Es ist niemals dasselbe

Leserkommentar13. November 2011, 20:03
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Über semantische Unschärfen bei "dasselbe" und "das gleiche"

Wir haben es alle in der Schule gelernt: "Dasselbe" bezeichnet Individualidentität, also den Bezug auf ein einzelnes Ding wie zum Beispiel den silbernen Audi A4, der am 11.11.2011 um 11:11 Uhr MEZ unter der Autonummer W 34567 Z angemeldet war. Wenn wir beide einen Skoda Fabia Baujahr 2007 besitzen, haben wir das gleiche Auto. Das nennt man Gattungsidentität.

So weit, so klar. Wenn wir beide in meinem (also im selben) Auto zur Operngarage fahren, um dort zu parken, haben wir bezüglich des Endpunktes der Fahrt automatisch auch dasselbe Ziel. Wie ist das nun, wenn wir mit dem gleichen Auto (dem Fabia BJ 2007) zur Operngarage fahren um dort zu parken? Hier hängt die korrekte Semantik bereits von der Definitionsgenauigkeit des "Ziels" ab: schließlich stehen unsere Autos zwar am Ende der Fahrt beide in der Operngarage. Aber Sie stehen vielleicht auf B43 und ich auf E118. Also eindeutig auf verschiedenen Stellplätzen. Was bei der Suche nach dem Auto durchaus von Bedeutung ist.

Möglicherweise wird der gleiche Kuchen herauskommen, nie derselbe

Oder ein anderes Beispiel: Wir backen einen Gugelhupf, und zwar nach dem Rezept in Plachuttas "die gute Küche": Wir backen bei erster Betrachtung nach demselben Rezept ("Marmorgugelhupf" in diesem Kochbuch), es wird aber immer nur der gleiche Gugelhupf herauskommen, niemals derselbe (ich weiß ein Lied davon zu singen). Was aber, wenn Sie die erste Auflage und ich die dritte Auflage haben und Plachutta das Rezept geändert hat? Oder wenn wir beide ein Exemplar derselben Auflage besitzen, aber in meinem Exemplar genau auf der Seite ein winziges Tröpfchen ist, das wie ein Komma aussieht, sodass ich statt 200g nur 20,0g Zucker nehme? Dasselbe Rezept? Mitnichten!

Nun gut, das ist trotzdem noch relativ einfach vorstellbar und Individualität ist leicht feststellbar: Ihr Gugelhupf ist flaumig, hat Körper und riecht wunderbar, während meiner ein sitzen gebliebenes Häufchen verbrannten Elends ist. Was aber, wenn der Bezugsgegenstand eben kein solcher ist, sondern nur ideell vorliegt, wie zum Beispiel das indirekt festgestellte Ergebnis eines (bio)chemischen oder physikalischen Experiments?

Mediziner, Molekularbiologen, Computertechniker und verliebte Köche wissen aus Erfahrung: Es ist niemals dasselbe. Oder doch? Hier ist der Bezugsraum und die Definitionsgenauigkeit ausschlaggebend (und die sprachliche Verwirrung im Alltag - so scheint es zumindest - nicht auflösbar).

Ein Beispiel: Ein Patient mit einem Blutdruck von 150/95 wird nacheinander mit zwei verschiedenen Antihypertensiva behandelt. Bei beiden sinkt der Blutdruck auf 120/80. Ist das Ergebnis dasselbe? Wenn man die Blutdruckwerte als einzigen Parameter betrachtet, ja. Nur wurde der Patient bei Behandlung mit dem Betablocker impotent, mit dem ACE-Hemmer hustet er die ganze Nacht. Auf die Lebensqualität bezogen also durchaus nicht dasselbe Ergebnis.

Oder: Wenn ich in meinen Bücherregalen Thomas Bernhards "Gehen" suche und nicht finde, kann man, so scheint es, ruhigen Gewissens sagen: Das Ergebnis meiner Suche ist dasselbe, ob ich es nun nicht finde, weil ich es mit Himbeersirup übergossen und weggeschmissen habe oder weil ich nicht unter dem Sofa nachgeschaut habe. Ich kann das Buch nicht lesen. Wenn ich das Buch lesen will, sind die Auswirkungen aber durchaus unterschiedlich: Ich suche 5 Minuten weiter und finde das Buch unter dem Sofa oder ich muss es neu kaufen. Das ist nicht dasselbe. Nicht einmal das gleiche. Obwohl ich am Ende wieder das gleiche Buch mit hoffentlich demselben Inhalt habe. Wenn auch mit anderer Druckerschwärze auf anderem Papier gedruckt. Puh!

Je unschärfer die Experimentalbedingungen und der Bezugsraum definiert sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass es sich um dasselbe Ergebnis handelt. Wenn im CERN derselbe Wissenschaftler mit derselben Apparatur das gleiche Experiment mehrmals ausführt, wird er niemals dasselbe Ergebnis erhalten. Die Quantenunschärfe wird es gar nur mit enorm geringer Wahrscheinlichkeit zulassen, dass er auch nur das gleiche Ergebnis erhält. Und wenn ihm die Detektoren tatsächlich die gleichen numerischen Ergebnisse liefern, kann er abhängig von der Art des Experiments nicht in jedem Fall feststellen, ob sie auf dem gleichen (oder demselben?) Weg zustande gekommen sind. (Dass es derselbe Weg war, kann man genau genommen in diesem Fall eben aufgrund der Quantenunschärfe ausschließen, weil in diesem Maßstab keine Individualidentität herrschen kann).

Diese Unschärfen sind der Grund, warum in der Wissenschaft (egal ob Natur- oder Geisteswissenschaft) Präzision in der Parameter-Definition unabdingbar ist. Und wo dies nicht möglich ist, z.B. weil es wie in der medizinischen Forschung (derzeit) unmöglich ist, alle Parameter zu kennen geschweige denn zu berücksichtigen und zu erfassen, werden auch numerisch identische Ergebnisse niemals dieselben sein.

Und lesen Sie jetzt denselben Artikel wie Ihr Nachbar an seinem PC? Oder nur den gleichen? (Leser-Beitrag, Peter Gründler, derStandard.at, 13.11.2011)

Autor

Peter Gründler, Jahrgang 1959, studierte Biologie und Biochemie und ist als selbständiger Wissenschaftsübersetzer in Wien tätig.

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