"Wir sind irrsinnig schwach im Erkennen von Talenten"

Interview
13. November 2011, 17:32
  • Sebastian Kurz ärgert sich über die Ideologiedebatte und spielt dennoch 
mit: Eine Gesamtschule wird's nicht geben, sagt er.
    foto: standard/cremer

    Sebastian Kurz ärgert sich über die Ideologiedebatte und spielt dennoch mit: Eine Gesamtschule wird's nicht geben, sagt er.

Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz glaubt, dass die Bildungsdebatte am Thema vorbeiläuft - Es werde nur über Ideologien diskutiert, am Unterricht in der Praxis ändere sich seit Jahren nichts

STANDARD: Wie bildungsfeindlich ist die ÖVP? Hannes Androsch ortet in der ÖVP die "Bildungsignoranten und Verhinderer".

Kurz: Der ÖVP ist Bildung extrem wichtig. Ich bin Obmann der Jungen ÖVP, Bildung ist eines unserer Kernanliegen. Wir haben aber einen Wunsch, nämlich, dass die Debatte anders geführt wird. Es ist längst überholt, über Türtaferln zu diskutieren. Man sollte endlich drüber reden, was spielt sich in der Schule ab, welche Lehrmethoden setzt man ein und was fehlt an Berufs- und Studienorientierung.

STANDARD: Das deckt sich doch ohnedies mit den Anliegen des Bildungsvolksbegehrens.

Kurz: Ich habe am Wochenende im STANDARD gelesen, das Volksbegehren sei der nächste Schritt auf dem Weg zur Gesamtschule, sagt Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Diese Diskussion ist doch überholt, es geht nicht darum, wie man die Dinge benennt und ob sich die SPÖ oder die ÖVP durchsetzt. Wir haben nach der AHS viele Leute, die ins Studium strömen und keine Ahnung haben, was sie erwartet. Das Gleiche gilt für Lehrberufe. Da bewerben sich junge Menschen und haben keine Ahnung vom Beruf. Wir sind irrsinnig schwach im Erkennen von Talenten. Ein zweiter wesentlicher Punkt: Wir haben jedes Jahr zehntausend Jugendliche, die das Schulsystem verlassen, ohne auch nur einen Hauptschulabschluss zu haben. Da beginnt das Problem schon viel früher, in der Volksschule, im Kindergarten.

STANDARD: Das argumentieren die Proponenten des Volksbegehrens ganz ähnlich.

Kurz: Ich habe ja niemandem widersprochen. Einen Schüler interessiert weder die Akademikerquote noch der Name seines Schultyps. Ihn interessiert die Qualität seines Unterrichts. Und die verbessert sich offenbar nicht.

STANDARD: Das soll die Neue Mittelschule beheben, sagt Schmied.

Kurz: Die Ministerin spielt doch nur Schultypen gegeneinander aus. Jetzt sollen die Gymnasien ausgehungert werden. Aber am Unterricht ändert sich nichts. Das Problem ist, dass wir eine rein ideologisierte Bildungsdebatte führen, an der Praxis vorbei.

STANDARD: Haben Sie das schon Ihren Parteikollegen gesagt?

Kurz: Da können sich alle an der Nase nehmen. Aber jetzt träumt die Bildungsministerin schon weiter von der Gesamtschule, obwohl sie weiß, dass es von der ÖVP da keine Zustimmung geben wird.

STANDARD: Das könnte man bei einem Bildungsgipfel besprechen, den Androsch gefordert hat.

Kurz: Man soll ruhig einen Bildungsgipfel machen. Aber das ist alles ganz weit weg von dem, was sich in der Realität abspielt. Da wird auf allen Ebenen diskutiert, aber der Alltag ändert sich nicht. Mir geht diese Ideologiedebatte schon so auf die Nerven. Ich mag bei diesem Retrospiel nicht mitspielen. Es geht darum, dass sich in der Schule etwas ändert. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2011)

SEBASTIAN KURZ (25) ist seit 2009 Obmann der Jungen Volkspartei und seit April 2011 Integrationsstaatssekretär. Er ist am 16. November bei "Zukunft am Wort" im Wiener Museumsquartier zu Gast.

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irsinning und schwach ja! Nicht nur im Erkennen...

schwach

im erkennen von talenten? da wuerd ich an seiner stelle fragen, warum er so jung schon in höchsten ämtern sitzt?

DIe ÖVP hat halt eine Schwäche für völlig anhnungslose Fönfrisuren

es gilt die USV

Obwohl ich von der anderen Fraktion bin:

den halte ich für begabt!

