Doppeltes Spiel

Kommentar | András Szigetvari
11. November 2011, 19:06

Es weckt Zweifel, dass die Experten von S&P zwei Stunden brauchten, um ihren Fehler zu korrigieren

Gegner von Verschwörungstheorien haben es wieder einmal schwer. Die US-Ratingagentur Standard & Poor's soll Frankreich ganz aus Versehen heruntergestuft haben? Noch mehr Zweifel weckt, dass die Experten von S&P zwei Stunden brauchten, um ihren Fehler zu korrigieren. Schließlich weiß jeder: Wankt Frankreichs Triple-A-Rating, dann wankt der Euro selbst.

Freilich gibt es keine Beweise dafür, dass S&P einen perfiden Plan verfolgt. Das würde auch wenig Sinn machen. Das Unternehmen zielt schließlich auf Marktanteile und Gewinn ab. Als größte Ratingagentur der Welt war in den vergangenen Jahren beides reichlich vorhanden, eine politische Agenda war dafür gar nicht notwendig.

Der Vorfall zeigt dennoch deutlich, dass Europa seine Abhängigkeit von den Agenturen dringend reduzieren sollte. Denn in der Vergangenheit waren die Ratingagenturen nicht einmal imstande, vor den elementarsten Gefahren in der Finanzwelt (Stichwort Lehman Brothers) zu warnen.

Mehr noch, ihr gesamtes System hakt. Die Agenturen bewerten nicht nur Staaten, sondern auch Unternehmen und lassen sich das fürstlich bezahlen. Das weckt zu Recht Zweifel an ihrer Objektivität, denn sie agieren dabei alles andere denn transparent. Auch behaupten sie, ihre harten Urteile stets auf Grundlage von "hard facts" zu fällen. Werden sie kritisiert oder wie in den USA gar geklagt, berufen sie sich darauf, nur Meinungen abzugeben. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12./13.11.2011)

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22 Postings
In Zeiten der Spekulation erlaube ich mir eine Spekulation.

Anleger, Fonds suchen für ihre seit 2008 Verlusten unterworfenes Vermögen panisch Anlagen mit möglichst geringem Risiko und möglichst hohen Gewinnen. Zuerst fielen ein paar große Banken und Finanzinstitute und wurden - too big to fall - staatlich "gerettet", um den Preis der höheren Verschuldung verschiedener Staaten. Staatsanleihen wurden un-sicher.Im EU Fleckerlteppich herrschten unterschied-lich liberalisierte Bedingungen, Regelungen, Konkur-renzen.Zuwenig Liberalisierung schränkt Anlage-möglichkeiten ein.Daher müssen passende struktur-elle Reformen(mehr privat weniger Staat)erzwungen werden.Rating Agenturen - privat finanziert - geben ein gutes Werkzeug ab, um Platz zu schaffen für das ratlos herumirrende Kapital,wenn nur die Angst groß

Spekulation fortgesetzt

groß ist, stürzen zur Not auch Regierungen. Dahinter muss kein "Generalplan" stehen. Im Chaos bilden sich immer wieder neue Strukturen - Machtverhältnisse -. Wer die rechtzeitig erkennt, kann sie nützen, wenn auch nur kurzfristig. Regelungen durch Politik werden mit neuem Chaos bestraft.Was also tun:EU demokratisch legitimieren,Stimmverhältnis in WB und WWF zu Ungunsten großer Finanzplätze ausweiten,nationale Standortkonkurrenz abbauen, gesetzliche Verpflichtung Ratingagenturen als Maßstab für Anlagen abschaffen,Steueroasen schließen,Banken zerteilen, Bankgeheimnis abschaffen,TOBIN Steuer, Finanzprodukte reduzieren, kein Handel ohne Aufsicht.Maßnahmenrasch und schlagartig umsetzen. Was noch? Und wer?

Ratingagenturen

sind mehr als verzichtbar, da sie nicht wirklich objektiv beurteilen können und deshalb auch gerne auf die eine andere Weise instrumentalisiert werden, um etwas bestimmtes zu erreichen.
DIe Objektivität ist deshalb eingeschränkt, da sie nur aufgrund von offengelegten Zahlen entscheiden können und wie jeder in den letzten Jahren verfolgen konnte, sind diese beliebig von den Veröffentlichern modifizierbar und zum eigenen Vorteil beeinflussbar. Hauptsache man ist bereits so mächtig, dass man Einfluss nehmen kann, alle anderen Mitspieler werden dann zu Puppen degradiert.

Seit Jahrzehnten weiß man,

daß nicht die 'performance' eines Unternehmens den Aktienkurs macht, sondern Spekulanten. Wie wollen da diese Agenturen sehen, was die Spekulation als nächstes vor hat? In der Kristallkugel? Lehman & Co haben sie jedenfalls nicht gesehen.-

eigentlich

funktionieren die mechanismen bei s&p (und bei allen anderen rating agenturen) so, dass da irrtümlich gar nichts passieren kann. was auch immer die beweggründe waren, es war nicht ohne absicht!

Egoistische Profitmaximierung

erklärt doch schon alles. Zur Erinnerung: Egoismus ist, wenn man das Wohlergehen anderer nicht einmal ignoriert sondern rein auf sich selber schaut.

In diesem Sinne ein großes Lob auf S&P: sie haben das hehre Ziel des Kapitalismus vorbildlich umgesetzt. Gratulation!

