Ein Leben für Fernsehen, Frauen und Politik

12. November 2011, 22:03
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Vom Staubsaugervertreter zum Medien-Zar und Regierungschef: Eine Karriere mit vielen Schattenseiten

Rom - Fernsehen, Frauen und Politik: In diesen drei Begriffen konzentrieren sich die Lebensinhalte des Großunternehmers und Medienfürsten Silvio Berlusconi, der seit fast zwei Jahrzehnten Italiens politische Szene dominiert. Der langlebigste und umstrittenste italienische Politiker seit der Nachkriegszeit reichte am Samstag seinen Rücktritt ein. Eine politische Epoche, die Italien zutiefst geprägt hat, und eine einmalige Karriere gehen zu Ende.

Der 1936 in Mailand als Sohn eines Bankangestellten geborene Berlusconi begann seine Laufbahn als Staubsaugervertreter und Conferencier auf Kreuzfahrtschiffen. Über die bescheidenen Verhältnisse seiner Jugendjahre erzählt der Medienmogul gern. Mit 25 Jahren hatte er den Doktortitel der Rechtswissenschaften der Universität Mailand in der Tasche und eine Riesenkarriere im Sinn. Im Jahr 1961 stieg er in die Baubranche ein. Er erwarb mit teils undurchsichtigen Bankkrediten in der Peripherie der expandierenden lombardischen Wirtschaftsmetropole Grundstücke, auf denen er Wohnsiedlungen errichtete. In der Folgezeit baute er ganze Stadtviertel auf.

Zwielichtige Freundschaften

Parallel dazu wurde der im Sternzeichen Waage geborene Berlusconi in den 70er Jahren in der Medienbranche aktiv. 1977 begann der "Cavaliere" - wie er sich als Träger des Verdienstordens "Ritter der Arbeit" nennen lässt - seine Karriere im Mediengeschäft. Nach und nach baute er sich ein Netz von privaten TV-Sendern auf, das bald mit Abstand zum größten seiner Art in Europa wurde. Dass er dabei von oft zwielichtigen Freundschaften in Politik und Finanzwelt profitiert habe, warf und wirft man ihm immer wieder vor. In den 80er Jahren stieg der Unternehmer auch ins Fußballgeschäft ein. Er erwarb den krisengeschüttelten Fußballclub AC Milan, den er in wenigen Jahren zu einer der stärksten europäischen Mannschaften machte.

"Hoppauf Italien"

Im Herbst 1993 begann der TV-Magnat schließlich seine politische Karriere. Er verzichtete darauf, sich persönlich um seine Holding Fininvest zu kümmern, deren Eigentümer er aber blieb, und gründete seine konservative Partei Forza Italia. Der Begriff stammt - bei Berlusconi kaum anders zu erwarten - aus dem Fußballjargon und bedeutet sinngemäß "Hoppauf Italien". 1994 gewann er die Parlaments- und Europawahlen an der Spitze einer Mitte-Rechts-Allianz. Wegen Konflikten zwischen ihm und seinen Koalitionspartnern brach das Bündnis aber nach knapp sieben Monaten auseinander.

Entgegen den Erwartungen seiner Gegner kehrte der stets siegessichere TV-Mann der Politik nicht den Rücken, sondern begnügte sich mit der Rolle des Oppositionschefs, während er seine Forza Italia und seine Allianz deutlich stärkte. Nach einer siebenjährigen "Durststrecke" konnte Berlusconi bei den Parlamentswahlen im Mai 2001 sein Comeback als Regierungschef feiern. Als erster italienischer Ministerpräsident in der republikanischen Geschichte Italiens blieb Berlusconi eine ganze fünfjährige Legislaturperiode im Amt. Eine Wiederwahl schaffte der Medienunternehmer bei den Parlamentswahlen 2006 jedoch nicht. Er blieb nur 25.000 Stimmen hinter seinem Gegner Romano Prodi, der aber nur 24 Monate im Amt blieb. 2008 gewann Berlusconi mit breiter Mehrheit erneut die Parlamentswahlen.

Prozesse und Justizreformen

Justizfragen überschatteten Berlusconis politische Karriere seit seinem Einstieg in die Politik. Der liberalkonservative Politiker, gegen den in Mailand drei Prozesse laufen, scheute kein Kräftemessen mit der Linken, um umstrittene Justizreformen durchzusetzen, mit denen er - behaupten seine Gegner - sich und seine Vertrauensmänner vor einer Verurteilung zu retten versuchte. Bisher wurde er jedoch entweder freigesprochen oder das Verfahren wurde wegen Verjährung eingestellt.

Sexskandale

In den letzten zwei Jahren ist der Mailänder in den Strudel einer unglaublichen Serie von Sex-Skandalen geraten, die sein internationales Image zunichte gemacht haben. Im Mai 2009 kündigte Berlusconis zweite Ehefrau Veronica Lario nach 20 Ehejahren die Trennung von ihrem Mann an. "Ich kann nicht bei einem Mann bleiben, der mit Minderjährigen verkehrt", sagt Lario. Hintergrund der Bemerkung ist die unklare Beziehung des Premierministers zur 18-jährigen Schülerin Noemi Letizia. In den darauffolgenden Wochen berichteten Medien ausführlich über Berlusconis Vorliebe für Partys mit blutjungen Frauen. 2010 leitete die Mailänder Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den Premier wegen Sex mit der 17-jährigen Nachtclub-Tänzerin "Ruby Rubacuori". Die Untersuchung führte zu einem Prozess, der in Mailand noch läuft.

Auch politisch geriet Berlusconi immer mehr in die Bredouille. Im September 2010 trennte sich der Premier im Streit von seinem engsten Verbündeten, dem Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Gianfranco Fini, der dem Premier einen "autoritären Führungsstil" vorwirft. Fini stieg aus Berlusconis Partei aus und gründete mit befreundeten Parlamentariern die Rechtspartei "Zukunft und Freiheit in Italien". Damit schrumpfte Berlusconis Mehrheit im Parlament beträchtlich. Fini versuchte nach 17 Jahren Freundschaft mit dem Premier seine Regierung zu kippen, doch sein Anliegen scheiterte. Berlusconi bestand im Dezember 2010 knapp eine Vertrauensabstimmung im Parlament und regiert weiter.

Strudel der Schuldenkrise

Im vergangenen Juli gerät Italien immer tiefer in den Strudel der Schuldenkrise. Im August und September bringt der gebeutelte Premier zwei milliardenschwere Sparpakete zur Eindämmung der ausufernden Verschuldung über die Bühne. An den Finanzmärkten herrscht wochenlang pure Panik. Die Mailänder Börse meldet riesige Verluste und der Zinsunterschied zwischen italienischen und deutschen Anleihen erreicht ein schwindelerregendes Rekordhoch. Der Druck für einen Rücktritt Berlusconis wächst. Der Premier weigert sich jedoch hartnäckig zurückzutreten, bis mehrere Parlamentarier seiner Koalition ihm den Rücken kehren. Am Dienstag verliert Berlusconi bei einer Budgetabstimmung in der Abgeordnetenkammer seine Mehrheit. Der Premier verpflichtet sich gegenüber Präsident Giorgio Napolitano zum Rücktritt, nachdem das Parlament ein zusätzliches Sparpaket verabschiedet hat. Am Samstagabend reichte Berlusconi seine Demission ein, während eine Menschenmenge vor dem Präsidentenpalast mit Schmährufen das Ende seiner Regierung feiert. Der Vorhang fällt für die Ära Berlusconi. (APA)

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