Rote Hardlinerin auf dem Weg nach oben

13. November 2011, 18:50
3 Postings

Oskar Lafontaine (68) hat eine neue Lebensgefährtin. Und? Ist doch Privatsache, mag so mancher denken. Nicht ganz. Denn der Doppel-Ex-Parteichef (SPD und Linke) zählt immer noch zu den schillerndsten Politikern in Deutschland. Und die Frau, mit der "Lafo in love" ist, wie die deutschen Medien ebenso verzückt wie ausführlich vermelden, ist auch kein politisches Mauerblümchen.

Im Gegenteil: Sahra Wagenknecht (42) ist so ziemlich die bekannteste deutsche Linkspolitikerin. Dass die beiden gemeinsam nicht nur Karl Marx lesen, wurde schon länger in Berlin gemunkelt. Jetzt erklärte Lafontaine bei einem Parteitag überraschend, dass man zusammen sei.

Uns so fügt sich - nach dem Motto links und links gesellt sich gern - das Politische mit dem Privaten in nicht unlogischer Weise zusammen. Lafontaine nämlich ist seit langem Mentor der streitbaren Wagenknecht.

Nicht, dass sie Förderer nötig hätte. Das "schönste Gesicht des Sozialismus", wie sie genannt wird, boxte sich immer schon allein durch. Im ostdeutschen Jena liest sie im Kindergarten lieber, als mit den anderen Kindern zu spielen. Als 1989 die Mauer fällt, lebt sie in Ostberlin, geht aber gar nicht erst nach draußen, sie ist ganz in Kants Kritik der reinen Vernunft vertieft.

Politisch ist sie nach der Wende ein Überbleibsel. Rein formal, weil sie in der DDR noch der SED (Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands) beigetreten war. Auch politisch bleibt sie im Gestern. Während aus der SED die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) hervorgeht und sich die ersten Genossen zu Realos wandeln, führt Wagenknecht die "Kommunistische Plattform" an.

Kühl und rhetorisch gewandt vertritt sie ihre These: Der Kapitalismus ist das falsche System, Banken, Wasser- und Energieversorger müssen verstaatlicht werden. Wie Lafontaine setzt sie auf Fundamentalopposition. Dennoch beginnt sich Wagenknecht zu wandeln. Nicht äußerlich, da bleibt sie ihrer Rosa-Luxemburg-Frisur treu. Aber sie lobt die DDR nicht mehr als das bessere Deutschland, verharmlost die Berliner Mauer nicht mehr als "notwendiges Übel".

So robbt sie sich von links außen nach oben: Sie ist jetzt schon Vize-Chefin der Fraktion und der Partei. In den deutschen Talkshows hat sie dank ihres Fachgebiets (Finanzen) zurzeit Hochkonjunktur. 2012 wolle sie Linken-Chefin werden, munkeln viele. Nein, erwidert Wagenknecht. Man glaubt es ihr nicht. (Birgit Baumann, DER STANDARD-Printausgabe, 14.11.2011)

Share if you care.