"Wir sind irrsinnig schwach im Erkennen von Talenten"

Interview
  • Sebastian Kurz ärgert sich über die Ideologiedebatte und spielt dennoch 
mit: Eine Gesamtschule wird's nicht geben, sagt er.
    foto: standard/cremer

    Sebastian Kurz ärgert sich über die Ideologiedebatte und spielt dennoch mit: Eine Gesamtschule wird's nicht geben, sagt er.

Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz glaubt, dass die Bildungsdebatte am Thema vorbeiläuft - Es werde nur über Ideologien diskutiert, am Unterricht in der Praxis ändere sich seit Jahren nichts

STANDARD: Wie bildungsfeindlich ist die ÖVP? Hannes Androsch ortet in der ÖVP die "Bildungsignoranten und Verhinderer".

Kurz: Der ÖVP ist Bildung extrem wichtig. Ich bin Obmann der Jungen ÖVP, Bildung ist eines unserer Kernanliegen. Wir haben aber einen Wunsch, nämlich, dass die Debatte anders geführt wird. Es ist längst überholt, über Türtaferln zu diskutieren. Man sollte endlich drüber reden, was spielt sich in der Schule ab, welche Lehrmethoden setzt man ein und was fehlt an Berufs- und Studienorientierung.

STANDARD: Das deckt sich doch ohnedies mit den Anliegen des Bildungsvolksbegehrens.

Kurz: Ich habe am Wochenende im STANDARD gelesen, das Volksbegehren sei der nächste Schritt auf dem Weg zur Gesamtschule, sagt Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Diese Diskussion ist doch überholt, es geht nicht darum, wie man die Dinge benennt und ob sich die SPÖ oder die ÖVP durchsetzt. Wir haben nach der AHS viele Leute, die ins Studium strömen und keine Ahnung haben, was sie erwartet. Das Gleiche gilt für Lehrberufe. Da bewerben sich junge Menschen und haben keine Ahnung vom Beruf. Wir sind irrsinnig schwach im Erkennen von Talenten. Ein zweiter wesentlicher Punkt: Wir haben jedes Jahr zehntausend Jugendliche, die das Schulsystem verlassen, ohne auch nur einen Hauptschulabschluss zu haben. Da beginnt das Problem schon viel früher, in der Volksschule, im Kindergarten.

STANDARD: Das argumentieren die Proponenten des Volksbegehrens ganz ähnlich.

Kurz: Ich habe ja niemandem widersprochen. Einen Schüler interessiert weder die Akademikerquote noch der Name seines Schultyps. Ihn interessiert die Qualität seines Unterrichts. Und die verbessert sich offenbar nicht.

STANDARD: Das soll die Neue Mittelschule beheben, sagt Schmied.

Kurz: Die Ministerin spielt doch nur Schultypen gegeneinander aus. Jetzt sollen die Gymnasien ausgehungert werden. Aber am Unterricht ändert sich nichts. Das Problem ist, dass wir eine rein ideologisierte Bildungsdebatte führen, an der Praxis vorbei.

STANDARD: Haben Sie das schon Ihren Parteikollegen gesagt?

Kurz: Da können sich alle an der Nase nehmen. Aber jetzt träumt die Bildungsministerin schon weiter von der Gesamtschule, obwohl sie weiß, dass es von der ÖVP da keine Zustimmung geben wird.

STANDARD: Das könnte man bei einem Bildungsgipfel besprechen, den Androsch gefordert hat.

Kurz: Man soll ruhig einen Bildungsgipfel machen. Aber das ist alles ganz weit weg von dem, was sich in der Realität abspielt. Da wird auf allen Ebenen diskutiert, aber der Alltag ändert sich nicht. Mir geht diese Ideologiedebatte schon so auf die Nerven. Ich mag bei diesem Retrospiel nicht mitspielen. Es geht darum, dass sich in der Schule etwas ändert. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2011)

SEBASTIAN KURZ (25) ist seit 2009 Obmann der Jungen Volkspartei und seit April 2011 Integrationsstaatssekretär. Er ist am 16. November bei "Zukunft am Wort" im Wiener Museumsquartier zu Gast.

Share if you care