"...dass S&P einen perfiden Plan verfolgt. Das würde auch wenig Sinn machen."

wenig sinn?

wer den auftrag dazu gegeben und entsprechend spekuliert hat, wird in den in diesen 2 stunden verdienten millionen schon einen gewissen sinn sehen.

Könnt ma mal aufhören bei Zockergewinnen das Wort "verdient" zu verwenden? Geld verdienen hat für mich was mit produktiver Arbeit und Wertschöpfung zu tun. Es sagt ja auch niemand, dass er gestern im Wettbüro x Euro "verdient" hätte.

naja, dann müsst ma aber beim einkommen auch nur bei der hälfte von verdient reden. der rest wird abgesessen oder privat zweckentfremdet.

und bei manchen ist 50% produktivität eine reine fantasieabgabe.

So ein Schwachfug, die Produktivität ist in so gut wie allen Bereichen

In den letzten Jahren gestiegen und gestiegen, in den allermeisten Betrieben arbeiten die Menschen schon alleine deshalb hart, weil sie ihren Job auf jeden Fall behalten wollen, 40-50 h die Woche sind eher die Regel als die Ausnahme, oft müssen weniger Mitarbeiter als früher die Arbeit, die mehr geworden ist, erledigen. Klar gibt es Ausnahmen, aber die Mär von den faulen Angestellten können Sie woanders zum besten geben ...

hart arbeiten muss nicht produktiv sein.

und leerläufe nicht vom arbeitnehmer ausgehen.

Abhängigkeit woher?

"... dass Europa seine Abhängigkeit von den Agenturen dringend reduzieren sollte."

Schön und gut, aber weshalb ist Europa abhängig? Wohl nur deshalb, weil die Länder Europas gern neue Kredite aufnehmen bzw. Staatsanleihen verkaufen möchten. Und der Kreditgeber hat ja wohl das Recht, sich über die Zukunft des geliehenen Geldes Gedanken zu machen ... Nun müssen das nicht die bestehenden Agenturen sein, aber wenn eine Bank von sich aus über die Zahlungsfähigkeit Italiens nachforscht, dann wird sie wohl nicht zu grob anderen Ergebnissen kommen als S&P, oder? Und wenn man komplett unabhängig sein will, dann sollte man evtl. einmal versuchen, ohne neue Schulden auszukommen?

Es ist noch viel schlimmer!

Die Europäer haben in irgendwelche Gesetze reingeschrieben dass bestimmte Kredite ein bestimmtes Rating von eben diesen Agenturen brauchen ... und dann fangen sie an sich darüber zu beklagen dass diese Ratingagenturen zu viel Einfluss hätten ... depperter geht's eigentlich nicht mehr!

Aus dem Wortgebrauch im Artikel kann man schliessen...

dass ein "Verschwörungstheoretiker" heute jemand ist, der aus den vorhandenen Fakten unerwünschte und unbequeme Schlüsse zieht.

Verschwörungstheoretiker haben es eher leicht

mit solchen Szenarien. Erst wird von den Ratingagenturen alles unterschrieben, was von den US-Mortgagebanken vorgelegt wird, dann sieht man das Ende von Bear Sterns oder Lehmann nicht kommen, aber in good old Europe wird herabgestuft, damit Goldman&Co. höhere Zinsen auf Verliehenes einstreifen.
Nur Einfaltspinsel können da an Unabhängigkeit glauben.

Am Thema vorbei

Die Diskussion über die Rolle der Ratingagenturen und die vermeintliche Abhängigkeit der Politik geht mir langsam auf die Nerven. Ratings sind nur für jene Staaten ein Problem die Schulden machen und- wie Österreich - strukturelle Budgetdefizite aufweisen. Es sollte doch langsam allgemein auffallen, dass wirtschaftlich solide Staaten wie Schweden, Schweiz oder Singaporeüberhaupt nie genannt werden. Österreich müsste nur die schon bis zum Erbrechen diskutierten Sparpotenziale (Entfall der Hacklerregelung, Pensionsantritt mit 65, Föderalismusreform, etc.) ausschöpfen und schon wäre das Budget nachhaltig saniert. Eine weitere Erhöhung der ohnedies schon sittenwidrigen Steuerbelastung, oder gar die Einführung neuer Steuern ist unnötig.

Manche glauben wirklich jede Propaganda.

Wenns in der Zeitung oft genug steht kanns ja nur richtig sein.

Die Steuerbelastung in Schweden ist wesentlich höher. Mit bissl Strukturreform wirds nicht gehen. Und länger Arbeiten: Jo, gute Idee - ist nur die Frage ob auch dann tatsächlich die Jobs für die länger Arbeitenden da sind. Im blödesten Fall verschiebt man die Kosten nur von der Pensionsversicherung weg hin zur Arbeitslosenversicherung/Sozialsystem. Die Einkommenssteuer ist relativ hoch in Österreich, Steuern auf Kapitalerträge dagegen niedrig - und Vermögenssteuern so gut wie nicht vorhanden.

wieviel haben die Insider dabei verdient? Ab in den Knast mit diesen "Experten", Anklage: Betrug

da gibt's ein schoenes sprichwort dazu

"never ascribe to malice what can be adequately explained by stupidity"

Gab es vorher eigentlich auffällige Boersenaktivitaeten?

sowas bereitet man vor

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