Jagd auf Auslands­vermögen der Griechen beginnt

13. November 2011, 18:03
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Die Nationalbank übergab der Steuerpolizei eine Liste mit 725 Namen von Personen, die Millionenbeträge ins Ausland geschafft haben sollen

Athen/Wien - Ganze sechs Stunden dauerte das letzte Verhör von Matoula Kanaki. Der Verdächtige, den die Fahnderin der griechischen Steuerpolizei in die Mangel nahm, war Anwalt in Athen. Er war Kanaki bei einer Kontrolle aufgefallen. Die Eingänge auf seinem Konto waren doppelt so hoch wie sein offizieller Verdienst. Kanaki bestellte ihn zur Befragung. Der Mann wurde laut, beschimpfte sie. Dann weinte er und gestand, zehn Jahre lang Steuern hinterzogen zu haben. Er muss 500.000 Euro nachzahlen.

Seitdem Athen Milliardenkredite von der Eurozone erhält, hat die Arbeit von Inspektorin Kanaki Bedeutung für ganz Europa. Denn alle Bemühungen zur Stabilisierung des Landes sind umsonst, wenn sich die Steuermoral der Griechen nicht bald bessert.

Der Sitz der Steuerpolizei SDOE liegt am Stadtrand Athens. Wer verstehen will, vor welcher Mammutaufgabe Griechenland steht, muss mit Nicos Lekkas sprechen. Der grauhaarige Herr ist Chefplaner der SDOE. Er entscheidet, wo und wann welche Steuerprüfungen stattfinden.

43.000 Kontrollen haben seine Leute heuer durchgeführt. In mehr als der Hälfte der Fälle entdeckten sie hinterzogene Gelder. Gesamtwert: vier Milliarden Euro. Seitdem der Währungsfonds und die EU-Kommission in Athen das Sagen haben, hat die Finanzpolizei ihre Arbeit intensiviert. Die wichtigste neue Waffe der SDOE ist ein Gesetz, das den Steuerfahndern seit September 2010 ermöglicht, ohne richterliche Anordnung Einsicht in Konten zu nehmen. 4000 mal wurde die Kontenöffnung beantragt. In Griechenland arbeitet jeder Dritte als selbständiger Unternehmer. Unter ihnen ist Abgabenhinterziehung besonders verbreitet. Die SDOE nimmt daher systematisch Kleinunternehmer wie Handwerker und Anwälte unter die Lupe.

Während die Kontrollen im Inland verschärft wurden, bereiten den Fahndern Auslandskonten reicher Griechen mehr Probleme. Die Nationalbank hat der SDOE vor Kurzem eine Liste mit 725 Personen übergeben, die in den vergangenen zwei Jahren mehr als eine Million Euro ins Ausland transferiert haben. 71 auf der Liste haben mehr als zehn Millionen verschoben. "Einige werden das Geld überwiesen haben, weil sie den griechischen Banken nicht trauen. Doch wir gehen davon aus, dass die Mehrzahl der 725 Abgaben hinterzieht. Wir versuchen erstmals, an dieses Geld heranzukommen", sagt Lekkas.

Allerdings ist das schwer. Derzeit steht nicht einmal fest, wo die Gelder gebunkert werden. Ein Teil wird in Steueroasen, wie der Schweiz vermutet. Außerdem ist die Kooperation mit den ausländischen Behörden langwierig. In Athen wird daher über eine Amnestie diskutiert: Wer sein Geld in die Heimat zurückbringt, soll ohne Strafen davonkommen.

Die SDOE verbringt zudem viel Zeit damit, die internen Kontrollen zu verschärfen, was auf eine gewisse Korruptionsanfälligkeit hindeutet. Dazu kommt, dass die Bearbeitung der Kontoöffnungen im Inland lange dauert. Drei bis sechs Monate brauchen die Banken um auf Anfragen der SDOE zu antworten. Und: Die aufgeflogenen Fälle von Steuerbetrug mehren sich, gestraft wird aber kaum. Lekkas kann 2011 keinen einzigen Fall nennen, wo jemand wegen Abgabenverkürzung vor Gericht gelandet wäre.

So lässt auch der Sinneswandel auf sich warten. "Die Menschen wissen, dass es ohne Steuern nicht geht. Aber immer noch denken viele: Jeder soll zahlen, außer ich selbst", sagt der SDOE-Inspektor Nicolas Maitos. Macht ihn das nicht wütend? "Es gibt zwei Arten von Steuersündern: Die einen haben einen provokant luxuriösen Lebensstil und wollen nicht zahlen. Die anderen können es sich wegen der Krise nicht mehr leisten. Für die hat man ein gewisses Verständnis." Der Anwalt, dem die Nachzahlung von einer halben Million aufgebrummt wurde, zählt zur zweiten Kategorie. Er hat zehn Jahre Steuern hinterzogen. Dann kam die Krise. Seine Kontoauszüge belegen, dass er inzwischen pleite ist. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 14.11.2011)

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    Dunkle Kanäle, Schattenwirtschaft: Athen bläst nun zur Jagd auf Steuerflüchtlinge.

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