"Ich bin stolz auf meine Leistung"

13. November 2011, 19:43
9 Postings

Selbsteinschätzung und Realität lagen bei Silvio Berlusconi schon immer weit auseinander. Jetzt ist der Italiener, der den Schein liebt und Politik als Reality-Show inszenierte, über sich selbst gestolpert - und das Land mit ihm.

Seinen Abgang hatte sich Silvio Berlusconi anders vorgestellt. Er war davon überzeugt, als "weitaus bester Regierungschef seit der Gründung Italiens" in die Geschichte einzugehen: "Man wird mir Denkmäler errichten." Stattdessen musste der 75-Jährige am Freitag den römischen Quirinalspalast durch den Hinterausgang verlassen, das blasse Gesicht zur Maske erstarrt, verfolgt von "In galera, in galera"-Sprechchören Tausender, die ihn im Gefängnis wissen wollen.

Seine maßlose Selbstüberschätzung hat Berlusconi schon immer dazu verführt, sich mit den Protagonisten der Weltgeschichte in eine Reihe zu stellen. Er verglich sich mit Napoleon und Jesus, war in der Schule der Beste, als Milan-Präsident unerreicht, als Unternehmer der erfolgreichste: "Nur Bill Gates kann mich in den Schatten stellen."

Bei seinem Einstieg in die Politik vor 18 Jahren galt der Medientycoon Millionen Italienern durchaus als Hoffnungsträger. Das traditionelle Parteiensystem war im Korruptionssumpf versunken, die allmächtige Democrazia Cristiana hatte sich aufgelöst. Ein erfolgreicher Unternehmer - so glaubten viele - könne mit den Missständen italienischer Politik aufräumen und dem Land den nötigen Reformschub verpassen. Seine in wenigen Wochen aus dem Boden gestampften Partei nannte Berlusconi nach dem Slogan der Fußballfans Forza Italia.

Als Medienunternehmer hatte er schnell begriffen, dass die Politik nicht an ihren realen Erfolgen, sondern an ihrem Unterhaltungswert gemessen wird. Was nicht über den Bildschirm läuft, ist für Berlusconi uninteressant. Seine Fernsehanstalten waren der Nährboden seines politischen Erfolgs. Die seichte TV-Kultur, mit der er die Halbinsel überschwemmte, machte die Italiener zu einem Volk von Voyeuren und Selbstdarstellern, ließ jede 16-Jährige von einer Karriere als Showgirl träumen. In der Scheinwelt seiner Soap-Operas zählte Intellekt wenig und nackte Haut viel.

Der Cavaliere passte sich dieser Welt an, glamourisierte politische Langeweile durch Skandale, Entgleisungen, Affären, Schmuddelgeschichten. In der bizarren Reality-Show der italienischen Politik trat er als Hauptdarsteller auf - mit maskenhaftem Make-up, transplantiertem Haar, Plateauschuhen und gekünstelter Jugendlichkeit. Weil ihn nicht die Realität faszinierte, sondern der Schein, wurde er zum Gefangenen der von ihm geschaffenen Welt und seiner Selbstsuggestionen. Angetreten, um unternehmerischen Geist und Effizienz in die Politik zu tragen, schaffte er Italiens Klientelwesen keineswegs ab, sondern belebte es und nutzte es zu seinem Vorteil.

Visionen ohne Taten

Berlusconi hat keine seiner populistischen Visionen realisiert - weder die von ihm proklamierte liberale Revolution noch die Erneuerung des erstarrten Landes, weder die oft angekündigte Steuersenkung noch die Halbierung der Arbeitslosenzahl, weder den Bau von Großprojekten wie die Brücke nach Sizilien noch die Modernisierung des rückständigen Südens. Sein im Mailänder Dialekt formuliertes Motto Ghe pensi mi (Überlasst das mir) täuschte Aktivität vor, wo in Wirklichkeit Stillstand herrschte.

Zur Mythologisierung der eigenen Person scheute der Premier keinen Aufwand. Millionen Haushalte überschwemmte er mit Farbbroschüren, die ihn als fürsorglichen Familienvater und von seinen Bediensteten geliebten Unternehmer präsentierten. Wer seine Überschätzung nicht teilte, wurde als Feind betrachtet.

Zur Presse hatte der stets nach Huldigung trachtende Premier ein gestörtes Verhältnis. Er appellierte an die Bürger, keine Zeitungen zu lesen, forderte die Unternehmer öffentlich auf, nicht in regierungskritischen Zeitungen zu inserieren, degradierte das Staatsfernsehen Rai zu einem seichten Berieselungssender nach dem Vorbild seines Mediaset-Konzerns. Der meistgehasste Moderator Michele Santoro musste weichen, obwohl seine politische Talkshow Einschaltquoten von sieben Millionen erreichte.

Das Parlament, Schauplatz des verachteten "teatrino politico", wurde vom Cavaliere entmündigt. Der geschichtsträchtige Palazzo Chigi, Amtssitz aller italienischen Regierungen, schien ihm unangemessen. Er regierte das Land aus seiner 145-Zimmer-Villa in Arcore und aus seiner römischen Privatresidenz Palazzo Grazioli. Politische Inhalte betrachtete er stets als Nebensache, wesentlich war die Verpackung.

Die Gründung seiner Partei Popolo della Libertà verkündete er vom Trittbrett seiner Limousine auf der Mailänder Piazza San Babila - wie immer im Alleingang. Wer sich wie Gianfranco Fini widersetzte, wurde gefeuert. Seine in Italien als "partito di plastica" verspottete Partei ähnelt einer Interessengemeinschaft zur Machtausübung und Postenvergabe. Nur die Allmacht des Cavaliere konnte das Konglomerat aus Postfaschisten, Katholiken, Liberalen, rechten Ultras, Republikanern und Sozialisten zusammenhalten.

"Er ödet an"

Nun ist der Blender und von seiner Eitelkeit Geblendete gestrauchelt. Sein Land hat er an den Rand des Abgrunds geführt. Seine Bettgeschichten haben längst die Qualität von Groschenromanen erreicht. "Er besticht nicht mehr, er empört nicht mehr, er ödet an", urteilt La Stampa. Jetzt droht ihm, was er durch unzählige Sondergesetze verhindern wollte: die Verurteilung wegen Korruption. Doch mit der Realität hat Berlusconi, der nun wieder den Posten als Milan-Präsident anpeilt, auch nach dem Sturz Mühe: "Ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe." (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD-Printausgabe, 14.11.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Prost auf den Abgang des Cavaliere: Italiener feiern vor dem Präsidentenpalast in Rom in der Nacht auf Sonntag ausgelassen den Rücktritt des ungeliebten Premiers.

Share if you care.