[Einen Schüler] interessiert die Qualität seines Unterrichts.

Das bestreite ich. Das wichtigste aus der Sicht einer Schülerin oder eines Schülers ist, wo die Freunde hingehen und wo die Bullies hingehen, die einen schikanieren.

Wenn man mittelmäßigen Schülern sehr gute Lehrer vorsetzt, werden auch die Schülerleistungen sehr gut.

Warum werden die jungen Menschen immer so negativ dargestellt? Das ist doch eine entsetzliche Unsitte, so als hätte Österreich fast ausschließlich eine no future Generation.

Soziales Umfeld vs. Inhalte

Warum sollte das soziale Umfeld nicht wichtig sein? Würden Sie gerne wo arbeiten, wo Sie von Ihren KollegInnen andauernd schikaniert werden? Warum sollte man das SchülerInnen zumuten? Glauben Sie im Ernst, man kann sich auf Inhalte konzentrieren, wenn man sich andauernd angegriffen fühlt?

Ob Bullying und Mobbing häufig sind, hängt wesentlich von den Lehrern ab.

Und falls ich recht gehe in der Annahme, dass sie damit auf die Angst vor Unterschichtkindern und Migranten anspielen: Denken Sie bloß nicht, in Gymnasien und Privatschulen gäbe es kein Bullying und Mobbing.
Umgekehrt gibt es viele gut geführte Klassen an VS und HS. Ich habe zB schon eine 4. Klasse HS im 10. Bezirk und eine im 12. Bezirk erlebt, in der die Klassengemeinschaft und der Umgang miteinander ohne Übertreibung absolut traumhaft war (hätte ich mir für meine AHS auch gewünscht).

In Deutschland wurde zB für Gymnasien und Mittelschule festgestellt, dass der Anteil jener Schüler, die Opfer von Gewalt durch Mitschüler werden, genau gleich groß ist.

Bullying im Gymnasium

Mir brauchen Sie nichts von Bullying im Gymnasium erklären. Aber aus persönlicher Erfahrung kann ich berichten, dass man durch geschickte Schultypenwahl doch zumindest einen Großteil besonders ungeliebter Zeitgenossen loswerden kann. Für mich war das jedenfalls der Grund, ab der 3. Klasse Latein zu lernen, obwohl ich mich schon damals mehr für Technik interessiert hatte.

Das Unterstufengymnasium ist der kosteneffizienteste und erfolgreichste Schultyp Österreichs, das weiß jedes Kind.
Voraussetzung: Schüler, die Deutsch können und deren Eltern sie nicht wohlstandsverwahrlosen lassen.
Die Schüler, die zu untaltentiert UND zu faul sind, können meinetwegen in eine Neue Mittelschule gehen und sich dort ihre unverdienten "Sehr gut" abholen und dann erkennen, dass die Zeugnisse der NMS nicht einmal das Recyclingpapier wert sind, auf denen sie gedruckt wurden.

Von wegen effizient!

Nehmen wir zB PISA 2006 Mathe her: Die besten 5% der Schüler in Ö erreichen gerademal 657 Punkte, in Finnland sind es 678 Punkte, in den Niederlanden 672.
Oder PISA 2006 Science: Die besten 5% in Finnland erreichen 700, in NL 675, in Ö 663 Punkte.

Fast ein Viertel der Schüler, die eine AHS-Unterstufe besucht haben, hat bei PISA in Mathe genauso schlecht abgeschnitten wie das beste Viertel der Hauptschüler, die in Mathe in der 3.(!) Leistungsgruppe eingestuft waren (vgl. Nationaler Bildungsbericht 2009)

1999 wurde für einen Schüler der Pflichtschulen 25% weniger ausgegeben als für einen Schüler der AHS, 2009 wurden für einen Schüler der AHS 2% weniger ausgegeben als für einen Schüler der Pflichtschulen.

Dass der Mathe-Unterricht schlecht ist,

weiß ich auch, aber dafür ist man in der AHS ein Jahr früher fertig als in der BHS und kann dann auf der TU richtige Mathematik lernen.

AHS sind tatsächlich effizienter, da hier noch immer bis zu 30 SchülerInnen in einer Klasse sitzen, und nur ein(e) LehrerIn vorne steht.

Nur wenn man die Pensionen bereits ausgeschiedener AHS-LehrerInnen miteinrechnet, kommt man auf Zahlen, nach denen die AHS ineffizient sind.

