branchenüblichen Diskussion über die Copy-Paste-Abwärtsspirale war der Weg zum Thema Transparenz nicht weit. Besonders die Presseagenturen wurden zum entzweienden Punkt im sonst einstimmig geführten Gespräch. Markus Kienast von ichmachpolitik.at provozierte mit seiner Argumentation aus Sicht eines Bloggers, in welcher er eine Zukunftsvision des allgegenwärtigen Bürgerjournalisten ins Spiel brachte, der einst die Arbeit von Presseagenturen obsolet erscheinen lassen könnte. Turnheim verteidigte daraufhin vehement die neutrale und wichtige Position der Agentur- und Medieninformation, woraufhin Gerlinde Hinterleitner die vermittelnde Rolle der Transparenz ins Spiel brachte und diese als die neue Objektivität deklarierte. Brodning dazu: "Der Unterschied von herkömmlichen Web 2.0-Usern und Journalisten ist der fundierte Blick und die tiefere Analyse. Bei der schnellen Berichterstattung ist der Unterschied nicht so groß."

Hochqualifizierte Online-Redakteure

Als eine der wichtigen Aufgaben für die Zukunft beschwor Hinterleitner die datenforensischen Praktiken ausländischer Medien: "Journalisten müssen auf der Höhe der Zeit sein und sich mit Techniken wirklich beschäftigen. Wenn wir uns den 'Guardian' ansehen, wissen wir, welche enorme Sprengkraft etwa Datenjournalismus haben kann - was wir hier gemeinsam mit den Bürgern schaffen können!"
Turnheim unterstützte diesen Vorschlag voll und ganz und mahnte, dass sich Österreich trotz früh angesetzter Bestrebungen gegenüber Deutschland und dem angelsächsischen Raum stark im Hintertreffen befinden würde. Turnheims Schlussfolgerung: "Wer filtert mir da die Nachrichten? Wer bereitet die auf? Wer hat Zeit, das zu recherchieren? Webseiten leben heute alle davon, dass sich permanent etwas verändert. Für diese Flut an Information brauchen wir hochqualifizierte Online-Journalisten!" (tara/derStandard.at/14.11.2011)

  • New Media Journalism Award für "innovativen Einsatz" und den "interaktiven Möglichkeiten für die User": "Supertaalk"-Redaktion und ÖJC-Jury.
    foto: öjc/hannes hochmuth

    New Media Journalism Award für "innovativen Einsatz" und den "interaktiven Möglichkeiten für die User": "Supertaalk"-Redaktion und ÖJC-Jury.

  • Die Sendung ansehen: Dieter Zirnig (neuwal.com) moderierte, es diskutierten ÖJC-Präsident Fred Turnheim, derStandard.at-Chefin Gerlinde Hinterleitner, "Falter"-Journalistin Ingrid Brodnig und Markus Kienast (ichmachpolitik.at).

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