Anklage will Prozess im Mordfall Hariri hinauszögern

13. November 2011, 09:28

Geänderte Machtverhältnisse im Libanon erschweren Tätigkeit des UNO-Sondertribunals

Leidschendam - Die Anklagevertretung bei dem von den Vereinten Nationen eingesetzten Sondertribunal zur Aufklärung des Mordes an dem ehemaligen libanesischen Regierungschef Rafik Hariri hat eine Hinauszögerung des Prozesses um drei Monate beantragt. Bevor ein derart "kostspieliger" Prozess in Gang gesetzt werde, müsse geprüft werden, ob es möglich sei, der vier Angeklagten habhaft zu werden, sagte der Vertreter der Anklage, Iain Morley, am Wochenende. Von dem Tribunal, das seinen Sitz in Leidschendam in den Niederlanden hat, wurden vier Mitglieder der Schiitenorganisation Hisbollah zur Fahndung ausgeschrieben, deren Aufenthaltsort den libanesischen Behörden nach offiziellen Angaben nicht bekannt ist.

Der Prozess könnte zwar auch in Abwesenheit der Angeklagten - Mustafa Badr al-Din (Badreddine), Salim Ayyash, Assad Sabra und Hussein Anaissi (Oneissi) - geführt werden, räumte Morley ein. Sie hätten jedoch einen Anspruch darauf, dass das Verfahren neu aufgerollt werde, sollten sie ergriffen werden. Hintergrund für die Schwierigkeiten des Tribunals sind die veränderten Machtverhältnisse im Libanon, wo die Hisbollah mit ihren Verbündeten an der Regierung beteiligt ist, während sich das pro-westliche Bündnis von Hariris Sohn Saad in der Opposition befindet.

Sanktionen falls Libanon nicht zahlt

Die US-Regierung hatte dem Libanon zuletzt mit Sanktionen gedroht, falls Beirut seine Beiträge für das Gericht nicht zahlen sollte. "Wenn der Libanon seinen (49 Prozent der Kosten ausmachenden) Beitrag zur Finanzierung des 'Special Tribunal for Lebanon' (STL) nicht leistet, werden wir gezwungen sein, schwierige Maßnahmen zu treffen", sagte US-Unterstaatssekretär Jeffrey Feltman dem TV-Sender Al-Arabiya. Das STL war 2007 auf Beschluss des UNO-Sicherheitsrates eingerichtet worden und hatte 2009 die Arbeit aufgenommen. Es ist der erste Versuch, wegen eines terroristischen Attentats auf internationaler Ebene Recht zu sprechen. In einer Grundsatzentscheidung wurde statuiert, dass Terrorakte ebenso wie Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu behandeln sind. Attentate von Terrorgruppen könnten demnach künftig von internationalen Strafgerichtshöfen verfolgt werden.

Hisbollah: Tribunal "Fallbeil in den Händen Israels und der USA"

Die Hisbollah hatte erklärt, das Tribunal sei das "Produkt eines Komplotts" und ein "Fallbeil in den Händen Israels und der USA, um den libanesischen Widerstand zu köpfen" und Zwietracht zwischen den verschiedenen Konfessionen zu säen. Bei dem Anschlag auf den Konvoi Hariris im Februar 2005 in Beirut kamen der Politiker und 22 weitere Personen ums Leben. Zunächst hatte sich der Verdacht auf eine syrische Urheberschaft konzentriert. Syriens Militär zog sich nach der "Zedernrevolution", die durch den Mord ausgelöst wurde, im Frühjahr 2005 nach 29-jähriger Präsenz aus dem Libanon zurück. (APA)

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