Einmal Nirwana und zurück

11. November 2011, 20:50
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Der Weg ist das Ziel. Nur welcher? Gerald Koll begab sich für sein Buch "henro boke" auf Pilgerreise nach Japan

...  und verlief sich 52 Tage lang, um am Ende dann doch noch zu sich selbst zu finden.

Nach 902 Kilometern sind die Gehwerkzeuge schon ziemlich erschöpft. "Meine Füße könnten ein kleines Wunder vertragen. In letzter Zeit rächen sich abends die Strecken jenseits der Kilometermarke 30." Zehn Tage später, 270 Kilometer weiter: "Der rechte Fuß erholt sich nicht (wie auch?)."

Im Mai 2007 begab sich der deutsche Autor und Kulturjournalist Gerald Koll auf Pilgerreise nach Japan. Die mehr als 1300 Kilometer lange Wallfahrt rund um die Insel Shikoku, die an 88 heiligen Tempeln, an den sogenannten "hachijuhakkasho" entlangführt, mündete 2008 im abendfüllenden Dokumentarfilm 88 - pilgern auf japanisch. Drei Jahre später erscheint die wochenlange Wanderung nun in Buchform: henro boke.

Wer sich einen Pilgerführer im Sinne der zahlreichen Jakobsweg-Publikationen erwartet, wird bitter enttäuscht. henro boke ist kein Ratgeber und auch kein pseudo-buddhistisches Geplänkel, das den Weg zum Ziel erklärt, sondern ein innerer Monolog, in dem die eigenartigen Sitten des Pilgerns kritisch, ja sogar selbstkritisch, und stets mit einem breiten Grinsen beleuchtet werden.

"Keiner ist Pilger. Jeder wird dazu", schreibt Koll alias Koru-san, wie er von seinen japanischen Wanderkollegen gerufen wird. "Und zwar, indem er oder sie sich verkleidet. Kostüm, Textbuch und Regieanweisung verhindern, dass man aus der Rolle fällt. Schritt für Schritt wächst man in seine Pilgerrolle hinein."

Stilgemäß betucht, eingehüllt in weißen Kittel, weiße Hose und weiße Umhängetasche, ausgestattet mit weißem Zettelblock, Kerzen, Weihrauchstäbchen und einem Buch mit Platz für 88 Stempel und Kalligrafien macht sich Koru-san zu seiner "Schnitzeljagd" auf, um am Ende zu merken, dass Tempel Nummer 7 trotz zweifachen Passierens am Wegesrand links liegengelassen wurde. "Im gleichen Zuge übergießt mich ein Schauer: Tempel 7, wieder verpennt!" Für eine Rückkehr ist es zu spät. Das Tempelstempelbuch bleibt unvollständig.

Immer wieder verläuft sich Koru-san im Dickicht der Kanji, der japanischen Schriftzeichen, die meist klein und unscheinbar an die Baumstämme gemalt sind. "Frust, soeben auf der falschen Bergseite ins Tal hinabzusteigen und mir einen weiteren Umweg von sechs Kilometern einzuhandeln." Und dann: "Ich habe mich zu oft verlaufen, zu oft lustig wackelnde Hüte mit tetrapackgroßen Rucksäcken und klappernden Stäben am Horizont verschwinden sehen, während ich mit der Kamera in Warteposition - worauf auch immer - zurückblieb und nach der vierten Gabelung wieder bei der ersten landete." Und dann: "Ich werde das Bummeln nach Bauchgefühl künftig lieber bleiben lassen."

Nach 52 Tagen erreicht Koru-san, "mehr als je zuvor an jenem Ort angekommen, den ich suchte: in und außer mir zugleich", laut Pilger-Almanach das ersehnte "Nirwana". Es ist das Ende einer eloquenten Reise, die nicht nur eine fremde Mentalität porträtiert, sondern auch die eigene Entfremdung am fremden Ort. Es ist das Ende einer Reise zwischen Nähe und Distanz, zwischen Assimilation und bleibendem Unverständnis. Es ist aber auch der Anfang eines neuen, eines korrigierten Blicks auf das Land des ewigen Lächelns. "Die Nonne hebt einen Zeigefinger und dreht ihn im Kreis in die Höhe", schreibt Koru-san nach vielen Geschichten und vielen Kilometern, "kneift kurz die Augen zusammen, und über mir ergießt sich ihr Gelächter."   (Wojciech Czaja  / DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2011)

  • Gerald Koll, "henro boke. Pilgern auf  Japanisch". € 19,00 / 196 Seiten. Edition Korrespondenzen, Wien 2011
    foto: edition korrespondenzen

    Gerald Koll, "henro boke. Pilgern auf Japanisch". € 19,00 / 196 Seiten. Edition Korrespondenzen, Wien 2011

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