Das Adrenalin, der Realismus, die Vorfreude

13. November 2011, 17:51
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Für Marcel Koller wäre es der "helle Wahnsinn", würde im ÖFB-Team schon alles funktionieren

Wien - Teamchef Marcel Koller ist kein Messias. Das hat der Schweizer auch nie von sich behauptet, Größenwahn liegt im fern. Seit der Bestellung Anfang Oktober durch ÖFB-Präsident Leo Windtner und den reflexartigen Rülpsern von frustrierten Ex-Internationalen und Trainern ist das Vertrauen der Nation enorm gewachsen. Sie träumt von warmen Eislutschern und der WM-Teilnahme 2014 in Brasilien. Dabei arbeitet Koller nur. Und zwar professionell. Je näher das Spiel gegen die Ukraine in Lemberg rückt, am Dienstag ist es so weit, desto häufiger legt er auf die Feststellung Wert, kein Wunderwuzzi zu sein. "Obwohl die hohe Erwartungshaltung grundsätzlich positiv ist."

Der 51-Jährige hat es immerhin geschafft, dass auch nach einer nicht auszuschließenden Niederlage eine neuerliche Trainerdiskussion völlig illusorisch ist. Die Ukraine ist die Nummer 58, Österreich rangiert in der Weltrangliste auf Platz 72. Die Ukraine hat am Freitag in Kiew Deutschland immerhin ein 3:3 abgetrotzt. Koller erwähnt ganz beiläufig: "Wir sind die Kleinen."

Er nimmt sich Zeit, obwohl er gar keine hat. Er habe das Gefühl, Vereinstrainer zu sein. "Auch da war ich von morgens bis abends vollgepackt. Ich bin gar nicht dazugekommen, Nervosität zu spüren. Aber ich bin überzeugt, dass eine positive Anspannung noch kommen wird. Eine Stunde vor Anpfiff. Ich bin voller Adrenalin und Zuversicht. Aber darum geht es nicht, das kann nicht das Thema sein." Die Ukraine ist natürlich schon Thema, aber gar nicht so sehr. "Wir müssen auf uns schauen, wir müssen den Spielern unsere Ideen näherbringen."

Joachim Löw hat spaßhalber ein 3-5-2-System probiert, die Deutschen wurden von den Ukrainern klassisch ausgekontert. Den Österreichern droht diese Unbill kaum, Teamchef Oleg Blochin wäre ein Narr, würde er die Spielgestaltung total ablehnen. Koller hat das in Österreich gebräuchliche Wort "bisserl" intus. "Vielleicht spielen wir ein bisserl so wie die Ukraine." Und er bittet um Geduld, die einem im Fußballgeschäft zwar kaum gewährt wird, "die man aber unbedingt braucht. Man wird das eine oder andere sehen, aber sicher nicht alles. Es wäre ja der helle Wahnsinn, würde schon alles funktionieren. Man kann den Spielern nicht das Gefühl vermitteln, gleich alles erledigen zu müssen. Das würde nur zu Hektik führen."

Aufstellung fast fix

Vermutlich kennt Koller bereits seine Startformation, er gibt sie aber nicht preis, die Öffentlichkeit hat sich zu gedulden. "Die Kleinen dürfen nicht alles verraten." In den zahlreichen, durchwegs öffentlichen Trainingseinheiten agierte Franz Schiemer als rechter Verteidiger, die restliche Viererkette bestand meist aus Sebastian Prödl, Emanuel Pogatetz und Christian Fuchs. Im Mittelfeld agierten Martin Harnik, David Alaba, Julian Baumgartlinger und Andreas Ivanschitz (von rechts), für Tore sollen Marko Arnautovic und Marc Janko sorgen, wobei die anderen natürlich auch treffen dürfen. Und es wird ein Mann im Tor stehen, möglicherweise debütiert Heinz Lindner.

Für Kapitän Janko ("Ich brauche dieses Amt nicht für mein Ego") ist es eine Ehre, neben Arnautovic "stürmen zu dürfen". Die Arbeit mit Koller funktioniere. "Weil er klare Strukturen vermittelt. Die Vorfreude auf das Spiel ist groß." Pogatetz teilt diese Ansichten, schränkt aber ein: "Wir haben uns völlig zu Recht nicht für die EM qualifiziert, reisen als Außenseiter in die Ukraine." (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 14.11.2011)

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    Kapitän Marc Janko läuft nicht nach Lemberg, er fliegt.

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