Gewaltiger Signifikant

Kolumne11. November 2011, 22:26
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Ein Basterd und sein Baseballschläger

Divjak: Herr Edlinger, ich bin irritiert: Da hängt im Rahmen der Schau Bigger than Life. 100 Jahre Hollywood. Eine jüdische Erfahrung der Baseballschläger des sogenannten "Bärenjuden" aus Quentin Tarantinos Kultfilm Inglourious Basterds in einer Glasvitrine - als zum Ausstellungsobjekt gewordener Fetisch. Und ich frage den Knüppel, der der Welt des Sportes abhanden gekommen ist: Was willst du mir sagen, du gewaltiger Signifikant?

Ich werfe einen Blick in die Ausstellungsbroschüre. Das Jüdische Museum Wien kontextualisiert die Keule der Gewalt in Bezug auf den Film folgendermaßen: "Der Baseballschläger repräsentiert eine amerikanisch-jüdische Angriffswaffe und damit auch ein neues jüdisches Selbstverständnis und Selbstbewusstsein 70 Jahre nach der Schoah."

Der symbolische Querschläger wurde übrigens auch für die Museumssammlung angekauft.

Welche Geschichte erzählt er dort wohl künftig, neben einem Thorazeiger, einem Schabbesleuchter oder der alten Stoffbahn mit den vorgedruckten "Judensternen"? Trägt diese Requisiten-Neuerwerbung nicht vielmehr dazu bei, dass der "Holocaust so paradoxerweise viel von seiner Bedrohlichkeit verliert", wie der große alte Denker Zygmunt Bauman festgestellt hat?

Edlinger: Herr Divjak, auch wenn das im Zusammenhang mit dem Jüdischen Museum provokant klingen mag: Die Schoah-Exploitation hat schon länger Konjunktur, das alte Gebot der Behutsamkeit oder gar des Bilderverbots zu Auschwitz ist ausgehöhlt.

Die Künstlerin Jane Korman hat Millionen Klicks mit einem Musikvideo geerntet, in dem ihr Großvater als Auschwitz-Überlebender vor dem Schriftzug "Arbeit macht frei" zum Disco-Stomper I will survive mit seiner Familie getanzt hat. Henrik Broder war ganz begeistert und preist den Sieg der Lebensfreude über den Tod und den Leerlauf der Gedenkrituale. Larry David bringt in seiner TV-Comedy Curb Your Enthusiasm einmal einen Holocaust-"Survivor" mit einem "Survivor" aus der US-Version des Dschungelcamps in einem irren Dialog zusammen. Gilt da, was Oliver Polak sagt: Ich darf das, ich bin Jude?

Mich irritiert der Knüppel eher, weil ich ihn als Instrument von Skinheads oder von Clockwork Orange-gewaltgeilen Schlägern vor mir sehe. Den Spaß am Dreschen hat uns nicht zuletzt Tarantino selbst in vielen Filmen eingebläut. Seine Pulp-Rachefantasie gegen die Nazis bekämpft die zynische Vorstellung, wonach sich die Juden wie willige Schafe zur Schlachtbank haben führen lassen. Das Trauma der Wehrlosigkeit hallt ja auch heute noch nach, wenn Israel auf das iranische Atomprogramm reagiert und gegen die Genoziddrohung nicht nur Worte, sondern auch das Militär mit seinen Baseballschlägern mobilisiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2011)

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