Könnten Sie das

irgenwie mit irgendwelchen Zahlen belegen? Würd mich wirklich interessieren, worauf Ihre Daten beruhen. Übrigens verdienen in meinem Bekanntenkreis die "ausgelernten Hauptschulabsolventen" meist mehr als die "Gymnasiasten/Studenten". Dieses 2-Klassen-Schulsystem-Denken gehört endlich durch die Neue Mittelschule vereinheitlicht - und Sie und Ihr Kommentar sind dafür der beste Grund. Es gibt kein "besser" oder "schlechter". Und faule Säcke gibt's auch auf der Donauuni Krems - die bekommen aber durch Kohle ihr "Degree".

Ich befürchte

...die Behauptung, die AHS-Unterstufe sei der erfolgreichste Schultyp Österreichs, beruht auf der Vernachlässigung folgender Tatsachen:

AHS werden überwiegend von Schülern besucht, die während der VS mehr Kompetenzen und Wissen erwarben als viele ihrer Mitschüler. Viele, die keine AHS besuchen, bringen mangelhafte Grundkenntnisse und Grundvorstellungen aus der VS mit.

Wegen des Gehalts entscheiden sich überwiegend jene für das HS-Lehramt, die Probleme hätten, ein Unistudium zu absolvieren. Der "intellektuelle Unterschied" zu den AHS-Lehrern ist so groß, dass die HS-Lehrer nicht nur fachlich, sondern auch fachdidaktisch schlechter sind als die AHS-Lehrer.

wenn man ihre ansicht interpretiert, würden wir uns noch mit trommeln verständigen

nur keinen fortschritt, jämmerlich

UrsulaSalzwimmer1

Ja genau!!!!
Es geht in erster Linie um eine gediegene Ausbildung der Lehrer!
Hatte zwei Kollegen mit Alkoholproblemen!
Weiß daher wovon ich rede!
Die Schüler waren "Gegner"!
Es kam zu keinem liebevollen Verhältnis, in dem es ausschließlich möglich ist, Schülern etwas beizubringen, sondern nur zu Aggressionen!

Ich bedaure, dass Sie zwei alkoholkranke Kollegen hatten. Das gibt es a) in anderen Berufen auch, b) ist das kein Grund, daraus irgendwelche allgemeinen Aussagen abzuleiten, die c) auch nur irgendwie auf die gesamtösterreichischen Verhältnisse zu extrapolieren wären.

In anderen Berufen werden Alkoholiker gekündigt, wenn der Zustand nicht mehr tragbar ist. (Kündigungsschutz gibt es nur noch, wenn man gerade in Karenz oder Elternteilzeit ist.)
Nur bei Lehrern zieht man keine Konsequenzen, wenn jemand die Dienstvorgaben nicht einhält.

Sehen Sie sich mal an, was in den Lehrplänen gefordert ist (nicht den Stoff, sondern didaktische, methodische und pädagogische Vorgaben!), und schätzen Sie ehrlich, wie viele Lehrer dem gerecht werden.

ja diese probleme gibt es auch in anderen sparten,

aber gerade in der pädagogik ein absoluter horror, das zeigt wie viel sie über das lernen wissen und verstehen

solange es in der Schule hauptsächlich ums Auswendiglernen und Reproduzieren geht wird sich nichts ändern.

ICh weiß nicht, wieviele hunderte und aberhunderte Stunden ich schon mit den Kindern verbracht habe in ihrer Schulkarriere, um Zeugs in Hirn zu stopfen für eine Prüfung, einen Test, eine Schularbeit, um den Krempel hinterher zu entsorgen. Momentan lern ma grad zig Bacherln, Bergerln und STeinchen auswendig für Geographie und für Bio einen haufen Zetteln (wozu gibts eigentlich überhaupt Schulbücher?) mit irgendwelchen Blüten, voriges Jahr warens die Anzahl der haxn der Biene und dutzende Bäumchen...

ach was ich hab damals schon in der schule

ein projekt durchgeführt wo es darum geht berufaussichten und weiterbildungensmöglichkeiten in den einzelen fächern anzubieten damit man weiss warum man dies und das lernt... aber was solls ....

übrigens gesetze gehören auch endlich angepasst an die nachfolgende generation... man sieht einfach wie langsam alles geht.. und klar verkomplizieren wir nur das staatssystem dann kommt eh keiner mehr mit was so beschlossen wird und wurde....

island lob ich mir die machen nun ne verfassung wo jeder mit machen kann das ist fein auch wenn nur wenige da mitmachen aber wenigstens gibs da ein angebot seitens der isländischen regierung...

übrigens wie wärs mit einer einkommensbeschränkung auf 3000 euro netto würd eh reichen oder ?

...er versucht wieder den ball zu fangen ...

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